Leben

"exclamo" - die Anti-Mobbing-App "Der Täter sitzt in der Hosentasche"

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Digitalisierung in Deutschland: Drei Schüler entwickeln eine App gegen Mobbing.

(Foto: n-tv.de)

Es passiert ständig: Jeder sechste Teenager wird in Deutschland gemobbt. Für die Betroffenen wird das Leben zur Hölle. Das darf nicht sein, dachten sich drei Schüler aus Berlin. Sie entwerfen eine App, die den Opfern helfen soll, sich zu wehren. n-tv.de spricht mit einem der jungen Entwickler, Julius de Gruyter.

Jeder sechste Fünfzehnjährige in Deutschland wird laut PISA-Studie Opfer von Mobbing. Nur jeder dritte Betroffene traut sich, das zu melden. Aus diesem Grund haben drei Schüler ein einzigartiges Konzept entwickelt, das die Hemmschwelle, sich zu wehren, signifikant senken soll. Mithilfe der "exclamo"-App können Schülerinnen und Schüler anonym Nachrichten an ihre Lehrer senden, und so einen direkten Kontakt zum Lehrpersonal aufbauen. Die bisherigen Methoden funktionieren Experten zufolge meist nicht, da sie entweder eine viel zu hohe Hemmschwelle - wie im Fall eines Lehrergesprächs - aufwerfen oder - wie etwa bei Online-Schülerforen - nicht effektiv genug greifen. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es ab der fünften Klasse knapp eine Million von Mobbing betroffene Schüler, denen eine App wie "exclamo" in ihrem Alltag helfen könnte. Über die Idee, die Durchführung, die Schwierigkeiten und Mobbing im allgemeinen hat n-tv.de mit dem 17-jährigen Schüler Julius de Gruyter, der gerade in seinen Abi-Vorbereitungen steckt, gesprochen und dabei einen erstaunlichen jungen Mann kennengelernt, der mit seinen nicht minder erstaunlichen Mitschülern für etwas steht, das es aus Sicht vieler Erwachsener unter der "heutigen Jugend" gar nicht mehr so gibt: Durchhaltevermögen, Engagement, Ehrgeiz und Mitgefühl. 



n-tv.de: Der Senat zeigt Interesse, eure App zu kaufen, ihr seid alle 17 - es läuft ganz schön gut für ein Projekt, das in der Schule entstanden ist, oder?

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Julius de Gruyter

(Foto: n-tv.de)

Julius de Gruyter: Ja, auf jeden Fall, die Resonanz ist groß und wir sind sehr glücklich darüber.

Gibt es eine Altersstufe, in der Mobbing ein besonders starkes Thema ist?

Ja, definitiv, das geht in der 7. Klasse los, in der 8. und 9. verstärkt sich das oftmals. Es hängt auch mit der Pubertät zusammen. Aber natürlich gibt es das Phänomen Mobbing leider auch schon in den unteren Klassenstufen. Der Höhepunkt dürfte so im Bereich der 14- und 15-Jährigen sein. Nach der 10. Klasse nimmt es dann wieder ab.

Früher hieß das vielleicht nicht Mobbing, aber Stress auf dem Schulhof gab es auch. Gewalt in der Ecke, Psychoterror nach der Schule … Was glaubst du, ist anders heute?

Der Täter sitzt quasi in unserer Tasche. Es ist ganz eindeutig so, dass der permanente Gebrauch von Handys, die stetige Verfügbarkeit der Sozialen Medien, einen ganz großen Anteil am Cybermobbing hat. Dadurch ist eine weitere, neue Dimension dazu gekommen. Man kann nicht nur auf dem Schulhof gemobbt werden, sondern auch danach. Ich denke, man kann heute schlechter flüchten, denn das Handy ist die ganze Zeit an.

Man könnte das Handy ausschalten …

Das macht realistisch betrachtet aber kaum jemand (lacht). Und wenn man es dann wieder anmacht, kann man sich dem, was da an einen geschrieben wurde, auch nicht entziehen.

Nimmt Mobbing zu oder haben wir es bereits etwas besser im Griff, weil Mobbing ja durchaus schon länger ein Thema ist?

*Datenschutz

Das kann ich schwer einschätzen, aber ich glaube, dass es unverändert ist. Die Anonymität im Netz macht es einfacher, andere zu verletzten, selbst wenn man mit seinem Klarnamen unterwegs ist. Auf jeden Fall ist es einfacher, als es einer Person direkt ins Gesicht zu sagen … Das wollen wir uns mit der App zunutze machen. Wir wollen die Möglichkeit bieten, mit einem Mausklick oder mit einem Swipe, wenn beispielsweise auf Twitter eine Beleidigung kommt, direkt auf die App zu gelangen. In diesem Fall hilft mir die Anonymität, mich einer Vertrauensperson zu öffnen.

Hast du persönlich Erfahrungen mit Mobbing gemacht?

