Fußball-WM 2018

Sechs Lehren des WM-Desasters DFB-Elf kassiert Högschdstrafe - und nun?

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Joachim Löw und seine Elf hatten bei der WM keine Lösungen.

(Foto: dpa)

Der WM-Todeshälfte entgeht die deutsche Fußball-Nationalelf, indem sie einfach ausscheidet. Drohen dunkle Zeiten? Oder hat Trainer Löw die Kraft für einen Neubeginn? Ein "Weiter so" darf es nicht geben.

1. Todesgrüppchen schlägt Todeshälfte

Wer es nach dem Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft in Russland nicht gut mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft meint, der könnte sagen: Glück gehabt. Schließlich wäre die DFB-Elf als Zweiter der Gruppe F auf dem Teil des WM-Baums gelandet, der gemeinhin als Todeshälfte firmiert. Im Achtelfinale wäre es gegen Brasilien gegangen, danach wären dann im - laut DFB-Kapitän Manuel Neuer aber ohnehin unwahrscheinlichen - Fall des Weiterkommens Teams wie England, Belgien und Frankreich die Gegner auf dem Weg zurück ins Moskauer Finalstadion Luschniki gewesen. Denn Neuer hatte ja ebenso richtig wie knallhart analysiert: "Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt. Wie sollen wir einem Gegner gefährlich werden, wenn wir so eine Leistung abrufen?"

Südkorea - Deutschland 2:0

Deutschland: Neuer - Kimmich, Hummels, Süle, Hector (78. Brandt) - Khedira (58. Gomez), Kroos - Reus, Goretzka (63. Müller), Özil - Werner; Trainer: Löw.
Südkorea: Cho - Y. Lee, H.-S. Jang, Y.-G. Kim, Hong - Koo (56. H.C. Hwang, ab 79. Ko), Jung - Moon, Yun - J.-S. Lee - Son; Trainer: Shin.
Tore: 0:1 Kim (90.+3), 0:2 Son (90.+6)
Schiedsrichter:
Geiger (USA)
Zuschauer: 45.105 (Kasan-Arena)

Also, so eine Leistung wie beim letzten Gruppenspiel an diesem Mittwoch beim 0:2 gegen Südkorea in Kasan. Oder so eine wie beim 0:1 gegen Mexiko zum Auftakt. Und selbst das 2:1 gegen Schweden in Sotschi war nun nichts, was die Fußballwelt in Angst und Schrecken versetzt hätte - bis auf das Traumtor vom Toni Kroos natürlich. Sehen wir es positiv: Eine Antwort auf diese Frage ist dem Team von Bundestrainer Joachim Löw ebenso wie die Todeshälfte erspart geblieben. Stattdessen sind die Deutschen schon im Todesgrüppchen F an Mexiko, Schweden und Südkorea als Tabellenvierter mit drei Punkten und zwei Törchen gescheitert - und jetzt im "Verliererboot" (Thomas Müller) auf dem Heimweg. Herrje, was für ein Desaster. Högschdstrafe halt.

2. Dunkle Zeiten für den deutschen Fußball?

Aber warum nur? Warum hat es nicht geklappt? Sollte die Marketingabteilung des DFB (und ist nicht der ganze Verband eine einzige Marketingabteilung) ein T-Shirt herausbringen - darauf das Konterfei eines enttäuschten Bundestrainers, darunter #zsmmnbrch, darüber in Versalien: WHY? Nach der die WM für die deutsche Mannschaft abschließenden Niederlage gegen Südkorea stellte ein Kollege der renommierten französischen Sportzeitung "L’Équipe" Löw eine Frage, die berechtigt, aber so gar nicht charmant war: "Kommen jetzt dunkle Zeiten auf den deutschen Fußball zu?" Und so geknickt der Bundestrainer auch war, so wenig angriffslustig er sich gab ("Ich trage dafür die Verantwortung und dazu stehe ich auch"), diese Gelegenheit nutzte er dann doch, um noch kurz darauf hinzuweisen, dass seine Arbeit als Übungsleiter der wichtigsten Mannschaft des Landes so ganz erfolglos nicht war. Seit Löw nach der WM 2006 (damals war er Co-Trainer) den Job von Jürgen Klinsmann übernommen hatte, erreichte sein Team bei allen Welt- und Europameisterschaften mindestens das Halbfinale. Und 2014 in Brasilien klappte es gar mit dem WM-Titel. Also sprach Löw: "Wie bitte, dunkle Zeiten? Das denke ich nicht. Wir waren bis zu diesem Turnier die konstanteste Mannschaft der vergangenen zehn, zwölf Jahre. Jetzt hat es uns getroffen und das ist natürlich absolut enttäuschend und traurig."

