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Es gibt sie wirklich Spiegelneuronen bewiesen

Wer einen anderen Menschen weinen sieht, reagiert im Hirn genauso, als würde er selbst weinen. Schuld sind die Spiegelneuronen, die Grundlage des menschlichen Einfühlungsvermögen.

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Spiegelneuronen reagieren gleich - egal, ob der Mensch eine Handlung selbst ausführt oder nur bei anderen beobachtet.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Indirekte Hinweise gab es schon länger. Jetzt berichten US-Forscher vom direkten Nachweis menschlicher Spiegelneuronen. Viele Wissenschaftler sehen in diesen Zellen die körperliche Grundlage des menschlichen Einfühlungsvermögens. Das schaffen Spiegelneuronen durch eine erstaunliche Eigenschaft: Sie reagieren gleich, egal ob der Mensch eine Handlung selbst ausführt oder sie lediglich bei seinem Gegenüber beobachtet. Wenn ein Beobachter einen anderen Menschen weinen sieht, sind in seinem eigenen Hirn vermutlich die gleichen Zellen aktiv, als wenn er selbst weinen müsste. Entdeckt und vielfach beschrieben wurde das Phänomen von dem Italiener Giacomo Rizzolatti in der Großhirnrinde von Rhesusaffen.

21 Probanden, 1177 Neuronen

Eine Gruppe um Roy Mukamel von der University of California hat jetzt 21 Probanden untersucht, in deren Hirn zur Diagnose einer schweren Epilepsie zahlreiche Elektronen eingepflanzt waren. Damit ließ sich die elektrische Aktivität in verschiedenen Hirnregionen messen. Insgesamt zeichneten Mukamel und seine Helfer die Aktivität von 1177 Neuronen auf, während die Versuchspersonen Aktionen ausführten oder diese auf Computerbildern bei anderen Menschen beobachteten. In einem zweiten Teil betrachteten die Versuchsteilnehmer Gesichtsausdrücke oder verzogen ihr Gesicht entsprechend selbst. Die Resultate sind im Journal "Current Biology" nachzulesen.

Neuronen, Nervenzellen also, sind erregbar und können ihre Erregung an andere Nervenzellen weitergeben. Das tun sie mit Hilfe von elektrischen Impulsen, sie "feuern" bis zu mehrere Hundert Mal pro Sekunde. Dieses "Feuern" ist messbar, je nach Methode mehr oder weniger genau. Was Wissenschaftler dadurch erfahren, ist, wo und wie stark im Gehirn Neuronen feuern, wenn wir etwas sehen, hören, wenn wir uns bewegen, sprechen, Schmerz oder Glück empfinden.

Bei der Auswertung der Daten unterschied das Team die Zellen nach ihren Antworten. Aktionsbeobachtende Neuronen sind aktiv, wenn eine Aktion – etwa der Griff nach einem Gegenstand – nur beobachtet wird. Aktionsausführende Zellen feuern elektrische Signale, wenn der Mensch wirklich zugreift. Zellen, die in beiden Fällen aktiv waren, sind Kandidaten für die gesuchten Spiegelneuronen. Diese fanden sich zu einem kleinen Anteil in mehreren der untersuchten Hirnareale. Vermutlich kommen sie auch in anderen Regionen vor – das ließ sich bei dieser Untersuchung aber nicht feststellen. Dafür hätten weitere feine Leitungen in die Hirne implantiert werden müssen.

Grundlage der Intuition

Spiegelneuronen erzeugen ein Gefühl, das Intuition genannt wird. Es lässt uns ahnen, was kommen könnte. Dabei reicht es schon, nur einen kleinen Teil des Geschehens zu kennen: Die Spiegelneuronen von Affen sendeten ihre Signale in einem Experiment bereits dann, wenn das Tier nur annahm, dass der Experimentator nach der Nuss griff – tatsächlich sehen konnte das Tier dies nicht, weil die Leckerei hinter einer Platte verborgen war.

Bei autistischen Menschen, die schlecht mit Emotionen umgehen können, ist das Spiegelsystem womöglich gestört. Forscher glauben, dass autistische Kinder andere Teile des Hirns nutzen, um Imitationsaufgaben zu bewältigen. Sie könnten sich möglicherweise auf das rein visuelle Muster oder die motorischen Abläufe bei ihrem Gegenüber konzentrieren, ohne jedoch die emotionale Bedeutung des Gesichtsausdrucks zu erfassen.

Quelle: n-tv.de, dpa