Redelings Nachspielzeit

Fußball-Zeitreise, 22.02.1967 DFB-Debütanten wecken falsche Hoffnungen

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Klaus Zaczyk genoss nur einmal im Nationaldress die Gänsehaut.

Am 22. Februar 1967 erlebten die Zuschauer im nebligen Rund des Karlsruher Wildparks gleich fünf Neulinge im Trikot des DFB. Einer von ihnen ist Klaus Zaczyk vom KSC. Zehn Monate später war er trotz seines Tores beim großen Debakel der Nationalelf schon nicht mehr mit dabei.

Es war ein Abend der Hoffnung für den deutschen Fußball - eine Hoffnung, die nur wenige Monate später jäh enttäuscht wurde und im ersten großen Desaster für die Nationalmannschaft nach dem Krieg enden sollte. Doch das konnte an diesem 22. Februar 1967 noch niemand ahnen. Gleich fünf Neulinge im Trikot des DFB schickte Bundestrainer Helmut Schön im Laufe der Begegnung gegen Marokko im Karlsruher Wildpark aufs Feld. Und drei von ihnen trafen auch noch ins Tor. Einmalig in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bis zum heutigen Tag.

Einer der Debütanten hatte an diesem Abend ein Heimspiel. Der KSC-Profi Klaus Zaczyk war vier Jahre zuvor beim Start der Fußball-Bundesliga der jüngste Spieler aller 16 Vereine gewesen. Mit genau 18 Jahren und 91 Tagen hatte er sein Liga-Debüt gegen seinen späteren Verein, den Hamburger SV, gefeiert und war nach der 0:4-Niederlage schier begeistert gewesen von einer echten HSV-Legende: "Uwe Seeler sprang mit dem Kopf höher als unser Torwart Charly Paul mit den Fäusten."

"Das war Gänsehaut pur"

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Fankultur 1967.

(Foto: imago sportfotodienst)

Zaczyk begann damals seine Profikarriere mit einem Bruttogehalt von jährlich 5.000 DM. Ein Jahr später erhielt er 7.500 DM und im dritten 15.000 DM. Hinzu kamen "gute Prämien", wie Zaczyk selbst einmal erklärte. An diesem nebligen Februarabend gegen einen afrikanischen Gegner, der der deutschen Nationalmannschaft nichts Entscheidendes entgegenzusetzen hatte, sollte Zaczyk zum Beginn der zweiten Hälfte für den verletzten Doppel-Torschützen Lothar Ulsaß aufs Spielfeld laufen. Ulsaß vom kommenden Meister Eintracht Braunschweig hatte die DFB-Elf mit seinen zwei Toren nach mustergültigen Flanken des Dortmunders Siggi Held bereits in den ersten zehn Spielminuten in Führung geschossen und dabei den 800. Treffer in der deutschen Länderspielgeschichte erzielt. Als klar war, dass Ulsaß nach der Pause nicht mehr auf den Platz würde zurückkommen können, ging Bundestrainer Helmut Schön zu Zaczyk und gab ihm das Signal für den Wechsel.

Der damals 21jährige Karlsruher erinnert sich an diesen besonderen Moment mit leuchtenden Augen: "Mir lief es kalt den Rücken herunter, das war Gänsehaut pur." Gesteigert wurden diese Gefühle noch, als er nach dem zwischenzeitlichen 2:1 durch Bouassa in der 53. Spielminute für das dritte Tor der DFB-Elf sorgte. Die beiden weiteren Debütanten Jupp Heynckes von Borussia Mönchengladbach und Hannes Löhr vom 1. FC Köln schossen schließlich den 5:1-Endstand an diesem besonderen Abend heraus.

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Nicht einmal Gerd Müller konnte die bittere Nullnummer von Tirana verhindern.

(Foto: imago sportfotodienst)

Während die vier anderen Neulinge - neben Heynckes und Löhr, noch der Braunschweiger Torhüter Horst Wolter und der Schalker Klaus Fichtel - auch nach dieser Partie noch im Dress der Nationalmannschaft auflaufen sollten, war für Klaus Zaczyk trotz seines Tores die Reise mit dem DFB-Auswahlteam bereits wieder vorbei. Der agile Mittelfeldspieler bestritt von 1963 bis 1978 für den KSC, den 1. FC Nürnberg und den Hamburger SV insgesamt 400 Bundesligapartien, in denen er 61 Tore erzielte.

Keine goldene Ära - im Gegenteil

Der gebürtiger Marburger war auch während seiner aktiven Laufbahn stets ein Mann des Lebens, wie eine spezielle Anekdote, die er mit seinen Kameraden von Borussia Dortmund, Jürgen Rynio, Ferdi Heitkamp und Reinhold Wosab, vor einem Spiel des BVB in Hamburg erlebte, zeigt. Im Mittelpunkt dieser verrückten Geschichte stand der Trainer der Gästemannschaft Hermann Lindemann, dem seine Spieler nach einem Reeperbahn-Ausflug eine besondere Ausgabe der "St. Pauli Nachrichten" mitbrachten. Für Lindemann ein echter Schock. Für Zaczyk und seine Dortmunder Kollegen ein Riesenspaß.

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Weit weniger lustig war das, was der deutsche Nationalmannschaft knapp zehn Monate nach diesem denkwürdigen Abend von Karlsruhe in Tirana widerfuhr. Ohne Klaus Zaczyk, dafür mit den zwei anderen Debütanten vom Februar, Horst Wolter und Hannes Löhr, erlebte die DFB-Elf an diesem 17. Dezember 1967 eine der schwärzesten Stunden des deutschen Fußballs. Weil sie über ein 0:0 gegen Albanien nicht hinauskam, verpasste die Nationalmannschaft der BRD die Qualifikation für die Europameisterschaft 1968 in Italien.

Von den fünf Neulingen, die am 22. Februar 1967 große Hoffnungen bei den deutschen Fußballfans geweckt hatten, holte übrigens einzig Jupp Heynckes mit dem Gewinn der EM 1972 und der WM 1974 Titel mit der deutschen Nationalelf. Doch auch wenn für Klaus Zaczyk bereits nach diesem einen Abend von Karlsruhe wieder Schluss war im DFB-Dress, so hat er diese Nacht der Debütanten nie vergessen.

Quelle: ntv.de