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Asterix-Zeichner Uderzo ist tot Frankreich verliert ein Stück seiner Seele

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Unbeugsam: Uderzo mit einigen seiner berühmten Schöpfungen, Asterix, Obelix und Miraculix.

(Foto: AP)

"Niemand kennt die Seele von Asterix besser als ich", sagte Albert Uderzo. 15 Minuten brauchten er und sein Mitstreiter René Goscinny, um die berühmten Gallier zu erfinden, die zu französischen Identitätsfiguren wurden. Mit dem Tod Uderzos verliert das Land einen seiner großen Künstler.

Als Kind malte Albert Uderzo grüne Pferde und rote Bäume. Doch die ungewöhnliche Farbgebung war nicht avantgardistisch gemeint. Vielmehr litt er unter einer Rot-Grün-Sehschwäche. Doch Uderzo sah das nicht als Handicap und ließ sich nicht davon abhalten, weiter zu zeichnen. Er brachte es sich selbst bei und wurde Comiczeichner, ohne je eine Kunstschule besucht zu haben. Nun ist er im Alter von 92 Jahren gestorben, in seinem Haus in Neuilly, wie seine Familie mitteilte.

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Asterix und Obelix - in Frankreich sind sie ein nationales Kulturgut.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Frankreich verliert damit einen seiner bekanntesten und erfolgreichsten Künstler. Einen Comiczeichner, der weltweit zahllose Fans fand, bis heute immer neue Generationen von Lesern zum Lachen bringt und Legionen von Comic-Schaffenden inspiriert. Mit Asterix und Obelix schufen der Zeichner Uderzo und der Autor René Goscinny - beide Söhne von Einwanderern - zwei der bekanntesten Identifikationsfiguren Frankreichs und prägten mit dem Dorf der unbeugsamen Gallier das Selbstverständnis der Grande Nation, ja sogar ihr Geschichtsbild.

Doch der zeitlose Witz der Reihe und ihr charakteristischer Stil eroberten schnell auch andere Länder. "Asterix" gehört zu den meistverkauften Druckerzeugnissen der Welt. Mehr als 370 Millionen Exemplare gingen über die Ladentische, davon allein in Deutschland 130 Millionen. Die bisher erschienenen 38 Alben wurden in 111 Sprachen und Dialekte übersetzt. "Asterix" ist eine der berühmtesten Comicserien der Welt, weil sich nahezu jeder mit der so simplen wie charmanten Botschaft identifizieren kann: Asterix und Obelix sind Symbole für den Kampf gegen die Mächtigen, für den Sieg der Kleinen gegen die Großen, und sei die Lage noch so aussichtslos.

"Ich bin ein Clown, der zeichnen kann"

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Asterix wurde schnell zum Erfolg, es folgten Trickfilme und ein Freizeitpark.

(Foto: AP)

"Ich weiß inzwischen, dass 'Asterix'-Leser in den Comics das sehen, was sie sehen wollen", sagte Uderzo einmal über die vielfachen, auch politischen Interpretationen der Serie. Doch ihm selbst ging es vor allem darum, die Leser zum Lachen zu bringen. "Ich bin ein Clown, der zeichnen kann", fasste er das einmal zusammen. Seit seiner Kindheit verfolgt ihn dieser Traum vom Clown, und Uderzo musste hart dafür arbeiten. Vielleicht war es ja ein Wink des Schicksals, dass er am 22. April 1927 mit sechs Fingern an beiden Händen geboren wurde - die Eltern ließen die überzähligen Gliedmaßen jedoch operativ entfernen. Schon als Kind begann Uderzo zu zeichnen und zeigte bald großes Talent. Als Teenager arbeitete er bei einem Pariser Verlag, mit 18 gestaltete er erste Comicstrips. Inspiriert von den Disney-Heften seiner Jugend strebte er zunächst eine Karriere in der Trickfilmindustrie an, gab diese jedoch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen auf.

Untätig blieb er dennoch nicht. Nachdem er Anfang der 50er-Jahre in Paris Goscinny begegnet war, konzipierten beide gemeinsame Comicserien. Uderzo zeichnete, Goscinny übernahm die Rolle des Autors und Dramaturgen. So entstanden "Pitt Pistol", "Luc Junior" (der allzu sehr an "Tim und Struppi" erinnerte) oder der Indianer "Umpah-Pah". Keiner der Serien war eine lange Lebenszeit beschieden. Anders "Asterix", der erstmals 1959 in dem neu aufgelegten Magazin "Pilote" erschien.

