Wissen

Nicht "wie im Gefängnis" Wie sieht der Zoo der Zukunft aus?

55e99346366771a15f128244e44b34e6.jpg

"Zoos sind für Menschen da": Ein Besucher im Pandahaus im Zoologischen Garten in Berlin.

(Foto: dpa)

Affen und Tiger mit viel Auslauf statt Käfigen mit "Toilettencharme". Ein Panda, der sich im Luxusgehege räkelt. Ein vertikaler Tierpark im Hochhausformat. Wie können Zoochefs die Vorwürfe der Tierquälerei entkräften? Ein Blick in die Zukunft der Zoos.

Kleine Affen sprinten von Baum zu Baum. Sie spielen und jagen sich. Lemuren, Sakis und schwarz-weiße Stummelaffen flitzen hoch über der Erde durch Röhren aus stabilem Maschendraht. Im Zoo der US-Stadt Philadelphia sind Baumwipfelpfade nicht für Menschen gebaut, sondern für Tiere. Unter ihnen schauen Kinder nach oben und kreischen vor Vergnügen.

1500a24a1ffcdde096875dd9ca0c43c2.jpg

"Great Ape Trail" (Großaffen-Pfad) mit einem Gorilla im Zoo von Philadelphia.

(Foto: dpa)

Hunderte Meter können die Affen so außerhalb ihrer Gehege zurücklegen. Auch Tiger stolzieren in ähnlichen Konstruktionen über die Köpfe der Besucher hinweg. Mehr Auslauf für Wildtiere in Gefangenschaft, mehr Abwechslung - das ist Teil des Zoo-Konzepts, das von vielen als vorbildlich gelobt wird.

Selten standen Tierparkbetreiber so stark unter Druck von kritischen Tierschützern und neuester Forschung. Aktivisten von Peta und Co. brandmarken Zoos als Gefängnisse. In sozialen Medien schlagen Wellen der Empörung hoch: Etwa nachdem im Zoo von Cincinnati 2016 der Gorilla Harambe erschossen wurde, weil ein Kind in sein Gehege gefallen war. Die Wärter sahen das Leben des Jungen in Gefahr.

Studien zeigen, dass Tiere Trauer und Stress kennen. Und dass Langeweile sie krank macht. Trotzdem sind in Tierparks Betonböden und Gitterstäbe zu finden. Zoochefs suchen zwar nach Auswegen. Aber der Wandel kommt nicht von heute auf morgen. Die Balance zu finden zwischen Unterhaltung und Bildung, Artenschutz und Tierwohl fällt nicht leicht. Besonders spannende Projekte laufen in den USA.

US-Konzepte als Vorbilder

11b3bfff981d1d7106e5edbd115bb730.jpg

Das Gehege "Big Cat Crossing" mit Amur-Tigern im Zoo von Philadelphia.

(Foto: dpa)

Eine Idee, was den Zoo der Zukunft prägen könnte, gibt es an der US-Ostküste in Philadelphia zu besichtigen. Dort setzen die Macher auf das Prinzip "Zoo360". Besucher können dabei Tiere um sich herum entdecken. Zum Beispiel in dem großen Gittergang, der eine Wegbiegung hinter den Baumwipfelpfaden der Affen liegt. Dort schreiten Amur-Tiger in der Höhe über die Besucherwege.

"Seit 2006 haben wir für unsere Großkatzen fünf verschiedene Außengehege durch unter- und oberirdische Gänge miteinander verbunden", erzählt Zoo-Geschäftsführer Andy Baker. Löwen, Pumas, Leoparden und Jaguare tauschen mit den Tigern die Gehege. Manchmal mehrmals am Tag. Oder sie nutzen, wenn sie mögen, die luftigen Auslaufpfade. Tierwärter regeln den Zugang über Gitterklappen. "Unser Zoo ist nicht allzu groß, nur 17 Hektar, da müssen wir genau überlegen, wie wir den Platz optimal für die Tiere ausnutzen", sagt Baker. Er ist Verhaltensbiologe. Das Primatenhaus hat ebenfalls Baumwipfelgänge für Orang-Utans und Gorillas. "Wenn es den Affen im Winter zu kalt wird und sie im Affenhaus bleiben, steht dieser Pfad auch den Raubkatzen offen."

