Redelings Nachspielzeit

Kuriose Transfers am Büffet Der irre Budenzauber faszinierte die Fans

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Basler traf sich einst beim Hallenfußball mit Otto Rehhagel - eine wichtige Begegnung.

Früher war das Hallen-Masters das große Spektakel in der Winterpause. Die Fans liebten den hautnahen Kontakt zu ihren Stars und das bunte Geschehen auf und abseits des Platzes. Im Jahr 2001 war plötzlich Schluss. Mittlerweile vermissen nicht wenige den legendären Budenzauber!

Reiner Calmund war in diesem Winter des Jahres 1997 extra nach Florida gereist, um dort bei einer Körner-Kur den Körper zu entschlacken und einige überzählige Pfunde zu verlieren. Und es lief richtig gut. Die Kilos purzelten nur so. Doch dann erreichte ihn ein folgenschwerer Anruf aus Deutschland. Am Apparat war der Fußballchef von Bayer Leverkusen, Kurt Vossen. Und der hatte auf seinem Weg in den Winterurlaub einen kleinen Abstecher zum Hallen-Masters, an dem Bayer in diesem Jahr nicht teilnahm, gemacht. Für Calmunds Abspeckpläne ein verhängnisvoller Zwischenstopp, wie Vossen später lächelnd erzählte: "Als ich ihm von den tollen Büffets in München berichtete, legte er sofort einen Tag Kur-Pause ein."

Von 1987 bis 2001 veranstaltete der DFB an wechselnden Orten das sogenannte Hallen-Masters-Turnier. Anfangs hatte es die Veranstaltung, die als Einnahmequelle für die Vereine in der damals noch sehr langen Winterpause gedacht war, schwer beim Publikum. Doch schnell wurden die Hallen-Turniere in Deutschland zu einem echten Renner. Die Fans liebten den hautnahen Kontakt zu ihren Stars und das bunte Spektakel auf und abseits des Platzes. Der Budenzauber entwickelte sich zu einer echten Legende - und hatte für die Klubs noch einen anderen angenehmen Nebeneffekt. Die Halle wurde zu einer äußerst kuriosen Swingerbörse. Transfers, die es sonst nie gegeben hätte, wurden hier unkompliziert angebahnt und anschließend abgewickelt.

Und so war Reiner Calmund im fernen Florida nicht nur wegen der kulinarischen Genüsse, die ihm in München entgingen, sauer, dass er nicht vor Ort war, sondern auch deshalb, weil er wie die anderen Manager das mehrtägige Spektakel stets anderweitig nutzte: "Bei den Hallenturnieren herrscht eine entspannte und lockere Atmosphäre. Genau richtig für solche Gespräche."

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Doch nicht alle Klubvertreter sahen diese Möglichkeit ausschließlich positiv. HSV-Manager Heribert Bruchhagen wusste sehr genau um die Gefahr, dass natürlich auch seine Spieler bei den kuscheligen Turnieren von anderen Klubs abgeworben werden könnten - doch er sah ein, dass er dagegen nichts machen könne: "Ich kann sie ja schließlich nicht einschließen oder bewachen lassen." Manchmal wäre das aber wohl besser gewesen. Denn einigen Klubs taten diese Wechsel-Anbahnungen richtig weh.

Die Geschichte der Brüder Arveladze

Prominentestes Beispiel war damals der aufstrebende Jungstar Mario Basler. Werder-Trainer Otto Rehhagel zögerte keine Sekunde, als ihm der damalige Hertha-Profi beim Berliner Turnier über den Weg lief. Augenblicklich besorgte er sich direkt vor Ort seine Telefonnummer und schon zur neuen Spielzeit lief Basler in einem anderen Trikot auf - in dem des SV Werder Bremen.

