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Highway to Heaven Die "kleinen Seelen" an der Panamericana

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"Rapido" und ein Kreuz: Der Fahrer dieses Wagens war wohl zu schnell.

(Foto: Dierk Maass/Kehrer Verlag)

Die Panamericana führt über den gesamten amerikanischen Kontinent, von Alaska bis Feuerland. Auf dieser wichtigen Lebensader lauert auch der Tod - durch Raser oder müde Fahrer. Viele "Animitas" sind die stummen Zeugen der Unfälle. Ein fantasievoller Totenkult.

Die Panamericana ist etwa 48.000 Kilometer lang; sie führt über den gesamten amerikanischen Kontinent, von Alaska im Norden bis Feuerland im Süden. Auch die Atacama-Wüste, eine der trockensten Regionen der Erde, an der Grenze von Peru und Chile, wird von der Panamericana durchquert - hier ist sie eine wichtige Lebensader. Aber an ihr lauert auch der Tod - durch Raser oder übermüdete Autofahrer. Oder durch die extremen Klimabedingungen hier, denn die Temperatur schwankt extrem von heiß zu kalt - das setzt dem Asphalt zu, Straßenschäden sind die Folge.

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Herz aus Stahl und Blumen am Kreuz vor wolkenlosem Himmel und brennender Sonne.

(Foto: Dierk Maass/Kehrer Verlag)

Viele "Animitas" (deutsch: kleine Seelen) sind die stummen Zeugen der Unfälle hier, kleine oder größere Gedenkstätten am Straßenrand, errichtet von Angehörigen, Freunden oder Verwandten. Sie sind keine Stätten der Trauer, sondern der Erinnerung. Ein Heim für die Seelen der Toten. Ein fantasievoller Totenkult. Der Fotograf Dierk Maass war so fasziniert von diesen besonderen privaten Gedenkstätten, dass er deswegen gleich mehrere Reisen unternahm; die dabei entstandenen Aufnahmen werden im Bildband "Highway to Heaven" präsentiert.

Blumen, Plüschtiere, Krawatten

Man sieht wolkenlosen Himmel, gleißendes Licht, erbarmungslos brennt die Sonne, die Landschaft ist trocken und fast vegetationslos. Hitze, Staub, Geröll. Trotzdem stehen und hängen hier und da Blumen und Pflanzen, zum Teil mit Wasserflaschen. Meist sind es aber nur Kunstblumen. In manchen "Animitas" stehen sogar geschmückte Weihnachtsbäume. Oft sieht man Geburtstagsgrüße, Plüschtiere, Spielzeug ... An einem Stacheldrahtzaun hängen Schlipse oder Krawatten. Es gibt hier und da sogar Sitzgelegenheiten, Stühle oder Hocker. Ab und an weht die chilenische Flagge im heißen Wüstenwind. Ein Autowrack trägt die Aufschrift "Rapido" (schnell) und ein aufgemaltes Kreuz - wohl ein Hinweis auf die Unfallursache. Oder der Wunsch, der Verstorbene möge schnell in den Himmel kommen?

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"Highway to Heaven" ist im Kehrer Verlag erschienen, gebunden, 84 Seiten, 28 Euro.

(Foto: Dierk Maass/Kehrer Verlag)

Aber der häufigste Schmuck an den "Animitas" sind, nicht überraschend, Heiligen- und Jesusfiguren und Kreuze. Bei diesen Wegkreuzen an Unfallorten, die man ja auch aus anderen Ländern kennt, vermischt sich in Lateinamerika der katholische Glaube mit animistischen Vorstellungen (Animismus: Lehre von der Beseeltheit aller Dinge und Naturerscheinungen) der indigenen Bevölkerung.

Wunderbringer und Wunscherfüller

Die "Animitas" sind einerseits Gedenkorte für die Verstorbenen, aber auch Orte, an denen man um die Erfüllung von Wünschen bittet. Manche gelangen sogar in den Ruf, Wunder vollbringen zu können. "Die Animitas als Form religiöser Verehrung gehen auf die Vorstellung zurück, dass die Seelen von unter tragischen Umständen zu Tode gekommenen Menschen sich weiterhin in der Nähe ihres Sterbeorts aufhalten und so zu Mittlern zwischen dem Jenseits und der Welt der Lebenden werden. Die Seele der Toten wohne in diesem Häuschen. Ihr werden deshalb dort Kerzen, Blumen und Bittbriefe dargebracht und das Heiligtum wird regelmäßig gepflegt und instandgehalten", schreibt Oliver Grasmück dazu in "Eine Marienerscheinung in Zeiten der Diktatur".

In manchen Fällen entwickeln sich Wegkreuze sogar zu regelrechten Pilgerorten, wie etwa der Schrein von Difunta Correa in Argentinien, in der Nähe von Vallecito. Sie soll 1841 in der Wüste verdurstet sein, ihr Kind jedoch überlebte wie durch ein Wunder dank der Muttermilch, die es aus der schon toten Mutter saugte. Vor allem Lkw-Fahrer verehren sie als Schutzheilige der Reisenden.

Große Menschenmengen werden nicht zu den Gedenkstätten an der Panamericana pilgern, und auch die Grabbeigaben fallen hier in der Wüste abseits von menschlichen Siedlungen nicht so üppig aus wie andernorts. Dennoch sind manche der "Animitas" sehr gepflegt und reichlich mit Gaben ausgestattet. Mal kitschig, mal lustig, mal berührend, mal trostlos - der Bildband von Dierk Maass zeigt die gesamte Bandbreite dieses Totenkults am Straßenrand.

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Quelle: ntv.de