Mitmach-Beispiele für Gäste sollen Wissen vermitteln: Was kann man tun, um den schrumpfenden Lebensraum von Wildkatzen in der Natur zu erhalten? Auf Haarshampoo mit Palmöl verzichten, lautet eine Antwort. "Es geht darum, unsere Besucher so zu berühren, dass sie sich stärker für Tiere engagieren", sagt Baker. Höhere Spenden eingeschlossen. In den USA finden sich weitere Beispiele, wie das Umdenken hin zu mehr Lebensfreude der Zootiere umgesetzt wird. Der Tierpark im kühlen Detroit etwa besitzt das weitläufigste Eisbärengehege der USA. Es ist größer als zwei Fußballfelder, plus supertiefes Becken mit gekühltem Salzwasser. Doch Gehegegröße alleine ist nicht alles, sagt Zoochef Ron Kagan. "Wenn man ein tolles Haus hat, aber ein fürchterliches Sozialleben, ist man nicht glücklich", erläutert er und meint die Tiere.

Bärenbabys als Spielzeuge

Doch auch in Amerika ist längst nicht jeder Tierpark vorbildlich. Im Gegenteil. Neben den 230 Zoos, die dem Verband AZA angehören, existieren rund 2000 kleine Straßenrand-Zoos. Sie müssen keine Auflagen für artgerechte Tierhaltung erfüllen. Dort werden Tiger und Orang-Utans oft in enge Käfige gepfercht. Für Geld dürfen Besucher Bärenbabys mit der Flasche füttern.

"In den USA leben in solchen Zoos und als Haustiere mehr Tiger als in Asien in freier Wildbahn", berichtet Wayne Pacelle. Er ist der Vorsitzende der weltweit größten Tierschutzorganisation Humane Society of the United States, kurz HSUS. Wayne Pacelle räumt aber auch ein: "Gute Zoos können viel für Tiere tun." Kritikern geht der Wandel zu langsam. Zudem lässt sich schwer bestreiten: Hochintelligente Tiere wie Menschenaffen, Elefanten und Delfine leben als Gefangene teils unter Bedingungen, die sie krank machen. Artenschutz und Zucht werden von Zoomachern als wichtige Ziele genannt. Längere Zeit galt jedoch nur für 13 bis 19 Arten, dass sie durch Zoo-Programme vor dem Aussterben bewahrt wurden. Nach neuen Studien nennt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin nun über 100 Arten, die durch Zoos gerettet wurden, deren Schutzstatus auf der Roten Liste verbessert oder wo eine Verschlechterung verhindert wurde.

Zweifel am Sinn der Zuchtprogramme

Dabei wird Geld nicht immer so eingesetzt, dass es vielen Tieren hilft. So fließen weltweit Millionen in Versuche, Riesenpandas zu züchten. Vor allem durch In-vitro-Befruchtung kamen einige Babys zur Welt. Aber nur ein einziges ist bisher wieder ausgesetzt worden. Die meisten Zoodirektoren verteidigen ihre Linie trotzdem. Sie sehen die Parks als Begegnungsstätten für Menschen mit Tieren.

"Wir sind der Ansicht, dass fast jede Tierart gehalten werden kann, wenn man die Anforderungen artgerecht umsetzt", sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten in Deutschland. Das einzigartige Merkmal von Zoos bleibe das lebende Tier. Exotischen Wildtieren zu begegnen, sei einfach faszinierend.

Zoos sind für Menschen da, nicht für Tiere

Der Berner Zoochef Bernd Schildger setzt das Konzept "Mehr Platz für weniger Tiere" zwar konsequent um, winkt jedoch ab, wenn es um die Rolle von Artenschutz und Zucht geht. Er hält sie für überbewertet. "Zoos sind für Menschen da", findet Schildger. Dabei gelte: Wer Tiere erlebe, tue eher etwas für deren Lebensräume. Wie viel Tiererlebnis, Freizeitpark und Bildung soll es denn nun sein? Um die richtige Dosis ringen Zoos auch in Deutschland. Zum Beispiel in Berlin. Dort locken der Zoo im Westen der Stadt und der Tierpark im Osten zusammen mehr als 4,5 Millionen Besucher pro Jahr an.

1358727622ee1d3408c1f2247b33e3d8.jpg

Besucher vor einer Glasfront im Pandahaus im Zoologischen Garten in Berlin.