Uderzo (l.) und Goscinny im Jahr 1976.

Uderzo (l.) und Goscinny im Jahr 1976.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Um die Entstehung des Galliers ranken sich Legenden. Ihren eigenen Angaben zufolge dachten sich Uderzo und Goscinny innerhalb einer Viertelstunde die berühmten Gallier aus: Asterix, Obelix und Idefix, Miraculix, Majestix und die anderen Bewohner des unbezwingbaren Dorfes. Ursprünglich waren diese als französisches Pendant zu US-amerikanischen Superhelden gedacht. Doch bald schon ging es den beiden Künstlern um ein universelles Thema: den Kampf gegen Ungerechtigkeiten.

Goscinny und Uderzo ergänzte sich optimal. Mit "Asterix" schafften sie es, belgischen Comicserien wie "Tim und Struppi", "Spirou" oder "Lucky Luke" den Rang abzulaufen. Ein Erfolgsgarant war nicht nur Goscinnys Humor, der auf verschiedenen Ebenen sowohl Kinder als auch Erwachsene bediente. Auch Uderzos Zeichenstil hat einen großen Anteil an der Beliebtheit der Serie. Er verpasste seinen Figuren typische Merkmale, die sie bis hin zu den markanten Nasen unverkennbar machten und im Laufe der Serie zu Running Gags wurden. Zudem sprengte der Zeichner immer wieder die klassische Aufteilung der Seiten. Typisch wurden Panoramen und Wimmelbilder etwa von den Kloppereien zwischen Galliern und Römern, die vor Details, Ideen und vor allem Slapstick strotzen.

Spitze Feder - und Stereotype

Doch gleichzeitig stand Uderzo in der langen Tradition französischer Karikaturisten - mit spitzen Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse oder berühmte Persönlichkeiten, die den Figuren ihre Gesichter liehen. Auch die klischeehafte Darstellung anderer Länder und ihrer Bewohner gehörte dazu. Briten und (deutsche) Goten, Belgier und Korsen wurden samt ihrer - tatsächlichen oder angedichteten - Traditionen durch den Kakao gezogen. Hat es Uderzo dabei mit den Zuspitzungen übertrieben? Unbeantwortet blieben Vorwürfe, seine Zeichnungen reproduzierten rassistische Stereotype. Manche Darstellungen, etwa von Afrikanern, wirken heute deplatziert, weil sie alte Vorurteile wiederholen.

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Trauer im gallischen Dorf.

(Foto: Asterix - Obelix - Idefix / © 2019 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo)

Es blieb nicht die einzige Kritik. 1977 starb völlig überraschend Goscinny, einer der produktivsten und erfolgreichsten französischen Comickünstler. Uderzo nannte das später einen "harten Schlag". Asterix sei gleichzeitig mit Goscinny gestorben, sagte er. Zunächst wollte er die Serie nicht weiterzeichnen. Doch schließlich gründete einen eigenen Verlag und machte allein weiter - denn "Asterix" war längst auch ein einträgliches Wirtschaftsunternehmen mit Trickfilmen und Merchandise geworden. Ohne das dramaturgische und humoristische Talent seines langjährigen Mitstreiters war das allerdings schwer. Viele Fans kritisierten die neuen Abenteuer, die in immer größeren Abständen erschienen.

2005 legte er dann sein letztes Album vor: "Gallien in Gefahr", das freilich etliche Verrisse erhielt. Danach verkaufte er seine Anteile am eigenen Verlag und sicherte so, dass "Asterix" auch nach seinem Tod erscheinen kann. Ein neues Team legte bereits 2013 einen neuen Band vor: "Asterix bei den Pikten", dem seitdem alle zwei Jahre neue Abenteuer folgen. Hat die Serie damit den Sprung in die neue Zeit geschafft? Nicht unbedingt. Für viele Leser bleibt "Asterix" vor allem eine Kindheitserinnerung an die grandiosen Abenteuer von Uderzo und Goscinny. Nicht ohne Grund sagte die Zeichnerlegende einmal: "Niemand kennt die Seele von Asterix besser als ich." Mit ihm ist ein Stück der Seele Asterix' und damit Frankreichs gestorben.

Quelle: ntv.de