Redelings Nachspielzeit

Redelings über Hermann Lindemann "Bundesliga-Trainer in Bordell verhaftet"

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"Wie kann denn der Kerl da so frei zum Schuss kommen, ihr Deppen?" Hermann Lindemann.

(Foto: imago sportfotodienst)

Den BVB rettet Hermann Lindemann vor dem Abstieg. Mit Alemannia Aachen und Fortuna Düsseldorf erreicht er dreimal das DFB-Pokalfinale - ohne jedoch zu gewinnen. Legendär ist Lindemann aber bis heute noch wegen der vielen Anekdoten aufgrund seiner Kurzsichtigkeit.

Als Ottokar Wüst, der legendäre Präsident des VfL Bochum, den Klub im Jahre 1963 als Präsident übernahm, war der Verein vollkommen abgewirtschaftet und sportlich als Fußball-Verbandsligist allenfalls noch Mittelmaß im Ruhrgebiet. Auch die Mannschaft offenbarte einen erschreckenden Zustand. Trainer Hermann Lindemann, so erzählt es der langjährige Jugendobmann Erwin Steden nicht ohne ein breites Grinsen, sei so blind gewesen, dass er "mehrmals die Castroper Straße falsch herum hinaufgefahren sein soll". Viel schlimmer aber sei gewesen: Die Spieler, die Lindemann ausgewählt hatte, seien leider ähnlich blind gewesen. Wüst, der neue Mann am Ruder, schob lächelnd und tief seufzend nach: "Zehn Spieler habe ich ausgewechselt. Eigentlich hätten es elf sein müssen".

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Saison 1968/1969: Lindemann (l.) beim BVB.

(Foto: imago/Horstmüller)

Ende der Sechziger Jahre trainierte Lindemann einen anderen Verein aus dem Westen, den BVB. Er rettete die Dortmunder in der Spielzeit 1968/1969 vor dem fast schon sicheren Abstieg. Doch obwohl er den Verein in der folgenden Saison auf den fünften Tabellenplatz führte, entließ ihn die Borussia. Doch noch heute erzählt man sich gerne Geschichten von dem Trainer, von dem jedermann wusste, dass er äußerst eitel war. Das führte zusammen mit seiner veritablen Sehschwäche zu herrlichen Anekdoten.

Denn Lindemann hatte aus ästhetischen Gründen die Angewohnheit, seine dicke Hornbrille an Spieltagen und gerne auch einmal beim Training nicht aufzusetzen. So erzählt man sich in Dortmund bis heute mit Tränen in den Augen von dem Tag, als Lindemann, warum auch immer, für einen Moment nicht aufs Spielfeld guckte und so verpasste, wie der gegnerischen Mannschaft ein Elfmeter zugesprochen wurde. Als der Schütze gerade den Strafstoß erfolgreich ausführte, schaute Lindemann wieder hin und war außer sich. Wütend sprang er von seinem Stuhl auf und rief: "Mein Gott, wie kann denn der Kerl da so frei zum Schuss kommen, ihr Deppen?"

"Ihr bekommt natürlich alle frei!"

Eines anderen Tages baute Lindemann beim Training eine lange Reihe von Bällen an der Mittellinie auf. Dann ging er zu seiner Mannschaft, die im Strafraum schon auf ihn wartete. Beim Anblick der Kugel-Parade kam einem gewitzten Spieler eine Idee. Betont ernst fragte er Lindemann: "Trainer, wenn ich den dritten von rechts treffe, bekommen wir dann frei?" Dem Coach gefiel das Engagement seines Akteurs und er nickte lächelnd. Der Spieler schoss, erwischte irgendeinen Ball - nur nicht den dritten von rechts - und wurde, wie zuvor verabredet, von seinen Kollegen enthusiastisch gefeiert. Lindemann war ebenfalls begeistert. Anerkennend klopfte er dem Spieler beherzt auf die Schulter und sagte: "Gut, gemacht, Junge. Ihr bekommt natürlich alle frei!"

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Auch nicht schlecht: Lindemann mit Zigarre.

(Foto: imago sportfotodienst)

In die Geschichte des BVB ist aber noch eine andere Story eingegangen. Und die hat ausnahmsweise nichts mit Lindemanns Sehschwäche zu tun. Als die Spieler der Borussia - Jürgen Rynio, Ferdi Heitkamp und Reinhold Wosab - am Abend vor einer Partie in Hamburg mit ihrem HSV-Kollegen Klaus Zaczyk über die Reeperbahn zogen, ahnten sie nicht, welch einmalige Gelegenheit sich ihnen dort bieten sollte. Beim Absackerbierchen entdeckten sie in dem nur spärlich ausgeleuchteten Etablissement einen gar wundersamen Kasten. Mit diesem Gerät konnte man sich seine ganz persönliche Schlagzeile auf die kommende Ausgabe der "St. Pauli Nachrichten" drucken lassen. Und da sie wussten, dass ihr Trainer beim Frühstück gerne Zeitung las, bestellten sie ein Exemplar und legten es am nächsten Morgen fein säuberlich neben seine Kaffeetasse. Als der Dortmunder Coach gut gelaunt im Frühstücksraum erschien, saß die komplette Mannschaft bereits gespannt auf ihren Plätzen.

Und Lindemanns Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Mit hochrotem Kopf entdeckte der entsetzte Trainer die mit dicken Lettern rot unterlegte Schlagzeile auf den ersten Blick: "Hermann Lindemann im Bordell verhaftet!" Nervös schaute der Übungsleiter des BVB im Saal herum. Seine Brille rutschte ihm von der schweißnassen Nase, als er dem vorbeieilenden Kellner zurief: "Herr Ober, ich brauche sofort einen Rechtsanwalt!"

In diesem Moment kam sein Spieler Reinhold Wosab lachend aus einem Nebenraum, hielt eine Ausgabe der "St. Pauli Nachrichten" in der Hand und rief freudestrahlend: "Ich habe gerade zu Hause angerufen. Junge, die Zeitungen gehen da weg wie warme Semmeln!" Man muss wohl nicht erwähnen, dass bei all dieser Aufregung der BVB das Spiel beim Hamburger SV mit 3:4 verlor. Heute vor 16 Jahren ist der ehemalige Spieler und Trainer Hermann Lindemann verstorben.

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Quelle: n-tv.de

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