(Foto: dpa)

Seit 2014 ist Andreas Knieriem ihr Chef. Zuvor hatte er die Zoos in Hannover und München modernisiert. Sein Ziel: "Beide Zoos zusammen sollen einmal zu den modernsten Tierparks der Welt zählen und in einer Reihe genannt werden mit New York, San Diego, Singapur." Das jüngste Ergebnis seiner Arbeit ist der Panda Garden im Zoo, eröffnet im Juli. Besucher spazieren durch ein Eingangstor, das grüne Keramikdrachen krönen. Von Gittern keine Spur, es gibt Glasscheiben. Im Außengehege wogt ein Bambuswäldchen im Wind. 5000 Quadratmeter für ein Bärenpaar, zehn Millionen Euro für das Gehege. Männchen Jiao Qing lässt sich bambusmampfend fotografieren. "Den Bären haben wir da nicht angetackert, das macht der freiwillig", sagt der Direktor.

Auch das Geld muss stimmen

Knieriem sieht keinen Königsweg, sondern Zukunftsbausteine, die in ältere Zoos eingepflanzt werden. "Zoo der Zukunft heißt, auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Aber wir sind kein Unternehmen, wir sind eine Kulturinstitution. Wir dürfen nicht zu sehr Freizeitpark werden."

In seinen Augen muss ein Zoo weiter für Natur- und Artenschutz stehen, mit modernen Mitteln wie Apps und Touchscreens. Aber nichts Überladenes: "Ein Zoo bleibt analog." Er sei etwas Sinnliches, das sich schon in der Kindheit einpräge. Diesen Erinnerungseffekt gelte es für den Tierschutz stärker zu nutzen. Auch Knieriem will weniger Tiere. Lieber Netze, Gräben und Glas statt Gitter. Der Papagei darf auf den Boden koten, und das Häufchen darf auch mal liegenbleiben.

Raubtier-Gefängnis in Berlin

f48c7d54ecadf9ff248928a9a7582380.jpg

Toilettencharme: Der Direktor des Zoologischen Gartens und Tierparks Berlin, Andreas Knieriem (r.), im Zoologischen Garten in Berlin mit einem Mitarbeiter im Raubtierhaus.

(Foto: dpa)

Wie weit der Weg zum tierfreundlichen Zoo von morgen ist, zeigt ein kurzer Gang vom Panda Garden zum Raubtierhaus. Gelangweilt dreht ein Leopard in einem niedrigen Käfig mit Betonboden seine Runden. Im Gebäude sind die Käfige gekachelt. "Toilettencharme", sagt Knieriem. "Wie im Gefängnis. Wir machen es unseren Kritikern leicht." Und wie geht es auf lange Sicht weiter, bei uns ebenso wie in den USA?

Jon Coe ist Spezialist für die Gestaltung von Zoos. Viele Dutzend Tierparks weltweit tragen seine Handschrift. "Selbst die besten Zoos basieren auf der Grundidee von Gefangenschaft und Zwang. Das ist für mich ein fundamentaler Makel", sagt der Landschaftsarchitekt und Tierfreund. Baumwipfelpfade, wie er sie für Philadelphia entwarf, sind für ihn nur der Anfang. "Es geht darum, die Umgebung der Tiere noch reicher, vielfältiger zu machen, ihnen die Wahl zu lassen - auch dabei, sich zu ernähren", fordert Coe. "Warum sollen die Affen ihr Affenhaus nicht selbst managen?", sagt er. Implantierte Chips könnten ihnen helfen, an die passenden Futtermengen zu kommen. Und den Zugang zu Baumwipfelpfaden zu öffnen.

Zoo-Utopie im Hochhaus

Gleichzeitig geht Coe davon aus, dass Klimawandel und eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich auch die Zukunft der Tierparks mitbestimmen werden. Seine Prognose: "Virtuelle Zoos oder virtuelles Erleben von Tieren in freier Wildbahn werden reale Zoos für die unteren und mittleren Einkommensschichten wahrscheinlich ersetzen." Exklusive Zoos mit Wildtieren blieben Wohlhabenden vorbehalten, sagt Coe voraus. In engen Städten sei so ein Park sogar als Hochhaus denkbar - wie ein tropischer Regenwald mit Flora- und Faunazonen.

Tiere aus aller Welt könnten dann wohl nur wenige "Mega-Elite-Zoos" bieten, glaubt Coe. Und vielleicht begegnet man darin sogar fast vergessenen Wesen: ausgestorbenen Tierarten, entstanden aus tiefgefrorenem Erbmaterial.

Quelle: n-tv.de, Andrea Barthélémy und Ulrike von Leszczynski, dpa

Mehr zum Thema