Fußball-WM 2018

Ja zum Ballbesitz - nur richtig Woran Löws Spielsystem krankt

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Löw muss das System seiner DFB-Elf nachjustieren.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Kaum sind die deutsche und die spanische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft ausgeschieden, ist der vermeintlich Schuldige ausgemacht: Der Ballbesitzfußball. Dabei ist das System nicht schlecht, es muss nur moderner werden.

Fußball-Weltmeisterschaften geben dem Zuschauer gerne das Gefühl, Zeuge von etwas Großem zu werden. Das war 2014 in Brasilien so, als die deutsche Nationalmannschaft mit 7:1 über den Gastgeber hinwegfegte und sich anschließend im Finale gegen Argentinien den Titel holte. Sete a um, in Brasilien ist das bis heute ein Synonym für totales Versagen einerseits, und für maximalen Triumph andererseits. Auch bei dieser Weltmeisterschaft in Russland ist nun erstaunliches zu beobachten. Das Ausscheiden des amtierenden Titelträgers und des Mitfavoriten Spanien, es fühlt sich an wie das Ende einer fußballerischen Epoche. Kolportiert wird ein Systemkollaps derjenigen Spielidee, die sowohl die deutsche als auch die spanische Elf im vergangenen Jahrzehnt so erfolgreich gemacht hat. Nun heißt es: Ballbesitz ist out, es lebe das Gegenpressing und der Konterfußball. Nur dass das eben ziemlicher Blödsinn ist. Die Dinge liegen - wie eigentlich immer - viel komplizierter.

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All das schöne Passspiel brachte den Spaniern rein gar nichts.

(Foto: imago/VI Images)

In der Tat ist es so: Die Statistiken zeichnen die erschreckende Ineffizienz des spanischen und deutschen Spiels unwiderlegbar nach. Auch des argentinischen übrigens. Satte eintausendeinhundertsiebenundreißig Pässe hatten die Iberer im Achtelfinale gegen Russland gespielt. 1137 Pässe, wovon ganze 1031 den Mitspieler fanden. Beeindruckende Zahlen, nur dass die auf dem Platz niemanden schockten. Schon gar nicht den WM-Gastgeber. Der hat das Spiel schließlich gewonnen, im Elfmeterschießen nach 120 Minuten der endlosen Passstafetten. Und vorher selbst nur einen Torschuss abgegeben.

Woran krankt das deutsche System?

Ganz ähnlich der Blick aufs deutsche Scheitern. Die Elf von Bundestrainer Joachim Löw führt einige WM-Statistiken mit absoluten Topwerten an, es sind aber leider die falschen. 335,59 Kilometer spulten die deutschen Spieler in ihren drei Partien ab, nur die ebenfalls ausgeschiedenen Serben liefen noch mehr. Im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Südkorea lag der Ballbesitz mit 74 Prozent knapp über dem deutschen Turnierdurchschnitt, ebenso wie die Passquote, die im Mittelwert bei 88,5 Prozent lag. Über die Qualität des deutschen Offensivspiels sagt das jedoch sehr wenig, beziehungsweise sehr viel aus. Wer bei 72 Abschlüssen lediglich zwei Tore erzielt, kann keine gute Leistung gebracht haben. 36 Schüsse pro Treffer sind schlicht unterirdisch. Die entscheidende Frage ist, woran das deutsche System krankt: An sich selbst? Oder doch an der Art und Weise, in der die DFB-Elf es interpretiert hat.

Die Diskussion über das Für und Wider des Ballbesitzes, sie ist in etwa so alt wie der Fußball selbst. Der große Johan Cruyff hat dazu einmal gesagt. "Wenn man den Ball hat, kann der Gegner nicht treffen." So weit, so logisch, das gilt für den Bolzplatz genauso wie für internationale Spitzenmannschaften. Um zu verstehen, was das Geheimnis hinter jener - wenn richtig ausgeführten - perfekten Form des Fußballspielens ist, lohnt der Blick auf ein weiteres Cruyff-Zitat. "Technik bedeutet nicht, den Ball 1000-mal hochhalten zu können. Dann kannst du zum Zirkus gehen. Technik bedeutet, den Ball mit einer Berührung zu passen, mit dem richtigen Tempo, in den richtigen Fuß deines Mitspielers." Denn eines ist klar: Ballbesitzfußball darf nie Selbstzweck sein. Wer nur passt, ohne Räume zu erschließen, wird keinen Erfolg haben. Andersherum: Wer es schafft, Balldominanz mit Schnelligkeit, überraschenden Tempowechseln und Dribbelstärke zu paaren, immer erfolgreich sein.

