Kommentare

Die FIFA knickt vor Katar ein Das lächerlichste WM-Geschenk der Geschichte

290934896.jpg

Der FIFA-Boss und der Emir von Katar. Letzterer hat drei Frauen.

(Foto: picture alliance / DeFodi Images)

Es ist nur ein Tag, ein verdammter Tag. Aber das Zeichen, das die FIFA aussendet, ist fatal. Um den hohen Herren aus Katar die Weltbühne exklusiv zu schenken, knickt der Weltverband ein. Für das Turnier ist das egal. Für die Glaubwürdigkeit der Funktionäre der nächste Sargnagel.

Der FIFA ist ja eh alles egal. Also warum nicht einfach auch die WM verschieben. Gut, es geht nur um einen Tag. Nun startet das Turnier eben am 20. November, am Totensonntag. Und nicht erst tags drauf mit dem Auftaktspiel Niederland gegen Senegal und dem erst viel später am Tag folgenden Eröffnungsspiel Ecuador gegen Katar. Auch irgendwie eine tolle Pointe dieser umstrittenen Großveranstaltung. Und die nächste Absurdität auf einer langen Liste, die mit der Wahl des Ortes begann, sich über den Zeitpunkt (Winter) fortsetzte und nun vorerst bei der Terminverschiebung endet. Warum der ursprüngliche Zeitplan gar kein richtiges Eröffnungsspiel vorgesehen hatte, das ist übrigens völlig unklar.

Natürlich kann man jetzt auch sagen: künstliche Empörung, wer sich an so etwas emotional abarbeitet. Aber um diesen einen Tag geht es nicht. WM-Gastgeber Katar möchte nämlich offenbar nicht nur die Welt mit offenen Armen (kleiner Scherz) empfangen, sondern auch den ersten Turniertag exklusiv für sich blocken. Bedeutet also: Eröffnungsspiel austragen ohne internationale Konkurrenz. Wie es bei dem Weltturnier seit 2006 der Fall ist. Aber in diesem Jahr nicht der Fall sein sollte. Bis dann doch der zumindest für Außenstehende urplötzlich kommende Wunsch danach entsteht.

Diesem Wunsch kommt der Weltverband gerne nach. 100 Tage vor Beginn des Turniers. Eine Überraschung ist das leider nicht. Denn Präsident Gianni Infantino kuschelt ja nicht nur gerne mit den hohen und reichen Herren aus dem Emirat, sondern hat seinen Wohnsitz direkt mal dorthin verlegt. Ein Zeichen ist das. Aber nicht so, wie man es sich wünschen würde. Der Schweizer ist jetzt nicht erster Wächter auf den Baustellen in Katar und strenger Hüter der Menschen- und Freiheitsrechte. Infantino ist in Katar und liebt das Leben. Einfach habe man sich diese Entscheidung aber nicht gemacht. Heißt es. Dem Beschluss vorausgegangen sei "eine Analyse der sportlichen und betrieblichen Auswirkungen sowie umfassende Konsultationen und Absprachen mit den wichtigsten Interessengruppen und dem gastgebenden Land." Nunja.

Infantino-Riege endgültig entlarvt

Es ist tatsächlich eine Banalität, ob das Turnier nun am Sonntag oder Montag stattfindet. Und es ist auch fürchterlich egal, ob das erste Spiel der Wüsten-WM Katar gegen Ecuador heißt oder Senegal gegen die Niederlande. Für das Wohl - eher Wehe - dieses Turniers hat die Ansetzung keinerlei Bedeutung. Aber in dieser Banalität steckt eben auch eine Brutalität. Es ist die ewig erschütternde, dass sich mächtige Verbände wie die FIFA von Despoten oder Unrechtsstaaten alles diktieren lassen.

Zwar verkauft der Weltverband die Entscheidung als Bonbon, als noch größeres Spektakel für die Fans (Themen wie vorzeitige Anreise, TV-Übertragungen und Ähnliches werden in dieser Glückseligkeit souverän ignoriert). Eine Schönrederei, nach der sich wohl niemand gesehnt hat. Aber was soll die FIFA auch sagen? Sorry, der Druck aus Katar war so groß, dass wir nicht anders konnten? Eine Antwort darauf braucht man nicht zu geben. Sie gibt sich selbst. Diesen Druck soll es laut "The Athletic" tatsächlich gegeben haben. Standhaftigkeit nicht mal bei der Terminfrage, wer noch allerletzte Zweifel an der Werte- und Moralinstabilität der Infantino-Riege hatte, der dürfte diese nun gänzlich ausgeräumt haben.

Nur ein verdammter Tag

Mehr zum Thema

Was wäre denn passiert, wenn der Verband auf seiner Entscheidung von vor sieben Jahren beharrt hätte? Katar hätte die WM nicht freiwillig hergeschenkt. Aber obwohl der internationale Fußball seit Jahren in einer fatalen Abhängigkeit von katarischen Reichtümern ist, hätte es auf diesem Feld ganz sicher Möglichkeiten der Sanktionen oder aber des Rückzugs gegeben. Aber gute Freunde will man eben nicht verprellen. Und die haben die Sport-Großverbände ja mittlerweile fast nur noch in den Unrechtsstaaten und unter den großen Despoten der Gegenwart.

Ihre Ignoranz gegenüber Menschenrechten, Umweltschutz sowie Nachhaltigkeit, ihr tatenloses Gerede über Demut und gegen Gigantismus und die sich immer wieder erzählenden Geschichten über Korruption haben die Funktionäre in den meisten Demokratien zu unerwünschten Personen gemacht. Dass ihnen der Kampf um Glaubwürdigkeit, um Vertrauen zu anstrengend ist und sie lieber den Weg des geringsten Widerstandes (oder der größten Annehmlichkeiten) gehen, spiegelt sich nun in der Verschiebung der Wüsten-WM. Auch wenn es nur ein verdammter Tag ist. Es ist der verdammte Tag, an dem Katar die Weltbühne für sich bekommt und zeigen wird, wie großartig sich die Dinge im Wüstenstaat gefügt haben. Es ist der Tag, an dem die FIFA zufrieden lächelt. Wie einst ihr Präsident Joseph Blatter bei der Vergabe. Es war das hässlichste Lächeln der jüngeren Fußball-Geschichte.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen