Wirtschaft

Italien, Griechenland, Frankreich "Kurzfristig könnten wir Trump dankbar sein"

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Kurzfristig könnte Europa vom Aufschwung in den USA profitieren.

REUTERS

Die wirtschaftspolitischen Aussichten für Europa sind ungewiss. Dieses Jahr gab es mit der Wahl von Donald Trump in den USA und dem Brexit-Referendum zwei große Überraschungen. Nächstes Jahr könnte es Exit-Debatten um Italien, Griechenland und Frankreich geben - mit ungewissen Ausgang. "Europa ist immer noch schwach", warnt Ifo-Chef Clemens Fuest. Den Brexit gebe es nur, weil "Großbritannien nicht mehr an einen Club der Verlierer gekettet sein wollte". n-tv.de spricht mit dem Ökonomen über das Auseinanderdriften Europas und die Auswirkungen der Wirtschaftspläne des künftigen US-Präsidenten auf den Kontinent.

n-tv.de: Europa hat viele hausgemachte Probleme. Der US-Wahlausgang bringt neue. Wie gefährlich kann eine protektionistische US-Wirtschaftspolitik unter Donald Trump werden?

Clemens Fuest: Trump hat deutlich gemacht, dass er einige Handelsabkommen nicht unterzeichnen oder Verhandlungen nicht weiterführen will. Das betrifft vor allem die transpazifische Freihandelszone. Kurzfristig besteht für den europäisch-amerikanischen Handel kein Risiko. Wenn die USA Zölle einführen wollten, müssten sie aus der WTO austreten. Das werden sie nicht tun. Mittelfristig könnte es allerdings schon Handelshemmnisse für Europa geben. Die USA könnten sagen, Diesel-Motoren wollen wir nicht. Sie könnten Standards verändern, um deutsche Unternehmen vom Markt zu drängen. Außerdem könnten künftige Wachstumspotenziale wegfallen, wenn TTIP zum Beispiel nicht zustande käme. Wenn das Freihandelsabkommen nicht kommt, stellt sich die Frage, woher künftige Wohlstandssteigerungen kommen sollen.

Wird Trump seine Ankündigungen aus dem Wahlkampf umsetzen und auf Konfrontationskurs gehen?

Trump ist Geschäftsmann. Er weiß, dass ein Crash-Kurs in der Handelspolitik den USA nur schaden kann. Ich nehme an, dass er jetzt vernünftig an Verhandlungen herangehen wird. Es wird aber auch nicht so sein, dass er gar nichts von dem umsetzt, was er angekündigt hat. Er wird versuchen, mit China härter zu verhandeln. Ich glaube auch, dass er bei dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (Nafta) Veränderungen verlangen wird. Aber gerade das ist ein Beispiel für ein Abkommen, bei dem es um massive US-Interessen geht. Amerikanische Firmen haben 100 Milliarden Dollar in Mexiko investiert. Es ist nicht anzunehmen, dass Trump diese Investitionen vom amerikanischen Markt abschneiden will.

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Wie passen Trumps Ankündigungen und die Zinserhöhungen der Fed zusammen?

Trump wird das Präsidentenamt in einer Phase eines Wirtschaftsaufschwungs in den USA antreten. Was die Fed tut - schrittweise die Zinsen erhöhen - ist keine Reaktion auf Trump, sondern eine normale geldpolitische Anpassung an steigende Preise und eine bessere Auslastung der US-Wirtschaft. Spannend wird es, wenn Trump seine Verschuldungspläne umsetzt. Denn das wird die US-Wirtschaft beleben. Dann muss die Fed möglicherweise die Zinsen schneller anheben. Und das wird die Kosten der Staatsverschuldung in die Höhe treiben. Das Ganze wird sich also auf den US-Staatshaushalt auswirken. Es gibt also einen Konflikt. Die Geldpolitik in den USA steht auf dem Bremspedal, und die Fiskalpolitik der Regierung tritt aufs Gas. Das kann zu einem Schlingerkurs führen.

Die höheren US-Zinsen könnten auch die europäischen Zinsen nach oben treiben. In der Nullzinsphase konnten sich die hochverschuldeten Euro-Staaten am Kapitalmarkt günstig Geld für ihre Schuldendienste besorgen. Wie werden diese Staaten höhere Zinsen verkraften?

Die sehr hohen Schuldenstände der Staaten sind ein Risiko für die Zukunft. Kurzfristig glaube ich aber nicht, dass der amerikanische Zinsanstieg zum Problem in Europa wird. Die EZB muss die Zinsen erst erhöhen, wenn wir wieder Inflation haben. Diese wird natürlich durch die Abwertung des Euro begünstigt. Durch die gleichzeitige Dollar-Aufwertung gibt es aber auch einen Schub für die europäische Konjunktur. Der Export wird angekurbelt, Amerika wird mit einem stärkeren Dollar mehr nachfragen. Das Zinsrisiko wird erst später durchschlagen.

Italien, Griechenland und Frankreich sind potenzielle Exit-Kandidaten in der Eurozone. Es werden immer mehr. Woran liegt das?