Alle müssen mitmachen

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Zu einem ähnlichen Schluss kommt Niko Kovac in seiner WM-Analyse für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Die Schnellen fressen die Langsamen" meint der neue Trainer des FC Bayern München. Ohne die nötige Geschwindigkeit bringe Ballbesitzfußball rein gar nichts mehr. Der Schlüssel seien Spieler, die "die Fähigkeiten eines Sprinters mit denen eines Jongleurs" kombinierten. Spieler wie ein Kylian Mbappé, der im Achtelfinale seiner Franzosen im Laufduell mit Argentiniens Marco Rojo eine Wahnsinnsgeschwindigkeit abspulte. Und den Ball dabei trotzdem mit traumhafter Sicherheit behauptete. Profis wie der Jungstar von Paris Saint-Germain sind eine Ausnahmeerscheinung, schon klar. Jedoch gibt es auch in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Spieler, die genau das leisten können, worauf es ankommt. Sie waren nur, wie Leroy Sané, nicht dabei. Oder haben ihre Leistung nicht abgerufen - beispielsweise Julian Draxler. Auch ein Timo Werner beherrscht das schnelle Dribbling, das hat er im Spiel gegen Schweden gezeigt, als er überraschend auf die linke Seite ausgewichen war. Nur fehlte im Strafraum der Spieler, der den Pass in die Spitze verarbeitet. Der, wie ein Miroslav Klose früher, genau da vor dem Tor auftaucht, wo es für den Gegner gefährlich wird. Es kommt eben auf das Kollektiv an, es reicht nicht, wenn nur einer mitmacht.

Wer bei vollem Tempo ins Dribbling geht, wird Lücken in die gegnerische Verteidigung reißen - unabhängig davon, ob der mit einer Dreier-, Vierer- oder gar Fünferkette verteidigt. Mindestens zieht der Ballführende zwei, vielleicht drei Verteidiger auf sich und schafft Lücken für die Mitspieler. Das ist einfachste Ballsport-Philosophie. Das perfekte Timing und die Präzision spielen hierbei eine immens wichtige Rolle - Stockfehler, wie sie sich die deutsche Elf immer wieder leistete, torpedieren das gesamte System. Ballbesitzfußball erfordert ein Selbstbewusstsein, das der deutschen Elf spätestens zum Zeitpunkt des Südkorea-Spiels gänzlich abhandengekommen war. Die Spieler auf dem Platz hatten Angst den Ball zu verlieren. Waren im Passspiel gänzlich auf Sicherheit und das Vermeiden von Risiko bedacht - entsprechend stumpf sah das Spiel dann aus. Die Balance zwischen Absicherung und Offensive ist die große Kunst, von der bei der deutschen Mannschaft im gesamten Turnierverlauf so gut wie nichts zu sehen war.

Was dem deutschen Spiel gänzlich abging war die Bereitschaft - und vielleicht sogar Fähigkeit - zum Rhythmuswechsel, zum Überraschungsmoment. Natürlich kann die DFB-Elf nicht plötzlich anfangen, Konterfußball zu spielen. Dazu besteht auch gar kein Anlass. Der Blick auf die europäischen Top-Ligen zeigt, dass sämtliche aktuellen Meister Ballbesitz-orientiert spielen. Allen voran natürlich Manchester City (71,6% im Saison-Durchschnitt), wo Josep Guardiola als Meister des el toque, also der Berührung, eine rasante Form des Ballbesitzes lehrt. Auch den Bundestrainer hatte dessen Spielidee einst so begeistert, dass er sie in der deutschen Nationalmannschaft etablierte. Mit Erfolg, der allerdings auf Dauer bequem macht.

Und so dürfte es neben den atmosphärischen Störgeräuschen auch die Stagnation - das monotone Festhalten an eingeimpften Mustern - gewesen sein, die die DFB-Elf in Russland hat scheitern lassen. Wenn Löw den Umbruch erfolgreich moderieren will, wird er auch sein System überdenken müssen. Nicht grundlegend. Aber so, dass er seine Mannschaft zurück in die Zukunft führt.

Quelle: n-tv.de

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