Wirtschaft

Krisenbranche schöpft Hoffnung "Windkraft wird mit Macht zurückkommen"

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Die Flaute beim Windkraftanlagenhersteller Nordex dauert an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Deutschland will so schnell wie möglich weg vom russischen Gas und setzt dabei auch auf den massiven Ausbau von erneuerbaren Energien. Gleichzeitig steckt die Windkraftbranche tief in der Krise. Die Bundesregierung will nun frühere Entscheidungen korrigieren.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat Deutschland denkbar unsanft aus dem fossilen Dornröschenschlaf gerissen. Angesichts des Gas-Dilemmas treibt die Bundesregierung den Ausbau erneuerbarer Energien mit dem neuen Osterpaket voran. Plötzlich steht auch Windkraft wieder hoch im Kurs. Ganz und gar nicht ins Bild passt da die Entscheidung des heimischen Windkraftanlagenherstellers Nordex, den Rostocker Standort zur Rotorblattproduktion zum 30. Juni dichtzumachen. Der Grünen-Politiker Johann-Georg Jaeger verbalisierte am Tag der Schließung das Paradoxon, das auch die rund 600 nunmehr Ex-Beschäftigten umtreiben dürfte: "Wir schließen dieses Werk, obwohl wir wissen, in ein, zwei Jahren werden wir jedes Rotorblatt brauchen - und zwar die aus Indien und aus Deutschland."

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Dass Nordex in Zukunft auf dem indischen Subkontinent statt an der Ostsee Rotorblätter produzieren wird, erschließt sich vor allem aus betriebswirtschaftlicher Logik. Nordex sei gezwungen, die "globalen Produktions- und Beschaffungsprozesse" zu optimieren, um "profitabel zu produzieren und die Wettbewerbsfähigkeit" zu sichern, rechtfertigte Nordex-Chef José Luis Blanco diesen "schmerzhaften" Schritt. Übersetzt heißt das: Die Produktion in Deutschland ist schlichtweg zu teuer.

Tatsächlich herrscht bei den deutschen und europäischen Herstellern keine Goldgräberstimmung. Ob der Hamburger Konzern Nordex, Siemens Gamesa, oder der dänische Marktführer Vestas: Sie alle schreiben rote Zahlen. Nordex hatte im vergangenen Jahr einen Nettoverlust von 230 Millionen Euro eingefahren. Die Unternehmen leiden unter den massiv gestiegenen Rohstoffpreisen und insbesondere dem harten Preiskampf. "Die Werkschließung in Rostock ist die Schleifspur des massiven Einbruchs der Branche", erläutert Wolfram Axthelm im Gespräch mit ntv.de. Zwischen 2018 und 2020 seien 40.000 Arbeitsplätze in Deutschland verloren gegangen, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie.

Markt war plötzlich halbiert

Verhängnisvoll aus Sicht der deutschen Produzenten war dabei das Erneuerbare-Energien-Gesetz der Bundesregierung aus 2017. Die zuvor festgeschriebene Vergütung wurde durch ein Ausschreibungsverfahren ersetzt, die Branche in den Wettbewerb gedrängt. Infolge sanken die Renditen. Zudem deckelte die Regierung das Ausschreibungsvolumen auf einen Zubau von nur noch 2800 Megawatt pro Jahr, erklärt Axthelm. "Man hatte plötzlich eine Halbierung des Marktes."

So stockt der Windkraftausbau in Deutschland bis heute. Auch weil die bürokratischen Mühlen nur langsam mahlen: Bis eine Anlage genehmigt wird, dauert es durchschnittlich sechs Jahre. Ebenso verschandeln die turmhohen Räder in den Augen vieler Bürger die Landschaft, das macht sie politisch unattraktiv. In Bayern, das Bundesland mit den strengsten Abstandsvorschriften zu Wohnhäusern, ist im ersten Quartal dieses Jahres keine einzige neue Windkraftanlage entstanden. Beim Vorreiter Schleswig-Holstein waren es im gleichen Zeitraum immerhin 25 Windräder an Land. Die Unternehmen erhalten ihre Aufträge zunehmend aus aufstrebenden Ländern wie Brasilien und China. Da lohnt es sich, ortsnah zu produzieren.

Die Bundesregierung ist sich der Problematik bewusst. Wirtschaftsminister Robert Habeck will erreichen, dass zwei Prozent der bundesdeutschen Landfläche für Windkraft reserviert werden. Im entsprechenden "Wind-an-Land"-Gesetz aus dem Osterpaket heißt es, man wolle "den Ausbau der erneuerbaren Energien drastisch beschleunigen und alle Hürden und Hemmnisse für den beschleunigten Ausbau aus dem Weg räumen". Die Bundesländer werden verpflichtet, die Flächenvorgaben umzusetzen.