Nicht wirklich. Natürlich hatte ich auch schon Stress und wurde mal ausgegrenzt, das geht ja manchmal in der Reihe herum in einer Gruppe, aber von Mobbing würde ich nicht sprechen. Man bekommt es aber mit, wenn es an der Schule Mobbing gibt, auch wenn an einigen Schulen, wie an meiner, schon relativ viel dafür getan wird. Wir hatten vom klassischen Pausenhof-Mobbing bis zum Cybermobbing, wo sogar die Polizei eingeschaltet werden musste, alles dabei. In der Entwicklungsphase unserer App haben wir natürlich mit vielen Schülern gesprochen, die Opfer von Cybermobbing geworden sind. In irgendeiner Form kommt jeder Schüler mit Mobbing in Kontakt - als Opfer, als Täter oder als Mitläufer. Oder Mitwisser.

Trauen sich Kinder nicht mehr mit ihren Eltern zu sprechen? Oder wollen sie nicht?

Ich weiß von vielen, dass sie nicht gern mit ihren Eltern darüber reden. Auch, wenn sie es durchaus könnten! Man fühlt sich oft unsicher, weil das Internet ja auch zu Hause präsent ist, viele verschließen sich eher, meiner Erfahrung nach.

Kann ich mir die App denn bereits herunterladen?

Nein, aber in wenigen Wochen startet unsere Testphase, worauf wir schon sehr gespannt sind. Die reguläre App soll es dann ab dem neuen Schuljahr geben.

Dann erzähl' mal, wie es sein wird, wenn die Testphase durch ist.

Eine Schule kauft sich "exclamo", so heißt die App, und dann bekommen alle Schüler und die Vertrauenslehrer einen Account. Diese Lehrer sind dann Ansprechpartner in der App, sprich: Schüler können Nachrichten einfach, schnell und, wenn sie wollen, anonym senden. Da steht drin, was passiert ist. Sie wählen einen Mentoren aus, wählen eine Kategorie, also die Art des Mobbings - zum Beispiel gibt es die Kategorie "häusliche Gewalt" - und senden diese an den Lehrer oder Mentoren ihres Vertrauens.

Der Lehrer als absolute Vertrauensperson …

Ja, denn sie kennen die Situation an ihrer Schule am besten, sie wissen, wie weiter vorzugehen ist, und in Absprache mit der Schulsozialarbeit können sie einen Plan machen, wie es weitergeht. Somit können wir die hohe Effektivität des Lehrerkontaktes mit der niedrigen Hemmschwelle der Anonymität verbinden. Davor mussten Schüler ins Schülerforum schreiben, aber die Leute auf der anderen Seite kennen sich oft nicht gut genug damit aus, die sind nicht ausgebildet und kennen vor allem die Situation in der jeweiligen Klasse nicht. Das Ziel ist nicht, den Fall direkt über den Chat aufzuklären, sondern ein Vertrauen aufzubauen, damit dann später möglichst ein persönliches Treffen in die Wege geleitet werden kann.

Wird die App noch weitere Funktionen haben?

Ja, sie wird ein Mobbing-Tagebuch haben, darin kann man sich Notizen machen, wenn man sich noch unsicher ist, ob man sich wirklich an einen Lehrer wenden möchte oder ob man noch abwarten will. Das dient sowohl der persönlichen Reflexion als auch der Dokumentation, was durchaus relevant sein kann für die Polizei. Außerdem haben wir einen Mobbing-Selbsttest entwickelt, den man machen kann, wenn man sich unsicher ist. Da werden gezielte Fragen gestellt und am Ende bekommt man ein Ergebnis.

Klingt sinnvoll, wenn man sich nochmal selbst hinterfragen will.

Ja, denn die Definition von Mobbing ist sehr vage, aber wir geben Tipps.

Wie habt ihr drei - Kai Lanz, Jan Wilhelm und du - euch gefunden?

Das Projekt ist vor ungefähr einem Jahr gestartet, es heißt "Business At School", eine Initiative der Boston Consulting Group (BCG), das an unserer Schule durchgeführt wurde. Ich war gar nicht von Anfang an dabei, auch Jan nicht, das ist der Entwickler, aber wir waren in anderen Gruppen vorher. Kai und seine Gruppe haben den "Social Entrepreneur Preis" in München gewonnen, aber drei aus der Gruppe sind gegangen, und da haben wir uns dazu gesellt. Ideen gibt es nämlich eine Menge, aber wir wollten das gerne durchziehen und zeigen, dass auch wirklich etwas draus werden kann.

Du wirkst sehr organisiert, strukturiert, engagiert. Was ist dein Antrieb?

Mein Antrieb ist, dass ich sonst zu viel auf dem Bett rumliege (lacht). Ich muss immer was machen, Schulsprecher, Saxophon, Sport. Wenn ich zu viel Zeit habe, dann vertrödel' ich die nur, man spielt Playstation oder guckt Youtube. Okay, jetzt ist die Schule etwas zu kurz gekommen, ich habe bald Abi-Prüfungen, und da leg' ich jetzt demnächst den Fokus drauf und dann klappt das auch! Aber ich habe auch noch Zeit zum Entspannen. Und für meine Freunde. Es ist für mich immer wichtig, dass ich mir einen Plan mache, und dann will ich den auch umsetzen. Klappt aber nicht immer, das geb' ich zu.

