Redelings Nachspielzeit

Redelings schaut in die Zukunft Wenn ein Hund Schalke zum Meister macht

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Die Schalker feiern - im unglaublichen Traum von Ben Redelings sogar die Meisterschaft.

imago/Team 2

2018 wird noch verrückter als 2017. Es ist WM-Jahr. Es ist das Jahr, in dem Jupp Heynckes wieder einmal seinen Abschied verkündet. Und Lothar Matthäus wird sich seinen Mund verbrennen. Aber vielleicht kommt alles auch ganz anders!?

In der letzten Nacht des Jahres 2017 schlief ich unruhig. Die Schulter tat weh, der Wind blies durchs Gebälk und der Mond schien durchs Dachfenster. Immer wieder wachte ich auf. Am Ende wusste ich nicht mehr, ob ich schlief, döste oder wach war. Am Morgen stand ich völlig verwirrt auf und machte mir Notizen. Hatte ich all das tatsächlich geträumt? Oder des Nachts im Kaffeesatz gelesen? Sollte 2018 wirklich so irre werden oder war nur ich irre geworden?

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Alles fing an mit Cando. Er saß vor seinem Fressnapf, seit Tagen. Der geliebte Hund von Jupp Heynckes wollte nicht mehr fressen. Lange hatte man dem Trainer des FC Bayern nichts gesagt, doch nun entschied die Familie ihm reinen Wein einzuschenken. Heynckes zögerte keine Sekunde, kehrte München den Rücken zu und kam nach Hause - zu Cando.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang April, lagen die Bayern souverän in der Tabelle vorne. Zehn Punkte vor dem Zweitplatzierten sollten reichen, um wieder die Meisterschaft zu holen. Doch es kam anders. Als am 12. Mai die Schale überreicht wurde, jubelte man an einem Ort, an dem man seit 60 Jahren keine Deutsche Meisterschaft mehr gefeiert hatte. Ganz Gelsenkirchen stand Kopf. Der FC Schalke 04 hatte es tatsächlich geschafft. Nach 1958 endlich zum ersten Mal in der Fußball-Bundesliga. Deutscher Meister. Unglaublich!

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Spätestens an dieser Stelle hätte ich eigentlich aus dem Traum erwachen müssen. Doch ich schlummerte weiter. Hin zum Fernseh-Eklat des Jahres. Denn an diesem Tage sollte sich Sky-Kommentator Lothar Matthäus ("Wäre, wäre, Fahrradkette") böse seinen Mund verbrennen. Inmitten des königsblauen Glückstrubels sagte Matthäus: "Das ist hier eine Party, die selbst Rudi Assauer sein Leben lang nicht vergessen würde!" Für Sekunden ging in meinem Traum das Licht aus. Stille. Hatte er das wirklich gesagt? Doch ich konnte nicht länger darüber nachdenken, denn schon ging die wilde Fahrt weiter.

André Schürrle als weißer Odonkor

WM-Finale, 15. Juli 2018. Deutschland hatte es tatsächlich geschafft. Im Endspiel traf man auf Gastgeber Russland - und hatte nach zwanzig Minuten nur noch sieben Spieler auf dem Feld. Vier Platzverweise des Schiedsrichters aus Italien hatten die Elf deutlich dezimiert. Trotzdem rettete sich das DFB-Team bis ins Elfmeterschießen. Und nun, in diesem Augenblick, trat niemand Geringeres als André Schürrle an. Joachim Löw hatte seine Geheimwaffe aus dem WM-Finale 2014 erst im letzten Moment mit nach Russland genommen. Nachnominiert für den verletzten Marco Reus. Lächelnd hatte der Bundestrainer erklärt: "Das ist mein weißer Odonkor. Ihr werdet es schon sehen!" Und nun trat eben dieser Schürrle an.

Russland hatte nach sechs erfolgreich verwandelten Strafstößen einen neben das Tor gesetzt und nun ballerte der BVB-Reservespieler die Kugel an die Unterkante der Latte. Ratlosigkeit im Stadion. Verunsicherte Blicke bei den Akteuren. Sekunden vergingen, dann war klar: Hawk Eye hatte alles gesehen - und die Tor-Kamera entschied zweifelsfrei auf Treffer für Deutschland. Weltmeister. Der fünfte Stern für den Titelverteidiger! Und ich? Ich träumte weiter. Von Norbert Dickel, dem Stadionsprecher des BVB, der für eine Ablösesumme von 5,7 Millionen nach Liverpool zu Jürgen Klopp wechselte und von Heiko Herrlich, der in einem groß angelegten Hollywood-Remake von "Dick und Doof" die Stunts von Stan Laurel übernahm. Als ich später aufwachte, machte ich mir diese Notizen - und nun bin ich immer noch verwirrt.

P.S.: Am Ende waren die Bayern-Fans übrigens wieder mit ihrem Verein versöhnt. Nach dem souveränen Sieg im Champions-League-Finale in Kiew gegen Paris Saint-Germain - Neymar war bereits nach sieben Minuten vom Platz geflogen, weil er seinen Mitspieler Falcao im Streit um die Ausführung eines Eckballs mit einem Faustschlag niedergestreckt hatte - hatte sich Präsident Uli Hoeneß nicht lumpen lassen und beim bildenden Künstler Hubertus Hundertreich eine spezielle Skulptur in Auftrag gegeben.

Es handelte sich um einen Fressnapf in der Form des legendären Henkelpotts, dem Sieger-Pokal der Champions League. Auf dem goldenen Nachbau verewigt: Trainer Jupp Heynckes und sein Hund Cando, die sich beide in inniger Umarmung glücklich anhimmeln. Die Bilder der Übergabe des besonderen Abschiedsgeschenks gingen um die Welt. Mittlerweile zählt die Plastik-Ausführung des Fressnapfs im Miniaturformat zu dem bestverkauften Merchandising-Artikel aller Zeiten. Uli Hoeneß hat mal wieder den richtigen Riecher bewiesen. Wie eigentlich immer. Manches bleibt eben auch 2018 wie gewohnt. Im Traum und im wahren Leben. Alles Gute, Gesundheit und Glück auf für das Jahr 2018!

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Quelle: n-tv.de

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