Kino

Die Vermessung des Universums "Interstellar" mit Matthew McConaughey

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Cooper und Amelia Brand suchen nach einer neuen Heimat für die Menschheit.

(Foto: 2013 Warner Bros. Entertainment, Inc. and Paramount Pictures Corporation)

Die Rettung der Menschheit liegt in einer anderen Galaxie. Ein Raumschiff macht sich auf den Weg dorthin. Doch in "Interstellar" geht es um weit mehr. Klug und mit atemberaubenden Bildern lotet der Film ein ganzes Universum aus.

"Memento", "Inception" und die "Dark Knight"-Trilogie: Christopher Nolan ist einer der spannendsten Regisseure unserer Tage. Nicht, weil seine Filme mit Stars und Action glänzen. Sondern weil sie sehr klug erzählt sind. Nolan nimmt seine Zuschauer ernst. Er will sie nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen. Sei es mit einem Thriller, Science-Fiction oder einem Superhelden wie Batman.

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Tochter Murph hadert mit der Entscheidung ihres Vaters, ins All aufzubrechen.

(Foto: 2013 Warner Bros. Entertainment, Inc. and Paramount Pictures Corporation)

Nun legt Nolan mit "Interstellar" einen neuen, großartigen Film vor - und bleibt seiner Linie treu. Er verbindet spektakuläre Bilder und spannende Action mit nachdenklichen Tönen. Und Nolan sprengt die Grenzen zwischen den Genres: "Interstellar" beginnt als dystopischer Katastrophenfilm, ist aber auch ein Familiendrama und vor allem ein Weltraumabenteuer, das wissenschaftliche und metaphysische Themen behandelt.

Jene Reise durch das Universum steht im Mittelpunkt des Films. Sie bringt atemberaubende Bilder hervor, von fremden Planeten, nur von Wasser oder Eis bedeckt. Von einer weit entfernten Galaxie, von einem Schwarzen Loch, aber auch von verzweifelten Menschen auf der Erde. Viele dieser Bilder halten den Vergleich mit "2001" von Stanley Kubrick stand. Das Science-Fiction-Meisterwerk von 1968 ist es auch, an das "Interstellar" stark erinnert. Beide Filme verschränken Raumfahrt und Philosophie, gehen anhand der Erforschung des Universums den Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Dasein der Menschheit nach.

Relativität und Gravitation

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Auf der Suche nach einem lebenswerten Planeten laden die Astronauten auch inmitten des ewigen Eises.

(Foto: 2013 Warner Bros. Entertainment, Inc. and Paramount Pictures Corporation)

In "Interstellar" ist dieses Dasein bedroht. Die Ernährung der Menschen ist nicht mehr sichergestellt, klimatische Veränderungen zerstören die Weizenernte, Sandstürme fegen über das Land. Das Staatswesen ist kaum noch existent, die Armeen wurden aufgelöst, ebenso die Nasa - es gibt Wichtigeres als die Weltraumforschung. "Es ist, als hätten wir vergessen, wer wir sind: Forscher und Entdecker, nicht nur Verwalter", fasst Ex-Nasa-Pilot Cooper (Matthew McConaughey) sein Dilemma zusammen. Auch er muss als Farmer arbeiten, aber die Ernten werden immer geringer und er kann seine Familie kaum noch über Wasser halten.

Es ist ein vermeintlicher Geist im Zimmer seiner Tochter Murph, der sich als Gravitationsanomalie herausstellt und durch den Cooper auf ein gut gehütetes Geheimnis stößt: Die Nasa existiert noch - und sie versucht, die Menschheit zu retten. Freilich nicht auf der Erde. Vielmehr haben Wissenschaftler, angeführt durch Professor Brand (Michael Caine), ein Wurmloch entdeckt, durch das Missionen in andere Galaxien ausgesandt wurden, um eine neue Heimat für die Menschheit zu finden. Eine weitere Mission soll die dabei entdeckten Planeten nun erforschen und die Umsiedlung der Menschheit vorbereiten. An Bord ist aber nicht nur Brands Tochter Amelia (Anne Hathaway), sondern auch Cooper, dessen junge Tochter ihm die Reise mit ungewissem Ausgang nicht verzeihen kann.

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Die ältere Murph wartet immer noch auf ihren Vater.

(Foto: 2014 Warner Bros. Entertainment, Inc. and Paramount Pictures Corporation)

Selten wurde im Kino die sprichwörtliche Reise durch Zeit und Raum so sehenswert und vor allem wissenschaftlich fundiert dargestellt wie in "Interstellar". Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Nolan nahm dafür die Hilfe des US-Physiker Kip Thorne in Anspruch. Dessen Forschungsschwerpunkte - Relativität und Gravitation - sind auch im Film wiederkehrende Elemente der Handlung. So erkunden die Astronauten einen Planeten in der Nähe des Schwarzen Loches, auf dem eine Stunde sieben Erdenjahren entspricht. Durch die Relativität der Zeit wird die Reise für Cooper und seine Kollegen zum kurzen Ausflug, während dessen seine inzwischen erwachsenen Kinder (Jessica Chastain, Casey Affleck) ganze Jahrzehnte durchlebt haben.

Liebe und Ewigkeit

Einzig Coopers Gefühle für Murph und die Hoffnung auf ein Wiedersehen halten noch die Verbindung zwischen der Weltraummission und der Erde aufrecht. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter wird zum zentralen Element des Films. Sie steht neben Relativität und Gravitation, als wäre auch sie ein Naturgesetz. Als wäre auch ihre Anziehung unüberwindbar, selbst für die Zeit.

Diese Botschaft wird von Nolan so wuchtig vermittelt, dass viele kleinere, subtilere Aspekte des Films nahezu untergehen. Da wäre etwa die Frage nach den Grenzen des Wachstums. Wie viel davon kann die Erde vertragen, bevor die düsteren Filmbilder Realität werden? Wie wichtig ist uns die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln? Wie lange schieben wir noch wirksame Entscheidungen im Kampf gegen den Klimawandel vor uns her? Diese Themen reißt Nolan an, leider ohne sie weiterzuführen. Zu sehr werden sie überlagert vom ausgefeilten Setdesign und den weiten Bildern aus dem All (von denen einige im Imax-Verfahren gedreht wurden).

Was also bleibt? Ein großartiger, wuchtiger, komplexer Film, der die Zuschauer fordert, aber nie im Stich lässt. Überzeugende Hauptdarsteller, die allerdings eher dem Film dienen als herauszustechen. Beeindruckend starke Bilder von winzigen Menschen im großen Weltall und hilflosen Menschen auf der Erde. Action, Spannung und Drama: Szenen, die mitreißen und Szenen, die in ihrer nachdenklichen Stille an die Reflexionen von Terrence Malick erinnern. Allerdings auch ein Ende, das konsequenterweise früher hätte kommen müssen und das mehr Fragen hätte offen lassen können. Nichtsdestotrotz steht fest: Wenn es um die besten Filme des Jahres geht, wird "Interstellar" nur schwerlich übergangen werden können.

"Interstellar" startet am 6. November in den deutschen Kinos. Die Imax-Version ist in Berlin im CineStar Imax im Sony Center und in Karlsruhe im Filmpalast am ZKM Imax zu sehen.

Quelle: ntv.de