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Sadistisches Machtspiel: Polizist Philip Krauss (Will Poulter, r.) und Musiker Fred Temple (Jacob Latimore).
Sadistisches Machtspiel: Polizist Philip Krauss (Will Poulter, r.) und Musiker Fred Temple (Jacob Latimore).(Foto: Concorde Filmverleih GmbH)
Mittwoch, 22. November 2017

Kathryn Bigelows "Detroit": Ein Film, bei dem man wegsehen will

Von Volker Probst

In "Zero Dark Thirty" nahm sich Kathryn Bigelow die Suche der USA nach Osama bin Laden vor. Nun widmet sich die Regisseurin einer ganz anderen Episode der US-Geschichte, doch das nicht weniger eindringlich. "Detroit" tut beim Zuschauen weh.

Kathryn Bigelows Karriere verlief nicht wirklich geradlinig, seit ihr Anfang der 90er mit den Action-Streifen "Blue Steel", "Gefährliche Brandung" und "Strange Days" der Durchbruch gelang. Zunächst frenetisch umjubelt, glichen ihr Thriller "Das Gewicht des Wassers" und das U-Boot-Drama "K 19 - Showdown in der Tiefe" dann dem sprichwörtlichen Schlag ins Wasser.

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Doch die US-Amerikanerin, die zu den wenigen Frauen gehört, die sich in Hollywood als Regisseurin durchgeboxt haben, hat sich wieder berappelt. Mehr noch: Zuletzt gelangen ihr zwei Filme, mit denen sie sich im Ansehen der Zuschauer und Kritiker in die allererste Liga katapultierte. Zum einen 2009 der Streifen "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" über die Arbeit eines Bombenräumkommandos im Irak, der gleich sechs Oscars abräumte, darunter die Auszeichnungen für den besten Film und die beste Regie. Zum anderen drei Jahre später "Zero Dark Thirty" über die Jagd der USA auf den El-Kaida-Führer und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Osama bin Laden.

Mit den beiden Filmen mauserte sich Bigelow zugleich zu einer Art Expertin für dokumentarisch angehauchte Stoffe. Oder besser gesagt: semi-dokumentarisch. Denn während sich "Zero Dark Thirty" zumindest noch lose an historischen Ereignissen und real existierenden Personen orientierte, war die Geschichte von "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" komplett fiktiv, auch wenn es manchen Soldaten im Irak ähnlich ergangen sein mag.

Zurück ins Jahr 1967

Nun wagt sich Bigelow mit "Detroit" erneut an ein derart semi-dokumentarisches Werk. Dafür geht sie noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück, ins Jahr 1967. Mit Militär und Krieg hat die Geschichte nichts zu tun, mit Terror dagegen schon - in gewisser Weise. Es geht um den weißen, willkürlichen und rassistischen Polizeiterror, dem sich die Schwarzen in den USA damals ausgesetzt sahen. Und nicht nur damals, wie viele beklagen. Zuletzt kam es vor rund zwei Monaten in St. Louis zu Protesten, nachdem ein weißer Polizist, der einen Schwarzen erschossen hatte, freigesprochen worden war.

Unruhen im Film, doch 1967 kam es in Detroit tatsächlich zu gewalttätigen Protesten.
Unruhen im Film, doch 1967 kam es in Detroit tatsächlich zu gewalttätigen Protesten.(Foto: Concorde Filmverleih GmbH)

Zu Protesten kam es auch 1967 in Detroit. Die Aufstände, die als "12th Street Riot" in die US-Geschichte eingegangen sind, gelten als eine der bis dato größten Rassenunruhen in den USA. Rund fünf Tage lang stand die schwarze Bevölkerung damals gegen gesellschaftliche Benachteiligung und Polizeigewalt auf. Am Ende lautete die Bilanz: 43 Tote, mehr als 1000 Verletzte, über 7000 Verhaftungen und mehr als 2000 zerstörte Gebäude.