Wie sieht es grundsätzlich mit der Finanzierung aus?

Für den allerersten Start haben wir eine Crowdfunding-Kampagne, und haben unser Ziel schon fast erreicht. Da kann man übrigens gern noch spenden auf gofundme.com. Jetzt gründen wir eine Rechtsform für die Verträge, und dann brauchen wir natürlich Geld für die Programmierung, das wird nicht günstig werden. Bis jetzt haben wir unser Taschengeld dafür hergeben, aber das wird eng (lacht), und wenn wir mit dem Abi durch sind, wollen wir weiter an exclamo arbeiten, da ist es wichtig, dass wir Flüge oder Serverkosten und vieles mehr bezahlen können. Wenn es läuft, dann bezahlen die Schulen ja auch ein bisschen was für die Benutzung der App, aber Investoren sind uns natürlich sehr willkommen!

Taschengeld kann ja jetzt nicht alles sein - hast du auch gejobbt?

Nicht wirklich, ich habe aber ab und zu aufgelegt auf Partys, und in den Sommerferien war ich Hockeytrainer.

Und nach dem Abi macht ihr erstmal weiter mit der App?

Genau, wir sind schulisch alle ganz gut aufgestellt. Das Studium wird nach hinten geschoben, und wir können uns dann weiter um exclamo kümmern.

Einer von euch geht nach der Schule nach Kanada - wollt ihr die App exportieren?

Naja, Mobbing hört ja nicht an einer Grenze auf, wir können uns gut vorstellen, damit nach Kanada oder in die USA zu gehen. Eine Schule in Luxemburg ist bereits sehr interessiert. Die Vision ist, dass die Schulen am Ende nichts mehr dafür bezahlen müssen. Dass das von Ministerien übernommen wird oder dass Unternehmen, in denen es schließlich auch Mobbing gibt, mit ihrem Kauf ermöglichen, dass Schulen umsonst mit der App ausgestattet werden können. Das liegt aber noch ganz fern in der Zukunft.

Wenn man dann weiß, wer der "Täter" ist, dann stellt man ja ganz oft fest, dass das Mobbing von jemandem ausgeht, der selbst ein ganz armes Würstchen ist. Wie wollt ihr damit umgehen, wenn ein Täter irgendwie auch Opfer ist?

Guter Punkt. Wir schlagen den "No Blame Approach" vor. Das heißt, da wird nicht auf den Täter zugegangen mit erhobenem Zeigefinger, auch wenn man sich dem Täter entschieden entgegen stellen muss. Aber wir bieten erstmal ein Gespräch und keine Beschuldigung an. Dabei soll versucht werden, die Stimmung nicht kippen zu lassen, so dass er dem Opfer dann gar nicht mehr gegenüber treten könnte, sondern so gesprochen werden, dass allen geholfen werden kann. Bei körperlicher Gewalt ist es etwas anderes, und wenn ein Mobbing-Opfer suizidgefährdet ist, dann muss damit natürlich härter umgegangen werden.

Arbeitet ihr mit Schulpsychologen zusammen?

Ja. Und auch mit Psychologen aus anderen Kontexten, die uns unter anderem dabei geholfen haben, den Selbsttest zu entwickeln. Wir arbeiten außerdem mit Experten und Vereinen zusammen. Diesen Austausch und die fachliche Expertise braucht man, auch zum Gründen. Aber für mich war das Gespräch vor einiger Zeit mit einem Opfer wirklich bewegend, das mir erzählt hat, dass er nach seinen Mobbing-Erfahrungen nie wieder normale zwischenmenschliche Beziehungen eingehen konnte. Das ist krass, so etwas zu hören. Laut Pisa-Studie haben ehemalige Mobbing-Opfer ein sechsmal höheres Risiko, auch später noch psychisch zu erkranken. Es ist so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht sorgt eure App sogar dafür, dass es von vornherein weniger Mobbing geben wird in der Zukunft.

Das wäre schön, denn natürlich setzen wir auch auf eine Präventivwirkung. Wir hoffen, dass ein anderes Bewusstsein aufgebaut werden kann.

Wenn eure App dann überflüssig ist - was machst du dann?

Ich glaube, dass unsere App nicht so schnell überflüssig sein wird. Mobbing gibt es leider überall und jede Maßnahme dagegen kann bei der Bekämpfung helfen. Ich bin der Meinung, dass Mobbing nicht ganz aus der Welt geschaffen werden kann und immer mehr oder weniger Thema sein wird. Sollte aber doch das utopische Szenario eintreten, dass es kein Mobbing mehr gibt, wären wir extrem glücklich - auch wenn das bedeutet, dass unsere App nicht mehr gebraucht wird.

Mit Julius de Gruyter sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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