Die Fans und Offiziellen liebten aber auch noch etwas anderes am Budenzauber. Bei den Qualifikationsturnieren für das abschließende Hallen-Masters präsentierten die Veranstalter immer auch Klubs aus der Ferne. Und stets war bei den Vereinen aus dem Ausland ein Star dabei, den vorher niemand kannte und den nachher alle sofort bei ihrem Klub spielen sehen wollten. Wie im Januar 1994, als der 1. FC Köln sich bei seinem eigenen Turnier im Finale Dynamo Tiflis mit 3:10 geschlagen geben musste.

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Alleine sieben Treffer schoss an diesem Tag ein Spieler namens Rewas "Rezo" Arveladze. Der FC fackelte nicht lange und verpflichtete den Mann aus Tiflis vom Fleck weg. Doch Arveladze wurde nicht recht heimisch in Köln. Nach sieben Einsätzen und nur einem Tor war die Zeit des Stars vom Hallenturnier schon recht bald am Rhein wieder abgelaufen. (Für Nerds: Etwas besser erging es übrigens seinem Bruder Artschil Arveladze beim FC. In den Jahren 2000 bis 2003 kam dieser auf immerhin 29 Einsätze, bei denen er sieben Treffer erzielte)

Aber auch die heimischen Kicker wurden in der Halle plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen. Auffällig war, dass nicht nur die kleinen, wendigen Profis das Publikum und die Offiziellen begeisterten. Auch Spieler, die nicht unbedingt zu den filigranen Technikern gehörten, blühten in der Halle plötzlich auf. Düsseldorfs Sven Demandt, Bochums Christian Hermann oder Bremens Uwe Harttgen schossen auf einmal Tore wie am Fließband.

Bloß nicht mit neuen Schuhen

Bundestrainer Berti Vogts - eigentlich kein Freund des Budenzaubers - sah das genauso: "Kleine Techniker wie die Bochumer Wosz und Bonan begeisterten. Aber selbst ein Langer wie Effenberg spielte gut. Reine Einstellungssache. Darum war ich vom Torschützenkönig Mill so angetan." Der spätere Nationalspieler Wosz offenbarte übrigens am Rande der Spiele sein ganz persönliches Erfolgsgeheimnis: "Ich spiele nur in alten, ausgelatschten Schuhen. Da klebt mir der Ball am Fuß."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Natürlich gab es aber auch Ausnahmen. Spieler, denen der Fußball in der Halle nicht so lag - wie beispielsweise dem heutigen Ausnahmetrainer Jürgen Klopp. Der erzählte einmal, dass sein damaliger Coach ihm das Spektakel in der Halle nicht recht zutraute: "Dragoslav Stepanovic hat mich mal vor einem Hallenturnier gefragt, ob ich auch schon mal Halle gespielt hätte. Als ich das bejahte, sagte er nur: Gut, aber heute nicht."

Wie man im Nachhinein weiß, lag über dem DFB-Budenzauber ein kurioser Fluch. Denn wer das Masters als Bundesliga-Tabellenführer gewann - wie 1987 der HSV, 1992 Borussia Dortmund oder 1994 Bayer Leverkusen -, der wurde am Ende der Saison nicht Deutscher Meister. Ob das der Grund dafür war, dass zum neuen Jahrtausend die Lust auf das Hallen-Masters bei vielen Vereinen immer weniger wurde oder ob es daran lag, dass man auch im Jahr 2000 noch immer über ein (längst überfälliges) Grätschen-Verbot stritt - man weiß es nicht.

Da die Klubs mittlerweile aber über neue, andere Einnahmequellen verfügten und die Winterpause inzwischen auch verkürzt worden war, entschied sich der DFB nach dem letzten Turnier 2001 in Dortmund dafür, den Budenzauber zu beerdigen. Schade eigentlich, denn nicht nur der damalige Bayern-Trainer Erich Ribbeck konnte dem bunten Spektakel in den dunklen, kalten Wintermonaten durchaus etwas Positives abgewinnen: "Hallen-Fußball ist wirklich eine tolle Sache. Wo man hinschaut, lauter lachende Gesichter."

Quelle: ntv.de