Redelings Nachspielzeit

Redelings verneigt sich tief Christoph Daum, einzigartiges "Großmaul"

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Gestatten: Christoph Daum, Fußball-Legende und Makkaroni-Fan.

Er legte sich mit allen Größen des deutschen Fußballs an. Er erfand Transfers, nur "um Dampf zu machen". Seine Sprüche sind so legendär wie sein grenzenloses Selbstvertrauen. Nun wird "Großmaul" Christoph Daum schon 65 Jahre alt.

Der Mann trägt den Branchennamen "Cassius" wahrlich zu Recht: "Ich weiß: Ich bin einzigartig, ich bin einmalig, es gibt kaum Bessere. Es gibt auch andere, die gut sind, aber ich bin einer der Besten. Ich stelle mich nie infrage." Wenn ihn mal wieder niemand lobte, dann erledigte Daum das ganz alleine: "Es gibt den schönen Spruch von mir: Je mehr mir die Irrationalität des Fußballs bewusst wird, umso realer sehe ich ihn." Kein Wunder, dass Lästermaul Max Merkel so seine Probleme mit dem selbstbewussten Trainer hatte: "Christoph Daum ernährt sich fast ausschließlich von Makkaroni - weil er so beim Essen ungestört durch die Löcher weiterreden kann."

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Auf die Frage des berühmten "Faz"-Fragebogens nach der gegenwärtigen Geistesverfassung antwortete Trainer Daum einmal spirituell auf Wolke sieben: "Ich empfinde eine aktive Gelöstheit!" Vermutlich handelt es sich dabei um einen Dauerzustand. "Er arbeitet wie ein Brummkreisel", sagte Udo Lattek einmal über ihn. Es ist kaum zu glauben, dass dieser umtriebige Mann in seinen Anfängen tatsächlich über zwei Jahre auf eine Schreibmaschine, die er über die FC-Geschäftsstelle geordert hatte, gewartet haben soll. Doch diese Geschichte hat er selbst gerne in der Rückschau über sich erzählt.

Damals gingen die wenigsten davon aus, dass seine Karriere von Dauer sein würde. Als er 1988 während der Fußball-Europameisterschaft Franz Beckenbauer vorhielt, auf die falschen Spieler gesetzt zu haben, reagierte der Kaiser sehr entspannt: "Was kümmert es den Mond, wenn der Hund ihn anbellt?" Daum nutzte diese Antwort zu einem weiteren verbalen Schachzug: "Man müsse sich fragen, ob es sich um einen zunehmenden oder abnehmenden Mond handelt." Freunde wurden die beiden bis heute nicht.

"Sorry, nur ein Werbegag"

"Hilfreich ist natürlich, ein unbegrenztes Selbstvertrauen zu haben. Wenn man dich Großmaul nennt, hast du es geschafft." Genau nach dieser Devise lebt Daum, und so versprach der Kölner Trainer den FC-Fans an Silvester 1988, zur neuen Saison einen absoluten Kracher fürs Mittelfeld zu holen. Er wollte den Sohn des legendären Pelé nach Köln transferieren. Die Geschichte schlug ein wie eine Bombe. Ein echter Pelé im Müngersdorfer Stadion! Die erfolgshungrigen FC-Anhänger jubilierten bereits. Doch die Sache hatte einen Haken: Osvaldo spielte zwar Fußball, aber erstens nicht sonderlich erfolgreich und zweitens auch noch im Tor. Aber das wusste Daum bereits, als er den Journalisten die sensationelle Nachricht unterbreitete. Mit einem Lächeln auf den Lippen entschuldigte er sich später: "Sorry, war nur ein Werbegag. Aber ich musste doch mal wieder einen raushauen, oder?!" Alles unter dem Motto: "Ich bin für alles zu haben, was die Bundesliga interessant macht. Bei einer Flaute lässt sich auch keine Regatta fahren. Ich sorge für frischen Wind."

Doch Daum war damals nicht nur der Dampfplauderer und ein Liebling der Medien, sondern auch ein Trainer der neuen Generation. Sein Spieler Pierre Littbarski schwärmte in seinem Buch "Litti. Meine Geschichte" regelrecht von ihm: "Daum war nicht nur ein Trainer, der sehr viel von Taktik verstand, er konnte die einzelnen Spieler und die ganze Mannschaft auch hervorragend motivieren, da war er ein richtiger Künstler. Einmal brachte er eine Aerobic-Lehrerin mit, das gab natürlich ein großes Hallo, und alle machten dann schon allein aus 'Spaß an der Freud' mit."

Einer seiner großen Lehrmeister war der damalige Kölner Sportdirektor, wie Daum erzählte: "Udo Lattek hat mir psychologische Tricks beigebracht, die es in keinem Seminar zu lernen gibt." Daum hat sich in diesen Tagen, wie er selbst sagte, "die Sprache des Erfolgs" bei Lattek abgeschaut: "Es gibt eine ganz einfache Formel: Wenn du Spieler erfolgreich machen willst, dann behandele sie, wie du sie haben willst."

"Gescheiter geworden, aber nicht gescheitert"

Ulf Kirsten erzählte einmal, was Daum bei den Spielern für wundersame Dinge bewirkte: "Wenn du einsfünfzig bist, sagt er, du bist einsachtzig. Und du legst dich mit jedem an, weil du es glaubst."

Seinen wahrscheinlich letzten Einsatz in der Bundesliga hatte Christoph Daum 2011. Frankfurts Heribert Bruchhagen verpflichtete ihn entgegen dem Rat vieler Kollegen. Besonders Uli Hoeneß war erstaunt und erschrocken über Bruchhagens Aktion: "Da muss irgendwie ein Pulver im Kaffee der Bundesliga gewesen sein, allgemein. Und er hat vielleicht auch etwas da drin gehabt." Bei den Fans wirkte die Verpflichtung Daums eher humoristisch: "Wenn der Daum seine Linie durchzieht, hat Frankfurt im Abstiegskampf die Nase vorn." Medial profitierte die Eintracht jedoch von Daums Engagement. Bereits die erste Pressekonferenz geriet zu einem öffentlichen Großereignis. Über 50 Fotografen, zehn Kamerateams und ca. 100 Journalisten notierten Sätze Daums wie: "Die Familie steht jetzt erst einmal hinten an. Ich habe zu Hause Bilder von mir aufgestellt. Die kann meine Frau angucken, solange ich nicht da bin."

Nach dem Abstieg sagte Christoph Daum noch einen interessanten letzten Satz: "Ich bin in der Zeit etwas gescheiter geworden, aber nicht gescheitert." Er hätte auch einfach einen legendären Satz aus den Anfängen seiner Karriere zitieren können: "Ich bin kein Übermensch. Auch wenn mir das keiner glaubt." Alles Gute zum 65. Geburtstag, lieber Christoph Daum!

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Quelle: n-tv.de

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