Redelings Nachspielzeit

Werder war immer bewusst anders Macht's Kohfeldt am Ende wie König Otto?

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Otto Rehhagel reckt ein Jahr nach seiner schlechten Werder-Saison den DFB-Pokal in die Höhe.

(Foto: imago images/Schumann)

Werder Bremens Spieler retten vor der Partie gegen Gladbach mit einem starken Auftritt in Freiburg vorerst den Job des angeschlagenen Trainers Kohfeldt. Genau vor 30 Jahren taumelt schon einmal ein Werder-Coach - und berappelt sich anschließend beeindruckend.

Vor genau 30 Jahren stand Werder Bremen vor dem Trümmerhaufen einer verlorenen Saison. Die Bundesliga nur auf einem siebten Platz beendet, im Uefa-Pokal-Halbfinale am AC Florenz gescheitert und das zweite DFB-Pokalfinale nacheinander - dieses Mal gegen den 1. FC Kaiserslautern - verloren. Heute würden sich die Werder-Fans nach einer solchen Situation die Finger lecken und von paradiesischen Zuständen sprechen - damals im Mai 1990 jedoch war die Lage für den Verein und besonders für den Bremer Trainer Otto Rehhagel alles andere als komfortabel.

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1994 sicherte sich Werder Bremen mit Trainer Rehhagel abermals den DFB-Pokal.

Nach neun Jahren als Werder-Coach meinten nicht wenige, dass sich der erfolgreiche Übungsleiter - er holte 1988 erstmals seit dem Jahr 1965 die Meisterschale wieder in die Hansestadt - "verbraucht" und "überlebt" habe. Und auch Otto Rehhagel selbst spürte in diesen Tagen, dass es zu einer Entscheidung kommen müsse. Beim Stand von 3:0 für den 1. FC Kaiserslautern nach 45 Minuten fragte der Trainer zur Halbzeitpause im Berliner Olympiastadion seine Mannschaft deshalb auch: "Spielt ihr gegen mich?"

Im Nachhinein kann man sagen: Dieser hochemotionale Moment in der Werder-Kabine war der Startschuss für die (Rückwärts-)Fahrt aus der Sackgasse, in die sich die Mannschaft und ihr Trainer aufgrund der enttäuschenden sportlichen Ergebnisse gemeinsam selbst hineinmanövriert hatten. Die Partie verloren die Bremer knapp mit 2:3, und allen war klar, dass es nun so nicht mehr weitergehen könne. Dies wurde den Profis noch deutlicher vor Augen geführt, als nach der Begegnung ihr Trainer zitternd und leichenblass in der Kabine saß.

"Es geht leider nicht mehr"

Rehhagels Anblick erschreckte die Spieler so sehr, dass sie einen Notarzt für ihren Coach rufen wollten. Das war am Ende Gott sei Dank doch nicht nötig. Denn Rehhagel fing sich schnell wieder und Werder gewann bis zu seinem Abgang nach der Saison 1994/95 aus Bremen in den Folgejahren noch zweimal den DFB-Pokal, erneut die Meisterschaft und holte 1992 als Krönung die Trophäe des Europapokals der Pokalsieger gegen den AS Monaco in die Hansestadt.

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Damals, nach diesem erinnerungswürdigen Pokalabend im Mai 1990, hatten die Medien den Norweger Rune Bratseth als einen der Hauptschuldigen des Debakels in der ersten Halbzeit gegen den 1. FC Kaiserslautern ausgemacht. Nun meldete sich vergangene Woche diese große Werder-Legende zu Wort und zweifelte an, ob der aktuelle Bremer Trainer in dieser Situation noch die richtige Wahl sei: "Ich schätze Florian Kohfeldt nach wie vor sehr, als Menschen wie als Fachmann. Aber: Es kann eben der Punkt kommen, an dem man sagen muss: Es geht leider nicht mehr."

Und auch ein anderer Held dieser frühen 1990er-Jahre, der robuste Abwehrrecke Uli Borowka, kann sich momentan nicht mehr vorstellen, dass der Coach noch die richtige Person zur rechten Zeit auf der Werder-Bank ist: "Die Mannschaft folgt dem Trainer nicht mehr, das ist meine persönliche Meinung. Ich glaube, dass Herr Kohfeldt die Mannschaft nicht mehr erreicht, weil sonst kann man so schlechte Leistungen nicht bringen".

"Das war unmöglich"

Nun steht zwischen diesen Aussagen der alten Legenden in der letzten Woche und dem heutigen Spiel gegen Borussia Mönchengladbach der 1:0-Sieg des vergangenen Samstags in Freiburg. Und dort präsentierte sich die Mannschaft des SV Werder vor allem kämpferisch in solch einer prächtigen Verfassung, dass die Statements von Bratseth und Borowka mittlerweile in einem anderen Licht erscheinen.

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Kohfeldt und Streich: Der Freiburger Coach gab dem Werder-Trainer Rückendeckung.

(Foto: REUTERS)

In einem überraschenden wie interessanten Kommentar direkt nach der Begegnung seiner Breisgauer Profis war Freiburgs Trainer Christian Streich auf die kritischen Bemerkungen der früheren Werder-Spieler eingegangen: "Das hört sich jetzt komisch an, aber es gibt eine gute Sache an dieser Niederlage. Ich habe ein bisschen davon mitbekommen, was einige Leute - ehemalige Spieler und sogenannte Experten -, die überhaupt nicht beurteilen können, was intern in Bremen gearbeitet wird, an Häme und negativen Äußerungen abgelassen haben, muss ich sagen: Das war unmöglich."

Macht's Kohfeldt wie Rehhagel?

Da die Kritik nach den zuvor gezeigten Leistungen allerdings alles andere als unbegründet war und da man den alten Recken durchaus ihre ehrliche Sorge um die Zukunft des Vereins abnehmen kann, sollte sich die Werder-Familie nun vielleicht wieder gemeinsam auf das konzentrieren, was sie seit den Tagen von Otto Rehhagel stark gemacht hat: Der enge Zusammenhalt und der feste Glaube daran, besonders auch in schwierigen Zeiten, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. Denn gerade die beeindruckende Konstanz in der Trainerfrage hat den Verein stets ausgezeichnet, anders und besonders gemacht.

Und auch wenn die Saison 1989/1990 den Werder-Fans im Augenblick nur bedingt zu einem aufmunternden Beispiel taugen mag, so zeigt sie doch, dass auch in den Momenten der allergrößten Enttäuschung die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft liegt. Bereits heute Abend wird man wohl schon klarer sehen können, wohin die Reise des SV Werder Bremen in dieser Spielzeit endgültig gehen wird - und ob Florian Kohfeldt wie damals Otto Rehhagel die Chance auf einen kompletten Neustart in der nächsten Saison erhält.

Quelle: ntv.de