Redelings Nachspielzeit

"Was gibt es ekelhafte Typen!" Stasi-Beichten der DDR-Kicker sorgten für Eklat

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Gütschow, Dresden und eine Auszeichnung.

(Foto: imago/Camera 4)

Vor dreißig Jahren öffnete Dresdens Torsten Gütschow mit seiner Stasi-Beichte die Büchse der Pandora. Seine Geschichten von Feigheit, Lügen und Verrat offenbarten ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte - und zeigten dramatisch auf, wie tief die Gräben nach dem Ende der DDR noch lange waren.

"Ich weiß, wie schlimm das alles ist. Aber ich habe bisher nicht den Mut gefunden, richtig darüber zu reden. Jetzt ist die Zeit reif. Ich will noch mal einen Anfang wagen. Und das kann ich nur, wenn ich alles, wirklich alles beichte." Es ist Ende Januar 1992, als Dynamo-Stürmer Torsten Gütschow in einer großen deutschen Sportzeitschrift als einer der ersten DDR-Fußballer eine umfassende Beichte über seine Stasi-Tätigkeit ablegt. Sein Schritt erfolgte jedoch nicht ganz freiwillig - vier Tage zuvor war er von einem Journalisten enttarnt worden. Dennoch platzten seine Schilderungen wie eine Bombe in die wiedervereinigte, heile Bundesliga-Welt. Gütschow selbst wollte sogar sofort zurücktreten und Dresden verlassen. Doch soweit sollte es nicht kommen - auch weil ehemalige Mitspieler ihm überraschend die Hand reichten.

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Nach und nach bestimmten in den Wochen nach der großen Beichte immer weitere Stasi-Enthüllungen die Schlagzeilen der Bundesliga und sorgten in den Vereinen für Aufregung - vor allem natürlich bei denen im Osten. Ulf Kirsten war nach Gütschow einer der ersten, der ebenfalls "enttarnt" wurde. Vielleicht ging der ehemalige Dresdener auch deshalb nach dem Auffliegen seines früheren Mitspielers Torsten Gütschow vorausschauend mit diesem recht verständnisvoll um. Kirsten selbst war bei der Stasi unter dem Decknamen "Knut Krüger" geführt.

Aber der ehemalige DDR-Nationalspieler weigerte sich erfolgreich gegen eine konstruktive Mitarbeit. Sein Stasi-Betreuer notierte damals: "Kirsten zeigt sich uneinsichtig, arbeitet nicht richtig mit. Wir müssen uns jetzt mal um seinen Vater kümmern." Ein anderer Eintrag: "Kirsten kann Fragen nach Fluchtgefahr bei Mitspielern und mit wem sie sich unterhalten, nicht beantworten. Die Vermutung liegt nahe, dass er mehr weiß, als er sagt." Später wird man Kirsten einmal sagen, dass die Stasi ihn dem "Fluchtkader Nummer eins" zugeordnet hatte. Für die DDR-Behörden galt er als potenzieller Flüchtling.

Gütschow löste eine Lawine aus

Auch Trainer Ede Geyer war in den Diensten der Stasi. Er gab vor, keine andere Möglichkeit gesehen zu haben: "Ich war einfach viel zu feige, mich dagegen aufzulehnen. Dafür müssen Sie Verständnis haben. Wer in diesem System nicht mitgemacht hat, musste immer damit rechnen, dass er spurlos verschwindet." Geyer berichtete Erschreckendes: "Ich hatte fast täglich Kontakt mit der Staatssicherheit. Ich habe über fast jeden Spieler, mit dem ich seit 1971 zu tun hatte, mündliche oder schriftliche Berichte abgegeben." Geyer selbst glaubte (und hoffte) aber, er hätte nichts getan, das "anderen geschadet hat".

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Ulf Kirsten (l.) und Torsten Gütschow (r.) feiern.

Einer der populärsten Fälle war aber - vor allem wohl aufgrund des umfangreichen Geständnisses - der von Torsten Gütschow. Sein Deckname als Stasi-Spitzel lautete "IM Schröter". Gütschow erklärte: "Ich habe immer versucht, sehr viel zu schreiben, ohne wirklich etwas zu sagen, was Mitspieler belastet. Ich weiß nicht genau, ob ich wirklich jemandem geschadet habe. Ich hoffe, dass es nicht so ist, aber ich kann es nicht ausschließen."

Direkt vor dem großen Interview beichtete Gütschow der Mannschaft seine Geschichte: "Ich konnte den Jungs nicht richtig in die Augen gucken - und sie mir auch nicht. Aber sie haben mir gesagt, dass sie mir verzeihen. Vielleicht haben sie es nur deshalb gesagt, weil sie mich im Kampf gegen den Bundesliga-Abstieg brauchen. Ich brauche jetzt Vertrauen, und das will ich zurückgeben. Und wenn es nur mit Toren ist!" Doch das klang leichter, als es in der Realität dann schließlich war. Gütschow hatte eine Lawine losgetreten - auch in Dresden und bei Dynamo selbst. Das Thema lag nun auf dem Tisch und so gab es fast täglich neue Enthüllungen, die den sportlichen Erfolg erschwerten.

Der Fall der Mauer ist nicht das Ende

Und auch andere holte in diesen dramatischen Tagen ihre Vergangenheit ein. Trainer Jörg Berger war Anfang der 80er Jahre in den Westen gekommen. Bei einem Gespräch nach der Wende mit Rostocks Präsident Kische fühlte er sich jedoch sofort an diese längst vergangene Zeit erinnert: "Wie der Kische mich behandelt hat, das erinnert mich sehr an die Machenschaften in der ehemaligen DDR. Das macht mir Angst. Die, die früher die Macht missbraucht haben, die vom Regime profitiert haben, sind auch jetzt wieder an der Macht. Die, die 40 Jahre gelitten haben, sind jetzt arbeitslos."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

In Rostock war zu dieser Zeit Uwe Reinders Trainer. Als Berger einen Job bei Hansa ablehnte, wurde Kische deutlich: "Er hat mich aufgefordert, unser Telefonat zu vergessen. Ich sollte sagen: Wir haben nie miteinander geredet." Und auch Frankfurts Axel Kruse kam aus der ehemaligen DDR und war empört über einen ehemaligen Mitspieler. Über Rostocks Florian Weichert sagte Kruse ohne Umschweife knallhart: "Ein Perverser. Er arbeitete für die Stasi und war auf mich angesetzt, verriet seine eigenen Kumpels. Als wir letzte Saison in Rostock spielten, wollte er mich umarmen. Da habe ich Hass gekriegt, bin drei Schritte zurückgegangen und zischte nur: ›Hau ab.‹ Was gibt es ekelhafte Typen!"

Torsten Gütschow hatte direkt nach seinem umfassenden Geständnis vor genau dreißig Jahren mehr Glück. Sein ehemaliger Mitspieler Matthias Sammer meinte: "Ich habe mit Torsten telefoniert, möchte ihm gerne helfen. Weil ich ihm weiter vertraue." Der frühere Dresdener Torjäger Torsten Gütschow arbeitet heute als Trainer. Im Moment ist der 59-Jährige auf der Suche nach einem neuen Job.

Quelle: ntv.de

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