Eine Nacht im "Algiers Motel"

Bigelow nimmt jedoch nicht die Makroperspektive auf die Unruhen ein. Sie fokussiert sich auf den Mikrokosmos, der sich in einer Nacht an einem Brennpunkt der Unruhen auftut: im "Algiers Motel". Nachdem die Polizei einen Heckenschützen in der vornehmlich von Schwarzen frequentierten Herberge vermutet, stürmt sie das Gebäude. Zu den Personen, die ihr dabei in die Hände fallen, gehören etwa die beiden schwarzen Musiker Larry Reed (Algee Smith) und Fred Temple (Jacob Latimore) der aufstrebenden R&B-Gruppe The Dramatics, der schwarze Vietnamkriegsveteran Greene (Anthony Mackie), aber auch die beiden weißen Mädchen Julie Ann (Hannah Murray) und Karen (Kaitlyn Dever).

Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) fällt in der Geschichte eine Schlüsselrolle zu.
Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) fällt in der Geschichte eine Schlüsselrolle zu.(Foto: Concorde Filmverleih GmbH)

Eher unfreiwilliger Zeuge der Geschehnisse wird Melvin Dismukes (John Boyega), der eigentlich einen Lebensmittelladen in der Nachbarschaft des Motels vor Plünderungen schützen soll, im "Algiers Motel" jedoch zwischen Polizisten und Festgenommenen zu vermitteln versucht. Er hat zwar auch eine schwarze Hautfarbe, da er jedoch nicht als Verdächtiger gilt und als Wachmann respektiert wird, bleibt er weitgehend unbehelligt. Zunächst.

Den Festgenommenen ist hingegen ein deutlich weniger gnädiges Schicksal beschieden. An der Wand aufgereiht werden sie auf der Suche nach dem vermuteten Heckenschützen verhört. Die von dem fanatischen Philip Krauss (Will Poulter) angetriebenen Polizisten steigern sich dabei in ein sadistisches Machtspiel hinein, in dem sie so ziemlich das gesamte Repertoire an psychischer und physischer Gewalt auspacken - bis hin zu vermeintlichen Erschießungen. Schließlich scheint es unausweichlich, dass es auch zum Blutvergießen kommen wird ...

Zu "99,5 Prozent" authentisch

"Detroit" ist ein Film, bei dem man irgendwann am liebsten wegsehen möchte. Im positiven Sinne. Semi-dokumentarisch, das trifft nicht nur auf den Inhalt zu. Auch ihrer Bildsprache haben Bigelow und ihr Kameramann Barry Ackroyd eine dokumentarische Anmutung verliehen. So entsteht ein brutal eindringliches Kammerspiel, das beim Zuschauen derart schmerzt, dass man es kaum noch auszuhalten glaubt. Die Regisseurin liefert damit zusammen mit ihren beiden Hauptdarstellern John Boyega und Will Poulter erneut ein dickes Bewerbungsschreiben für die kommende Oscar-Verleihung ab.

Ja, natürlich, es ist ein Film. Und so ist in "Detroit" auch nicht alles historisch korrekt. Der Polizist Philip Krauss etwa ist pure Fiktion - ihn gab es nicht. Der Grund dafür, dass er als Figur eingeführt wurde, ist ebenso einleuchtend wie beschämend: Da die seinerzeit bei den realen Vorkommnissen im "Algiers Motel" agierenden Polizisten im Nachhinein vor Gericht samt und sonders freigesprochen wurden, wagte es Bigelow nicht, einen oder mehreren von ihnen nun vor der Kamera bestimmte Taten zuzuschreiben. In den Aktionen von Krauss werde zusammengefasst, was 1967 mehrere Polizisten verübten, heißt es.

Dennoch, so sagt es der "echte" Melvin Dismukes, der Bigelow bei den Dreharbeiten beratend zur Seite stand: "Der Film entspricht zu 99,5 Prozent dem, was damals im 'Algiers' und in der Stadt geschehen ist." Umso mehr möchte man am liebsten gar nicht hinschauen. Und umso mehr dürfte "Detroit" auch die aktuelle Diskussion um rassistische Polizeigewalt in den USA befeuern.

"Detroit" läuft ab dem 23. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de