Olympia

Polens Regenbogen-Athletinnen Coming-outs erzürnen den Staatspräsidenten

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Aleksandra Jarmolinska (rechts) trug auf der Eröffnungsfeier in Tokio eine Pride-Maske.

(Foto: instagram.com/dzarmola/)

Zwei polnische Athletinnen nutzen die Olympischen Spiele, um sich als homosexuell zu outen. Ein mutiger Schritt in einem Land, in dem LGBTQ-feindliche Rhetorik zum Repertoire der in Polen regierenden Nationalkonservativen gehört.

Polnische Sportfans mussten sich gedulden, bis sie bei diesen Olympischen Spielen die erste Medaille bejubeln konnten. Erst am Mittwoch, dem fünften Tag in Tokio, schaffte es Polen aufs Siegerpodest. Der Doppelvierer der Frauen errang in einem spannenden Rennen Silber.

Doch der Jubel über den sportlichen Erfolg wich ebenso schnell wie die Diskussion über die bisher dürftige Medaillenausbeute. Und alles nur wegen ein paar simplen Grüßen während eines Fernsehinterviews direkt nach dem Rennen. "Ich grüße meine Freundin sehr, Julia", sagte die Medaillengewinnerin Katarzyna Zillmann voller Freude ins Mikrofon des staatlichen Fernsehsenders TVP.

Was hier in Deutschland für keine Aufregung gesorgt hätte, ist in Polen jedoch eine Sensation. Denn diese Grüße an ihre Liebste in der Heimat, die Kanutin Julia Walczak, waren das offizielle Coming-out von Zillmann. Und das nicht nur vor einem Millionenpublikum, sondern auch noch vor den Kameras des staatlichen TVP. Erst vergangene Woche trennte sich der staatliche Sender fristlos von einem langjährigen Produzenten der täglichen Frühstücksfernsehsendung "Pytania Na Sniadanie", weil in der Sendung eine Sängerin mit einer Regenbogenfahne um die Schultern aufgetreten war. Die Senderleitung bemängelte, dass der verantwortliche Produzent diese einblendete und begründete die Entscheidung mit der Behauptung, die Regenbogenfahne könne die Gefühle einiger Zuschauer verletzen.

Duda: "Das ist eine Ideologie"

Es war nicht das erste Mal, dass TVP wegen seiner Haltung zur Regenbogenfahne für Schlagzeilen sorgte. Was politisch gesehen jedoch wenig überraschend ist. Den einst öffentlich-rechtlichen Rundfunk bauten die in Polen regierenden Nationalkonservativen zu "nationalen Medien" um, die im Alltag nichts anderes sind als eine Propagandatube der Regierungspartei PiS. Und zu einem der Feindbilder der PiS avancierte in den letzten Jahren immer mehr die LGBTQ-Community.

"Sie versuchen uns davon zu überzeugen, dass sie Menschen sind, aber das ist eine Ideologie", sagte Staatspräsident Andrzej Duda im vergangenen Jahr während des Präsidentschaftswahlkampfs. Nicht die einzige verbale Entgleisung eines nationalkonservativen Politikers, die viel aussagt über die aktuelle Stimmung gegenüber sexuellen Minderheiten im Nachbarland, wo sich viele von den Nationalkonservativen dominierte Kommunen auch zu "LGBTQ-Ideologie freien Zonen" erklärt haben. Diese machen bereits ein Drittel des polnischen Staatsterritoriums aus.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Mitglieder der LGBTQ-Community mittlerweile in ihrem eigenen Heimatland nicht mehr sicher fühlen. Dass viele von ihnen aber trotz aller feindlichen Rhetorik den Mut haben, sich öffentlich zu zeigen und ein Zeichen für Toleranz zu setzen, zeigen eindrucksvoll die Olympischen Spiele in Tokio. Denn neben Ruderin Zillmann sorgte auch Sportschützin Aleksandra Jarmolinska für Schlagzeilen. Die 30-Jährige lief bei der Eröffnungsfeier nicht nur mit einer regenbogenfarbenen Maske auf. In einem wenige Tage vor dem Beginn der Spiele veröffentlichten Video gab sie ihre Homosexualität bekannt und kündigte an, demnächst im Ausland ihre Freundin heiraten zu wollen. "Ich liebe meine zukünftige Ehefrau", erklärte Jarmolinska.

"Eine normale Familie besteht aus Frau und Mann"

Wie gespalten das Land beim Thema LGBTQ ist, zeigen die unterschiedlichen Reaktionen auf die polnischen Athletinnen. So ließ sich der sportbegeisterte Präsident Duda, der sonst dafür bekannt ist, dass er polnischen Sportlern auf Twitter gratuliert, 24 Stunden Zeit, bis er die mit Silber dekorierten Ruderinnen beglückwünschte. 24 lange Stunden, in denen eine Diskussion entbrannte, ob sich das Staatsoberhaupt deshalb so lange damit Zeit lässt, weil Zillmann sich als lesbisch geoutet hat. Regierungsnahe Medien versuchten das Coming-out der beiden Athletinnen dagegen so gut es geht zu ignorieren. Umgekehrt waren wiederum die Reaktionen auf der liberalen Seite.

Aber auch die liberalen Medien und Fans bekleckerten sich nicht unbedingt mit Ruhm. Der Grund dafür ist die Windsurferin Zofia Nocit-Klepacka. "Menschlich ist sie für mich ganz unten", erklärte dieser Tage Witold Kozakiewicz, Olympiagewinner im Stabhochsprung von 1980 und eine Legende des polnischen Sports, in einem Interview. Andere wünschten der Bronzemedaillengewinnerin von 2012 gar ganz offen Misserfolg. Grund dafür sind ihre erzkonservativen Ansichten, die auch die LGBT-Community betreffen. "Eine normale Familie besteht aus Frau und Mann. Nur wegen dieser Verbindung existiert noch die Menschheit. Das ist aber nicht der Fall bei Beziehungen von Mann und Mann oder Frau und Frau", sagte Nocit-Klepacka in einem ihrer Interviews. Kontroverse und kritikwürdige Aussagen, die sie zu einer Heldin der Nationalkonservativen machten und einem Feindbild der Liberalen.

Doch ausgerechnet Nocit-Klepacka und Zillmann, diese zwei unterschiedlichen Frauen, setzten am Freitag ein wichtiges Zeichen. Auf Facebook veröffentlichte Klepacka ein gemeinsames Foto, auf dem sich die zwei Athletinnen im Arm halten. "Sport steht über allem. Kasia, dir und der ganzen Mannschaft Glückwünsche zu Silber", schrieb dazu Polens erfolgreichste Windsurferin. Versöhnliche Worte, die nicht nur zeigen, dass Sport verbinden, sondern auch Vorurteile abbauen kann. Oder um es mit den Worten von Zillmann zu sagen: "Lasst uns alle einander lieben. Entscheiden wir nicht, wen jemand lieben darf und wen nicht. Lasst uns die Augen offen halten für die Bedürfnisse anderer Menschen".

Quelle: ntv.de

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