Fußball-WM 2018

K.-o.-Spektakel im Schnellcheck "Le petit" Mbappé minimiert "GOAT" Messi

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Bäääämmm, Mbappé.

(Foto: REUTERS)

Auch im vierten Anlauf wird Lionel Messi nicht Fußball-Weltmeister. Der Superstar und seine "Albiceleste" finden im Achtelfinale gegen Frankreich in Youngster Kylian Mbappé ihren "GOAT"-Torero.

Was ist in der Kasan-Arena passiert?

Der fünffache Weltfußballer Lionel Messi wird auch im vierten Versuch nicht Weltmeister. Und somit vermutlich auch nie mehr. Das ist passiert. So. Nun, vermutet hatte das nach dem argentinischen Rumpelpumpel in der Vorrunde ja wohl ohnehin niemand mehr. Aber anders als bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft reichte das ideenlose Gebolze eben doch für das Erreichen des Achtelfinals. Und wer in der K.-o.-Runde ist, der ist halt ein Kandidat für den Titel - ob nur bloß theoretisch oder eher doch realistisch. Messi muss sich und der "Albiceleste" diese Frage der Wahrscheinlichkeit nun nicht mehr beantworten. Denn mit einem teilweise enthemmten und wilden 3:4 (1:1) wurde Argentinien von Frankreich höflich aus dem Turnier komplimentiert - und Messi von Turbo-Talent Kylian Mbappè zum Nebendarsteller minimiert.

Teams & Tore

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Ein Spiel zum Leiden: Lionel Messi und seine Argentinier wurden von Kylian Mbappé platt gemacht.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Hernández - Kanté, Pogba - Mbappé (88. Thauvin), Griezmann (83. Fekir), Matuidi (72. Tolisso) - Giroud; Trainer: Deschamps.
Argentinien: Armani - Mercado, Otamendi, Rojo (46. Fazio), Tagliafico - Pérez (66. Agüero), Mascherano, Banega - Pavón, Messi, Di María; Trainer: Sampaoli.
Tore: 1:0 Griezmann (13.), 1:1 Di María (41.), 1:2 Mercado (48.), 2:2 Pavard (57.), 2:3 Mbappé (64.), 2:4 Mbappé (68.), 3:4 Agüero (93.)
Schiedsrichter:
Faghani (Iran)
Zuschauer:
42.873 (Kasan Arena)

Die Mbappé-Show im Spielfilm

13. Minute, TOR FÜR FRANKREICH (1:0): Mbappé packt den Turbo noch in der eigenen Hälfte aus und rennt mit der Kugel bis in den argentinischen Strafraum. Das Sprintduell mit Marcos Rojo ist in etwa so auf Augenhöhe wie Joshua Kimmich mit Dirk Nowitzki. Mbappé fliegt regelrecht vorbei, Rojo kann nur noch das Bein stellen und Schiedsrichter Alireza Faghani nicht anders, als Elfmeter zu pfeifen. Den Strafstoß zimmert Elfmeter-Chef Antoine Griezmann dann mit gewohnter Lässigkeit rein.
43. Minute, TOR für Argentinien (1:1)! Gerade als man sich fragt, was Jorge Sampaoli (also Messi) sich dabei gedacht hat, Ángel dí Maria aufzustellen, gibt der die Antwort ungefragt. Irgendwie mehr aus Verlegenheit wummst der PSG-Star nach Pass von Éver Banega einfach mal drauf. Der erste wirkliche Schuss aufs Tor sitzt. Hugo Lloris fliegt spektakulär wie Kasper Schmeichel - vergeblich. Plötzlich steht's 1:1, verrückt.
48. Minute, TOR FÜR ARGENTINIEN (1:2): Haben die Franzosen etwa noch fix ein paar Amuse-Gueule in der Kabine verdrückt? Gefühlte drei Ballkontakte nach Wiederanpfiff legt Argentinien einen Senkrechtstart hin, "Les Bleus" sind noch in der sieste. Nach Freistoß Banega (halbwegs ungefährlich) kommt der Ball zu Messi (immer gefährlich), der zieht aus der rechten Strafraumseite ab. Gabriel Mercado wagt's tatsächlich, einen Schuss des Meisters in der Flugkurve zu verändern und hält den Fuß rein. Sehen wir da Hoffnungsschimmer in Leos Augen?

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Der Hammer-Hammer von Benjamin Pavard.

(Foto: REUTERS)