3. Ohne Balance keine Leichtigkeit und keine Lösungen

So geht es für die DFB-Elf weiter

Nations League
06. September: Deutschland - Frankreich in München
13. Oktober: Niederlande – Deutschland
16. Oktober: Frankreich - Deutschland
19. November: Deutschland - Niederlande in Gelsenkirchen
Länderspiele
09. September: Deutschland - Peru in Sinsheim
15. November: Deutschland - Russland in Leipzig

"Wir wussten, dass die Südkoreaner so spielen, dass sie früh und viel Druck machen. Wir wussten, dass sie gerne mit drei, vier Spielern ihre Konter fahren. Sie sind auch nicht müde geworden und haben bis zum Schluss das Tempo hochgehalten." Wenn sie das alles wussten; wenn Mexikos überraschende Taktik mit Verzicht auf aggressives Anlaufen eigentlich gar keine Überrumpelung, sondern sogar eine positive Überraschung für das DFB-Team war, "eher ein Vorteil, kein Nachteil", wie Löw sagte; wenn die DFB-Elf tiefstehende Gegner aus der Qualifikation gewohnt war - warum fand sie dann bei der WM keine Lösungen im Spiel? Die Antwort, die das Team auf dem Rasen und der Bundestrainer in seinen Analysen gab, war erschreckend banal: Ohne Balance keine Leichtigkeit keine Lösungen. Irgendwo auf dem Weg zur WM waren der Mannschaft Ende vergangenen Jahres der Spielrhythmus und die Dominanz verloren gegangen, beschrieb Mats Hummels das Dilemma. Mit der Dominanz war die Balance zwischen Abwehr und Angriff weg, die Sicherheit im Aufbauspiel, die Zielstrebigkeit im Abschluss. Es wurde mehr gedacht als gepasst, mehr gegrübelt als gespielt, mehr gezweifelt als geschossen. Kapitän Manuel Neuer vermisste im deutschen Spiel "ein bisschen dieses Tempo und dieses Selbstverständnis, Fußball zu spielen. Dass man auch nicht groß nachdenkt, wenn man einen Pass spielt". Sein WM-Fazit lautete: "Das war zu langsam. Wir konnten nie einem Gegner richtig wehtun damit. Die Pässe in die Räume, in die Schnittstellen - das haben wir hier nicht erlebt."

4. Ein "Weiter so" bringt niemanden weiter

Und nun? Steht der Mannschaft ein Umbruch bevor. Das war zwar schon vorher klar, die goldene Weltmeister-Generation um die U21-Europameister von 2009, die Boatengs, Hummels, Müllers, Özils & Co. wird langsam zum Nationalmannschafts-Silberrücken. Aber dass der Um- und Neubau unter diesen Umständen, mit der Hypothek eines historischen WM-Fiaskos geschehen muss, war dann doch nicht abzusehen gewesen. Auch nicht, dass nach dem Confed-Cup-Triumph behutsam moderierte Änderungen und Personalwechsel nicht reichen würden. Löw hatte das Problem, so schien es, trotz der holprigen Vorbereitung verdrängt: "Wir waren schon der Meinung, wenn das Turnier dann losgeht, dass es dann gut wird." So wie in der makellosen WM-Qualifikation, so wie immer seit 2008. Mit "wir" meinte Löw sich, seinen Trainerstab und seinen WM-Kader, vor allem die neun Weltmeister. Aber dachten nicht die meisten wie das Löw'sche DFB-"Wir"?

Und dann? "Haben wir es nicht geschafft, den Schalter umzulegen", sagte Löw. Nach dem Fehlstart gegen Mexiko hatte er Start- und Stammelf im laufenden Betrieb zweimal ungewohnt heftig umgebaut, die Weltmeister-Fraktion schrumpfte von acht auf fünf, von klarer Mehrheit auf knappe Minderheit. Dass Löw alle Feldspieler aus dem 23er-Kader - bis auf den Mönchengladbacher Matthias Ginter - schon in der Vorrunde einsetzte, das hatte es noch nie gegeben. Früchte trug die Löw'sche Rotationswut indes kaum. Auch gegen Südkorea standen nur fünf Weltmeister beim Anpfiff auf dem Platz, mit Sami Khedira und Mesut Özil allerdings wieder zwei der zuvor gestrichenen. Sie zahlten das Vertrauen nur bedingt zurück. Aber: Der Trainer hat auf allen Positionen hochwertige und jüngere Alternativen. Er muss sie sich nur noch finden - und dann vielleicht nach dem Confed Cup selbst große Titel gewinnen lassen. Spieler jedenfalls wie Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger, Niklas Süle, die beiden Julians Brandt und Draxler, Leon Goretzka und nicht zuletzt Timo Werner stehen bereit. Und dann gibt es ja noch diesen Leroy Sané. Für Sandro Wagner ist das allerdings keine gute Nachricht.