Binnen 13 Jahren soll Deutschland seinen Strom so zum Großteil aus erneuerbaren Quellen beziehen. Die Nachfrage nach Windkraftanlagen dürfte sich enorm erhöhen. Noch hält sie sich in Grenzen. Im ersten Halbjahr 2022 wurden lediglich 235 neue Anlagen errichtet, wie aus Zahlen hervorgeht, die dem "Handelsblatt" vorliegen. Die Genehmigungen liegen mit 281 Windrädern 15 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Sorge vor neuem Solarenergie-Szenario

Eine derart maue Auftragslage wird die Hersteller nicht aus der Krise holen. Habeck selbst soll noch versucht haben, in Gesprächen mit Nordex den Rostocker Standort zu retten. Ohne Erfolg. Droht der Windkraft das gleiche Schicksal wie einst der Solarbranche? Erlebten deutsche Hersteller Anfang der 2000er Jahre noch einen Höhenflug, brach ab 2011 der Markt ein. Auch hier war eine wegfallende staatliche Vergütung der Grund. Chinesische Firmen klopften an und konnten dank komfortablen Subventionen ihre Fotovoltaikanlagen kostengünstig anbieten. Für die deutsche Industrie hatte das eine Massenpleite zur Folge, es kam zu Spannungen in den Handelsbeziehungen nach China. Experten halten die Energiewende ohne Hilfe der Volksrepublik für gestorben. Aber: Seit einiger Zeit spürt die Branche wieder Aufwind.

Auch für die Windkraft geht es in Zukunft wieder bergauf, ist sich Axthelm sicher. "Wir erleben jetzt schon, dass quer über die Wertschöpfungskette wieder Neueinstellungen vorgenommen werden und Personal überall gesucht wird." Nach Jahren der Unsicherheit habe das Osterpaket der Branche neue Sicherheit gegeben, etwa durch die deutliche Erhöhung des Ausschreibungsvolumens auf 10.000 Megawatt ab dem Jahr 2024. "Wir sehen den klar definierten politischen Willen, einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben".

Bundeskanzler Olaf Scholz glaubt ebenfalls nicht, dass die Windkraftanlagenhersteller eine Insolvenzwelle ereilt. "Wir sind das Land, das über sehr erfolgreiche Unternehmen verfügt, die bei der Solarenergie, aber auch der Windenergie über sehr gute technologische Kompetenzen verfügen", sagte er in der ARD. Ziel sei es, dass die Firmen weiterhin in Deutschland produzieren. Die Hersteller werden von den massiven Investitionen in erneuerbare Energien profitieren, verspricht Scholz.

Gute Voraussetzungen in Deutschland

Denn der Standort Deutschland bietet Axthelm zufolge einige Vorteile. "Die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass man sich auf Lieferketten nicht immer verlassen kann." Auch seien die industriellen Voraussetzungen gut. "Windenergie ist tief im deutschen Maschinenbau und in der Anlagentechnik verankert. Wir können hier auf gefestigte Produktionsstandorte zurückgreifen", so der Branchenvertreter.

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Für den krisengeplagten Anlagenbauer Nordex war das zweite Quartal bereits ein kleiner Lichtblick. Es konnten deutlich mehr Aufträge eingeholt werden als im Vorjahreszeitraum. Der Auftragseingang belief sich auf rund 1836 Megawatt, nach 1534 Megawatt im Vergleichsquartal. Am Sonntag kündigte Nordex an, mit einer Kapitalerhöhung bei seinen Aktionären 212 Millionen Euro einzusammeln. Die frischen Mittel seien "ein Schutz gegen kurzfristige, branchenspezifische Risiken" und würden die Position am Markt verbessern, teilte Nordex mit. Das Unternehmen hofft, vom erwarteten Windkraft-Boom zu profitieren.

Axthelm zufolge liegt es jetzt in den Händen der Länder, die politischen Rahmenbedingungen umzusetzen, also Flächen bereitzustellen und Genehmigungsverfahren anzukurbeln. Denn ein Produktionshoch könne nur durch reale Aufträge entstehen. Mit ausreichend Druck aus Industrie und Mittelstand werde es aber vorangehen, sagt der Experte. "Die Bundesregierung konnte den Hebel gerade nochmal rumreißen. Jetzt ist der Optimismus groß, dass die deutsche Windkraftbranche mit Macht zurückkommt."

Quelle: ntv.de

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