Wir haben den Brexit, das Abdriften Großbritanniens. Wie haben Auseinandersetzungen mit einigen osteuropäischen Staaten. Wir haben die schlechte Entwicklung in Italien. Das Kernproblem der Europäischen Union ist das Nichtfunktionieren der Eurozone. Wir haben unsere Probleme nicht überwunden. Die Eurozone ist institutionell immer noch nicht so aufgestellt, dass sie dauerhaft stabil ist. Das wirkt sich auf alles andere aus. Ohne die Euro-Krise hätten wird die Brexit-Entscheidung wahrscheinlich nicht gehabt. Aber Brexit-Befürworter vertraten - zu Recht oder Unrecht - die Auffassung, dass man an einen Club der Verlierer gekettet ist, von dem man sich besser lösen sollte. Europa ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und nicht in der Lage, Herausforderungen zu begegnen, die von außen kommen. Durch das Krisen-Management in der Eurozone sind wir heute in Gläubiger und Schuldnerstaaten gespalten. So etwas führt zu Streit und Uneinigkeit. So lange wir diese Probleme nicht lösen, wird die Europäische Union schwach bleiben, und es wird immer die Gefahr geben, dass sie zerbröselt.

Wagen Sie eine Prognose, ob wir nächstes Jahr den ersten Exit eines Euro-Staates sehen werden?

Meine Prognose ist, dass keine solchen Entscheidungen fallen. Leider gibt es politische Anreize, Probleme kurzfristig zu übertünchen und nicht zu lösen. Für nachhaltige Lösungen müsste man akzeptieren, dass Verluste offengelegt werden. In der Eurokrise gab es die Botschaft an Deutschland: Wir hatten eine Überschuldungskrise, Schuldner wie Griechenland können das Geld nicht zurückzahlen, aber niemand bei den Gläubigern verliert etwas. Das passt nicht zusammen. Wie hat man das arrangiert? Indem man die Verluste versteckt und die EZB eingeschaltet hat.

Das heißt, es wird sich nichts ändern, unsere Geduld wird einfach immer weiter strapaziert?

Das wahrscheinlichste Szenario ist eine Japanisierung. Man reagiert auf Schuldenkrisen durch Bereitstellung von Liquidität, was Zeit verschafft. So hat es Japan gemacht. Die Folge waren 20 Jahre Stagnation. In der Eurozone haben wir jetzt die ersten zehn Jahre Stagnation hinter uns, und die Probleme sind nicht gelöst. Die Schulden der Krisenstaaten wachsen weiter. Wie reagieren wir darauf? Mit Zeit und Geld. Die EZB hält die Zinsen künstlich niedrig, wir geben Liquidität. Aber das führt zu Zombie-Banken. Staaten, Wirtschaften und Sektoren, die weder zusammenbrechen, noch leben können.

Und doch kommt es zu einer Rally an den Aktienmärkten. Wie passt das ins Bild?

Die Aktienmärkte erwarten einen Trump-Boom in den USA. Eine Situation, in der sich viel Geld verdienen lässt. Trump hat Steuersenkungen für die Unternehmen angekündigt. Das ist gut für die Unternehmenswerte. Dass es nur ein Strohfeuer sein könnte, ist kurzfristig kein Problem. So etwas kann durchaus mehrere Jahre dauern. In der Reagan-Zeit haben wird das erlebt. Eine Volkswirtschaft wie die USA hat ganz andere Verschuldungskapazitäten. Sie kann einen schuldenfinanzierten Boom durchaus für einige Jahre herstellen. Dann wird man zwar auf die Bremse treten müssen, der Katzenjammer kommt mit Sicherheit. Aber erst einmal gibt es einen Boom. Und darauf setzen die Finanzmärkte.

Das heißt, das schuldengeplagte Europa wird dankbar für Trump und seine Investitionen sein. Sind wir die Profiteure der Schuldenpolitik der USA?

Das kann durchaus sein. Durch den Aufschwung in den USA könnte die Eurozone aus der Lethargie gerissen werden. Dafür sind wir dann kurzfristig dankbar. Der Aufschwung wird allerdings nicht nachhaltig sein. Auch in den USA sind die Staatsfinanzen nicht so solide, dass sie sich stark verschulden können. Das heißt, irgendwann wird eine Regierung kommen, die auf die Bremse treten muss. Und dann geht es bei uns auch in die andere Richtung.

Brexit und Trump dieses Jahr, was bringt das kommende Jahr?

Es kann sehr spannend werden. In Italien gibt es voraussichtlich Neuwahlen. Außerdem gibt es Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Ich erwarte, dass Marine Le Pen und Francois Fillon in die Stichwahl kommen. Beide sprechen sich für einen grundsätzlichen Wandel in der Wirtschaftspolitik aus. Fillon will die Staatsausgaben kürzen und die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft wieder herstellen. Ob er das gegen den Widerstand der sehr radikalen Gewerkschaften in Frankreich umsetzen kann, erscheint mir zweifelhaft. Wenn Le Pen gewinnt, wäre der Kurswechsel auch radikal, allerdings radikal negativ.  Das wäre eine existentielle Gefahr für die Europäische Union und für die Eurozone.

Ist Frankreich der nächste große Brandherd?

Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, dass Le Pen gewinnt. Aber Ähnliches hat man auch über Trump gesagt. Der andere große Brandherd ist Italien. Wenn die Protestbewegung Fünf Sterne die Macht übernimmt, könnte es dazu kommen, dass Italien die Eurozone verlässt. Auch das halte ich nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass wirtschaftliche und politische Entwicklungen nur sehr beschränkt vorhersagbar sind. Wir müssen mit Überraschungen rechnen, und dann sieht die Welt plötzlich anders aus.

Mit Clemens Fuest sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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