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Götze, Reus und auch Schürrle Wie ein Offensivtrio den BVB retten könnte

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Dynamisches Trio: André Schürrle, Marco Reus und Mario Götze.

imago/Moritz Müller

Der Kader der Dortmunder Borussia ist eine Ansammlung klangvoller Namen des deutschen Fußballs. Doch es läuft nicht rund. Für die Offensivstars Mario Götze, Marco Reus und André Schürrle scheint sich aber das Blatt langsam zu wenden.

Es läuft nicht rund bei Borussia Dortmund. Und so muss sich das Starensemble auch nach dem frühzeitigen Abgang von Peter Bosz einige Kritik gefallen lassen. Der niederländische Trainer trug nicht alleine die Schuld für die sportliche Misere der Hinrunde. Peter Stöger, der seit Anfang Dezember den überraschend wackeligen Trainerstuhl besetzt, hatte in dieser Woche die Einstellung seiner fürstlich bezahlten Kicker ebenso wie Manager Michael Zorc unverblümt kritisiert. "Ihr spielt wie die Beamten", soll Zorc der Mannschaft nach dem 1:1 gegen den FC Augsburg zugerufen haben. Kurzum: Es knistert in der Metropole des Ruhrpottfußballs.

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So könnten Borussia Dortmund und RB Leipzig am Samstag auflaufen.

Was wäre da hilfreicher als eine schöne "Feel Good Story"? Die deutet sich tatsächlich an. Es könnte also was werden mit dem Stimmungsaufheller. Am Montag gegen Augsburg standen drei Namen auf dem Aufstellungsbogen untereinander: Mario Götze, Marco Reus und André Schürrle. Und auch am Samstag, wenn der BVB (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) am 25. Spieltag der Bundesliga bei RB Leipzig gastiert, ist mit ihnen in der Startelf zu rechnen.

Dabei schien es vor nicht allzu langer Zeit nahezu undenkbar, dass dieses deutsche Offensivtrio jemals wieder gemeinsam Fußball spielen würde. Der eine kämpfte mit allzu großen Erwartungen, der andere mit der Verletzlichkeit seines Körpers und der dritte mit einem langen Abwärtstrend in seiner Karriere. Plötzlich haben sich die Vorzeichen geändert und der BVB hat diese Gruppe von deutschen Angreifern, die nicht nur die ohnehin guten Trikotverkäufe weiter ankurbeln, sondern auch sportlich viel liefern können. Stöger vertraut zumeist auf ein 4-2-3-1-System mit Leihstürmer Michy Batshuayi als Spitze. Dahinter können Götze, Reus und Schürrle mit ihrer Klasse für das Überraschungsmoment sorgen. Exemplarisch war das Tor gegen Augsburg. Reus gewann in der eigenen Hälfte den Zweikampf gegen Jan Morávek und leitete den Konter der Dortmunder ein. Götze trieb den Ball durchs Mittelfeld, während Schürrle und Batshuayi auf die beiden Flügel drifteten und die Abwehr des FCA streckten. Am Ende war es Schürrle, der mit etwas Glück Reus den Assist lieferte.

Die Erinnerung an Rio

Gerade Schürrle erlebt eine wahre Renaissance. Der 30-Millionen-Mann wurde schon als Fehleinkauf abgestempelt. Er galt als Wunschspieler von Thomas Tuchel, der Schürrle einst in der Anfangszeit seiner Profikarriere in Mainz förderte und zu einem integralen Bestandteil der "Bruchweg Boys" machte. Doch schon wie damals im Zusammenspiel mit Ádám Szalai und Lewis Holtby lebt Schürrle auch heute noch vornehmlich von seiner Dynamik. Er braucht Raum, um sich mit Tempo eine gute Schuss- oder Flankenposition zu erarbeiten. Für kleinteiliges, ultragenaues Ballbesitzspiel ist der 27-Jährige nicht unbedingt geeignet. Umso überraschender war Tuchels Interesse, ihn nach Dortmund zu holen, obwohl die Schwarzgelben zur damaligen Zeit ein sehr Ballbesitz-lastiges System verfolgten.

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13. Juli 2014: Sternstunde in Rio.

(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

Die Umstände haben sich mittlerweile deutlich geändert. Stöger hat den BVB zu einer "normaleren" Pressing- und Umschaltmannschaft geformt. Schürrle fühlt sich um einiges wohler und gewinnt mit jedem vielversprechenden Auftritt an Selbstbewusstsein. Erst kürzlich bereitete er Götze einen Treffer beim Sieg über den Hamburger SV vor. Sofort kam die Erinnerung an die Sternstunde der beiden Nationalspieler auf. Im Sommer 2014 gewannen sie zusammen mit der DFB-Auswahl die Weltmeisterschaft in Brasilien. Den entscheidenden Treffer in der Verlängerung des Finales gegen Argentinien, jenes Tor für die Geschichtsbücher, war eine Ko-Produktion von Flankengeber Schürrle und Verwerter Götze.

Doch dass dieser Moment schon über dreieinhalb Jahre zurückliegt, verdeutlicht nochmals, wie lange Schürrle benötigte, um wieder in die Spur zu finden. Schon zum Zeitpunkt der WM stand er bei Chelsea auf der Kippe und wechselte sechs Monate später nach Wolfsburg, wo er aber ebenso nicht glücklich wurde. Ob Schürrle den Weg ins Nationalteam zurückfindet und mit Götze das Projekt Titelverteidigung im Sommer angehen kann, hängt von seinen Leistungen im Trikot der Dortmunder in den kommenden Monaten ab. "Er hat wieder den Anschluss gefunden und präsentiert sich gut", sagte Thomas Schneider, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, zuletzt am Rande eines WM-Workshops in Sotschi.