5. Nur gegen etwas zu sein, das ist zu wenig

Es war von vorneherein klar, bei der Mission WM-Titelverteidigung heißt es: Deutschland gegen alle, den Weltmeister will jeder schlagen. Das haben Bundestrainer und Spieler oft genug betont. Und sie hatten behauptet, darauf vorbereitet zu sein - so wie sie stets auf alles vorbereitet schienen. Das kann ja auch funktionieren, zu einem "Wir gegen den Rest"-Gefühl führen und durchs Turnier tragen. Wer mehr über Wagenburgen im Fußball wissen will, kann ja mal bei Traineraltmeister Otto Rehhagel nachfragen, der dieses Prinzip stets gepflegt hat. Doch irgendetwas muss da schiefgelaufen sein. Die letzten Testspiele waren schwach, die Erdogan-Affäre war dem Klima im Kader wenig zuträglich und nachdem  die deutsche Mannschaft den WM-Auftakt gegen Mexiko vergeigt hatte, war es plötzlich die böse Presse, die alles nur kritisiere und schlechtschreibe. Thomas Müller hatte das als Erster moniert. Und Toni Kroos hatte nach dem 2:1 gegen Schweden gesagt, er habe das Gefühl, dass es in Deutschland "viele Leute gefreut hätte, wenn wir heute rausgeflogen wären. Aber so einfach machen wir es ihnen nicht!" Zum einen hätte er sich fragen sollen, warum das - angeblich - so ist. Und zum anderen hätten sich sicherlich viele gefreut, wenn die deutsche Mannschaft das Achtelfinale erreicht hätte.

Kroos und einige seiner Kollegen wie zum Beispiel der junge Kimmich also gaben sich beleidigt, die angekündigte Trotzreaktion aber ließen sie vermissen. Das wiederum lässt den Schluss zu, dass eine positive Herangehensweise keine schlechte Idee gewesen wäre. Denn letztlich war diese WM eine recht freudlose Angelegenheit. Timo Werner, der Leipziger Angreifer, was fast der Einzige, der so etwas wie Lust am Fußball vermittelte. Das ist dann doch ein bisschen wenig - zumal auch der Verdacht besteht, dass die Mannschaft ihre Fähigkeiten schlichtweg überschätzt hat, frei nach dem Motto: Wenn's ernst wird, regeln wir das schon. Der Bundestrainer hatte in diesem Zusammenhang von einer "Selbstherrlichkeit" gesprochen, mit der die Spieler in das Auftaktspiel gegen Mexiko gegangen seien. Vielleicht sollte er sich fragen, ob er diese Geisteshaltung mit seinem betont lässigen Auftreten nicht eher befördert als eingedämmt hat. Gut vorbereitet jedenfalls war diese deutsche Mannschaft nicht.

6. Historisch ja, aber nicht einmalig

Okay, die DFB-Elf darf nicht mehr mitspielen, zumindest nicht bei dieser WM. In Deutschland hätten sich sicherlich viele gefreut, wenn sie gegen Südkorea gewonnen hätte. Zumal hierzulande niemand weiß, wie das ist, wenn schon nach der Vorrunde Schluss ist. Das ist bei einer Weltmeisterschaft noch nie passiert. Überall im Land werden sich jetzt Selbsthilfegruppen enttäuschter Fans bilden, um das Unfassbare gemeinsam zu verarbeite. Dabei ist es ja nicht so, dass eine deutsche Mannschaft noch nie so früh aus einem Turnier geflogen wäre. Das war zwar vor Löws Zeit, ist jetzt aber gar nicht sooo lange her, genau genommen 14 Jahre. Bei der Europameisterschaft 2004, die übrigens Griechenland mit dem deutschen Trainer Otto Rehhagel gewann, war das DFB-Team auch nur kurz zu Gast. Einem 1:1 gegen die Niederlande folgte ein 0:0 gegen Lettland, bevor es zum Abschluss ein 1:2 gegen eine tschechische B-Elf gab - aus und vorbei. Danach schmiss Teamchef Rudi Völler hin, Jürgen Klinsmann übernahm - und engagierte einen Assistenten namens Joachim Löw. Der Rest ist Geschichte. Und nun fragen sich alle, ob dieser Löw noch die Kraft hat, eine neue Mannschaft aufzubauen. Nachdem der Verband um Präsident Reinhard Grindel ihm bereits vor dem WM-Aus Treue geschworen und jüngst erst den Vertrag des obersten Trainers bis zur WM 2022 in Katar verlängert hat, kann Löw sich im Prinzip nur selbst entlassen. Wir meinen: Er ist immer noch der richtige Mann.

Quelle: ntv.de