57. Minute, TOR FÜR FRANKREICH (2:2): Jetzt geht's hier Schlag auf Schlag, ein Treffer ist schöner als der andere. Der Stuttgarter Benjamin Parvard (eben noch der Depp, weil Freistoß verursacht) erwischt den Ball auf der halbrechten Seite der Strafraumgrenze mit gaaaanz viel Effet, das Geschoss geht in den linken oberen Winkel. Der ist für Torwart Franco Armani (ja, wirklich) unhaltbar, weil traumhaft. Was ist hier eigentlich los?
64. Minute, TOR FÜR FRANKREICH (3:2): Die Führung geht wieder an Frankreich! Die Équipe Tricolore bittet zur Mannschaftssitzung in den argentinischen Strafraum. Zunächst probiert's Blaise Matuidi und bleibt hängen, dann ist da Mbappé, der den Ball entführt, dann kurz zum Sprint ansetzt, aber ist gar nicht so viel Platz bis zur Grundlinie. Also abgezogen aus kürzester Distanz, der ist drin. Und Armani? Ziemlich out.
67. Minute, TOR FÜR FRANKREICH (4:2): Iiiiiiiiiiiist das schöööööööön! Also nicht das, sondern der, "Le petit" Mbappé, der allerdings von Olivier Giroud profitiert. Zu schnell? Na gut. "Les Bleus" spielen einen Kontor traumhaft aus, Giroud tunnelt und legt butterweich auf Mbappé ab, der schießt die Kugel ohne Pardon ins lange Eck. Und Armani? Out, aber machtlos.
90. (+2) Minute, TOR FÜR ARGENTINIEN (4:2): The "GOAT" (nicht goat) is not dead! Messi meldet sich nochmal kurz mit einem Lebenszeichen, das nicht nur wie eine Halbfeldflanke aussieht, sondern auch eine ist. Sergio Agüero dankt und versenkt die Kugel per Kopf. Und Messi? Over and out.

Was war gut?

Mbappé. In dem 1,120 Milliarden Euro (addierte Marktwerte) schweren Kader (natürlich der wertvollste der WM) ist der 19-Jährige die größte Attraktion. Und das trotz eines brillanten Schmachtlappens wie Griezmann, trotz eines der Realität entrückten Paul Pogba und auch trotz eines Ousmane Dembélé, der neben streiken und feiern eigentlich besonders gut Fußballspielen kann. Aber diese Mbappé hängt sie alle ab. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn der irre Antritt des Paris-St.-Germain-Youngsters ist die derzeit vielleicht größte Waffe im Weltfußball. Gegen die "Albiceleste" holte der 19-Jährige in der ersten Halbzeit so einen Freistoß (Griezmann nagelte den Ball an die Latte, 9.), dann einen Elfmeter (Griezmann verwandelte sicher, 12.) und schließlich noch ein Freistoß (Pogba hämmerte ihn drüber, 19.) heraus. Weil seine Kameraden, "die gegen Argentinien ein paar schöne Sachen machen wollten" (das sagte Mbappé nach dem Spiel), es mit ihrem Chancenwucher übertrieben, stellte Mbappé im zweiten Durchgang seine persönliche Taktik um. Die Folge: Er ließ sich bedienen - und traf doppelt.

Was war nicht gut?

Lionel Messi? Ja, Lionel Messi. Er hatte freilich gute Szenen. Sein abgefälschter Schuss kurz nach der Pause führte zum 2:1 für Argentinien. Sein Antritt in der 85. Minute war so spektakulär und so schön, wie es die Welt von diesem unfassbaren Fußballer kennt. Sein Abschluss nach Dribbling gegen zwei Franzosen dann aber harmlos. Und die Halbfeldflanke zum späten 3:4 auf den eingewechselten Agüero über die französischen Innenverteidiger hinweg einfach perfekt. Aber sonst? Enttäuschend. Messi war nur 67 Mal am Ball - für den Fixpunkt der argentinischen Offensive ein totaler Murkswert. Seine Körpersprache bei verbockten Zuspielen der Kollegen - hilflos bis extrovertiert enttäuscht. Wieder einmal muss sich der Coach (also Messi, siehe unten) vorwerfen lassen, nicht die richtige Mannschaft für den Star gefunden zu haben.

Der Vergleich des Tages

Er gilt natürlich Mbappé. Und er ist so gewaltig, wie schmeichelnd. Denn erstmals seit 1958 hat ein Spieler unter 20 Jahren bei einer Weltmeisterschaft wieder drei Tore in einem Turnier geschossen. Damals in Schweden verzauberte der gerade einmal 17 Jahre alte Brasilianer Pelé die Welt (wir legen Ihnen an dieser Stelle noch einmal die sehr schöne Geschichte des Kollegen Ben Redelings ans Fußballerherz).

Wie geht's Maradona?

Die wenigen Bilder, die es von ihm in diesem Spiel gab, vermitteln uns den Eindruck: Diego Maradona geht es wieder gut (warum wieder? Nun, bitte hier klicken). Er grüßte ins Publikum, er verschickte ein paar Küsschen per Luftpost. Er freute sich und er litt. Die Gesichtsfarbe gesund. Wir sind ehrlich beruhigt.

Und sonst so?

Bricht der zuletzt mühsam gekittete Kleinkrieg im argentinischen Fußball jetzt richtig los? Es gibt mehr Indizien dafür, als dagegen. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Nigeria war ein Putsch gegen den nicht besonders geachteten Trainer gerade noch so vom Rasen gemäht worden. Als entmachtet gilt Sampaoli dennoch allemal - und als mächtigster Mann bei der Aufstellung ohnehin Messi. Wie zerrüttet das Verhältnis der beiden ist, zeigen zwei Szenen: Im letzten Gruppenspiel soll Sampaoli den Star gefragt haben, ob er Agüero einwechseln dürfe (die Antwort war übrigens ja), außerdem habe der Coach dem Weltfußballer lediglich per Whatsapp-Nachricht zum Geburtstag gratuliert (persönlich war nicht möglich, weil Messi nicht mehr mit Sampaoli reden soll).

Der Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de