Der Pechvogel

Ein anderes Mitglied des Offensivtrios würde sich derweil wünschen, überhaupt wieder einmal an einem großen Turnier teilnehmen zu können. Die Karriere von Marco Reus droht als unvollendete in die Annalen einzugehen. Bis jetzt hat der hochtalentierte Dribbler nur einen großen Titel, den DFB-Pokal im vergangenen Sommer, gewonnen. Während andere den Trophäenschrank füllen, wuchs bei Reus vor allem die Liste an schwerwiegenden Verletzungen.

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Unbestrittenes Talent: Marco Reus.

(Foto: AP)

Das nagte an ihm. "Wir Topspieler verdienen viel Geld, dafür müssen wir teilweise einen hohen gesundheitlichen Preis akzeptieren", hatte Reus in der Phase seiner jüngsten Reha dem Magazin "GQ" gesagt. "Das ganze Geld würde ich verschenken, um gesund zu sein, um meinen Job ausführen zu können. Für das, was ich liebe: Fußball zu spielen."

Es wird schnell vergessen: Vor der WM 2014 galt Reus noch als absoluter Hoffnungsträger für die deutsche Mannschaft. Als er sich beim letzten Testspiel vorm Turnier gegen Armenien verletzte, wurden jegliche Titelhoffnungen zu Grabe getragen. Doch während seine Kollegen in Brasilien von Sieg zu Sieg eilten, begann für Reus eine Odyssee, ein emotionales Auf und Ab. Immer wieder ließ er sein unbestrittenes Talent aufblitzen und die Hoffnung auf noch viele glanzvolle Reus-Jahre wachsen, nur um sich dann wieder zu verletzen.

Dortmunds Iniesta und Neymar

Sein Kumpel Götze hielt das Trikot von Reus nach dem Finalsieg gegen Argentinien in die Kameras. Er wollte daran erinnern, dass da einer zuhause saß, der es eigentlich verdient hatte, diesen Sieg auf dem Rasen des ehrwürdigen Maracanã mitzufeiern. Götze erging es aber in der Folge nicht unbedingt besser. Bei den Bayern bekam er trotz vereinzelt ansprechender Auftritte nie wirklich ein Bein auf den Boden. Nach einiger Überlegungszeit kehrte er nach Dortmund zurück und nahm ein gellendes Pfeifkonzert in Kauf. Und als er gerade wieder in Form kam und sein Leistungspotenzial aufblitzte, warf ihn eine Stoffwechselerkrankung aus der Bahn. Reus und Götze teilten ein gemeinsames Schicksal.

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Strippenzieher und Passgeber: Mario Götze.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Was die beiden aber auch gemein haben, ist ihre außerordentliche Begabung. Götze ist trotz aller Unwägbarkeiten zum intelligenten Spielmacher, zum Problemlöser im Mittelfeld gereift. Anders als noch zu Beginn seiner Karriere setzt er seine technische Klasse nicht nur für Dribblings und Eins-gegen-Eins-Duelle ein, er nutzt sie als Strippenzieher und Passgeber. Götze macht seine Mitspieler besser.

Reus ist über die Jahre der Gleiche geblieben. Die Verletzungen schadeten, so scheint es, seinem athletischen Vermögen nicht. Noch immer zieht der gebürtige Dortmunder mit Tempo durch die Halbräume und überwältigt Offensivreihen. Doch anders als Schürrle braucht Reus nicht viel Platz für seine Dribblings. Und anders als die meisten dynamischen Offensivspieler der Liga macht Reus mit Kabinettstückchen und einer unnachahmlichen Schusstechnik auf sich aufmerksam. Wird Götze oft mit Barcelonas Andrés Iniesta verglichen, so ist Reus von seinem Spielstil her die deutsche Version von Neymar.

Gefahr von unten

Doch bei all dieser Klasse in der Offensive - zumal auch die hochtalentierten Christian Pulisic, Maximilian Philipp und Jadon Sancho um Plätze in der Offensivabteilung kämpfen - bleibt die Frage, wann Dortmund endlich wieder alle PS auf die Straße bekommt. 19 Punkte Abstand auf den FC Bayern - das ist bei aller Übermacht des Rekordmeisters zu viel.

Dortmund verfügt vielleicht nicht über jenen gereiften und eingespielten Kader und bei weitem nicht über die defensiven Qualitäten wie die Bayern, aber mittelfristig muss mehr herausspringen als Zittersiege gegen italienische Mittelfeldteams und Remis gegen die - gut aufgestellten - Zwerge der Bundesliga. Zumal die Schwarzgelben spüren, dass Rang zwei im deutschen Fußball keineswegs für immer reserviert ist, wenn sie stagnieren und ihr Potenzial nicht vollends abrufen.

Die Partie in Leipzig nun ist das Treffen mit dem aggressivsten und ambitioniertesten Emporkömmling der Liga. Ebenso wie Ruhrpottrivale Schalke möchte RB den BVB als ärgsten Bayern-Verfolger ablösen. Und am Ende kämpfen Timo Werner, Marcel Sabitzer und Emil Forsbergs auch darum, die etablierte Garde der Offensivstars mit Reus und Götze abzulösen.

Quelle: n-tv.de

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