Kino

"Schon immer Scheiße gebaut" "Tal der Skorpione'" geht an die Grenzen

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Dream Team: Micaela Schäfer und Mathieu Carrière.

(Foto: imago images / APress)

Beim Deutschen Filmpreis werden wir den Film nicht sehen, das steht fest. Zu trashig, zu platt und zu übel inszeniert ist "Tal der Skorpione", ein Film von Patrick Roy Beckert. Was hat er sich dabei nur gedacht? Vielleicht nichts, vielleicht hatte der Jung-Regisseur einfach nur Lust auf ballaballa und Baller-Baller. Why not? Eine Mischung aus "Battle Royale" meets "Deliverance" meets "Die Tribute von Panem" und on top: "Das Boot". Ja, "Das Boot", denn einige der Kultschauspieler aus Wolfgang Petersens Filmklassiker von 1981 sind mit dabei, wenn sie in ein einsames Waldstück geschickt werden, um sich scheinbar wahllos abzuknallen. Aus den Überlebenden will ein durchgeknalltes Ärzte-Duo, die Gebrüder Ribbeck, eine Art Übermenschen kreieren. Ob das gelingt, darf bezweifelt werden - deswegen macht es aber dennoch Spaß, mit den ebenfalls mitspielenden Akteuren Mathieu Carrière und Micaela Schäfer zu sprechen - und die haben weitaus mehr auf dem Kasten, als "Tal der Skorpione" vermuten lässt.

n-tv.de: In dem Film gibt es Momente, in denen man sich, fast schon gesellschaftspolitisch, fragen muss, wie wir miteinander umgehen. Man fragt sich, wie viel ein Menschenleben wert ist, vor allem, wenn man "Tal der Skorpione" gesehen hat.

Mathieu Carrière: In der Politik sind Menschenleben nichts wert. Im Gegenteil. Wir werden durch die Politik, die seit 20.000 Jahren vor allem durch Männer gemacht wird, täglich, stündlich entwertet.

Sie sind doch selbst ein Mann …

MC: Ja. Aber ich würde liebend gern abdanken.

Abdanken?

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Ganz emanzipiert und Gentleman gleichzeitig hält Mathieu Carrière die Handtasche.

(Foto: imago images / Tinkeres)

MC: Ja, wir haben seit 25.000 Jahren nur Scheiße gebaut. Wir haben Waffen erfunden, wir haben alle Kriege angefangen und geführt, 95 Prozent aller Gewaltverbrechen werden von Männern verübt, täglich werden fünf oder sechs Frauen in Deutschland durch Männer getötet, in anderen Ländern noch mehr. Ich finde, jetzt sind die Frauen dran, das ist die einzige Chance, die wir haben, um diesen Planeten zu retten. Die Jugend und die Frauen müssen übernehmen. Männer können sich ja auf Spielplätzen wie in unserem Film, in Wäldern, treffen und gegenseitig erschießen. Aber bitte lasst die Frauen und die Kinder da raus.

Frauen sind ja aber auch nicht immer ganz ohne - sie haben es doch teilweise auch faustdick hinter den Ohren.

Micaela Schäfer: Na klar, wir sind auch gerissen und wollen unsere Ziele erreichen. Aber auf eine andere Art und Weise. Wir setzen andere Waffen ein als Männer.

Welche?

MS: Na, Charme zum Beispiel. Ich weiß schon, dass alle immer denken, dass Frauen wie ich auch ihre Brüste benutzen, um ans Ziel zu kommen. Aber das ist natürlich nicht immer der Fall.

MC: Um gerissen zu sein, muss man ja auch intelligent sein. Frauen müssen natürlich mit anderen Waffen kämpfen, um zu überleben. Und sie können das auch sehr gut.

Müssen Frauen doppelt so hart kämpfen wie Männer?

MC: Ja! Männer sind immer nur auf schnelle Triebbefriedigung aus. Männer denken alle 20 Sekunden an Sex und es geht bei den Männern immer alles sehr schnell. Frauen können strategischer denken und deswegen auch taktisch klüger handeln.

Jetzt haben emanzipierte Frauen schon so lange emanzipierte Söhne erzogen - hat sich da nicht grundlegend etwas geändert?

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Patrick Roy Beckert, der Regisseur, Martin Semmelroge, Micaela Schaefer, Claude-Oliver Rudolph und Mathieu Carrière (v.l.) bei der Filmpremiere in Berlin.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

MC: Das Problem ist ja, dass Frauen die Mörder erziehen. Das hat ganz viel mit Religion zu tun. 90 Prozent der Frauen in den großen Religionen sind Sklaven. Es ist doch so: Wenn eine Frau ihren streng katholischen Kontext verlässt, oder ihren muslimischen, oder ihren Hindu-Kontext, dann kann es passieren, dass sie gesteinigt wird. Die Tatsache, dass Frauen die Kinder erziehen und die Männer arbeiten ist die Crux. Ist ja überliefert aus Jahrhunderten. Aber heute müssen Frauen, die arbeiten, zum Glück nicht mehr zu Männern werden.

Zum Beispiel?

MC: Margaret Thatcher, Indira Gandhi, Golda Meir - die wurden durch ihre Machtausübung zu Männern. Weil das herrschende Patriarchat darauf bestand. Es verändert sich aber gerade viel. Gerade solche Frauen wie Micaela, die genau die Schwächen der Männer - nämlich zum Beispiel "auf Brüste starren" - benutzen, um ihre Unabhängigkeit durchzusetzen und zu stärken, zeigen den richtigen Weg.

Und was ist mit Angela Merkel?

MC: Die hat in meinen Augen einen Friedensnobelpreis verdient. Die hat die Flüchtlinge nach Deutschland gelassen und hat als Physikerin den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Diese Frau war und ist für uns unheimlich wichtig.

Wirst du auf Social Media eigentlich angegriffen, Micaela?

MS: Am Anfang ganz stark, mittlerweile nicht mehr. Weil die Leute damit nicht umgehen konnten, dass da eine ist, die sich immer auszieht. Aber Pornos dreht sie auch nicht - was macht die denn eigentlich? Jetzt würden sich alle wundern, wenn ich ein Bild von heute poste, wo ich relativ angezogen bin (lacht). Die Leute wollen mich provokant sehen, aber das ist gar nicht so einfach, weil es nicht überall zugelassen ist, nackt zu sein. In Talkshows und auf roten Teppichen achtet man doch verstärkt darauf, dass ich angezogen bin. Ich kann das nicht ganz so durchziehen wie es gerne möchte. Ich bin ja aber nicht komplett nackt, sondern bloß provokant. Also in Cannes dürfen Rihanna, Lady Gaga oder Kendall Jenner halbnackt auf den roten Teppich, kein Problem, aber in Deutschland wird man vor einem Auftritt gecheckt.

*Datenschutz

Ich dachte, wir wären eigentlich offen und frei - außer auf Facebook und Instagram …

MC: Wir sind nur so frei, wie wir uns die Freiheit auch nehmen ….

Haben sich die Zeiten geändert, Herr Carrière? Sind wir wieder prüder?

MC: Die neue Generation interessiert sich nicht für solche alten Standards. Das gilt fürs Fernsehen, für Politik, für fast alles. Die Jungen von heute, die assoziieren sich untereinander, die bilden Kommandounternehmen, die schließen sich zu Rudeln zusammen, das ganze Social-Media-Feld hat unsere und vor allem die nächste Generation vollkommen verändert. Da können Sie spontan zum Star werden, mit einer einzigen Meldung auf Instagram - so wie Greta Thunberg. Die Jugend organisiert sich viel schneller. Für mich ist das evolutionstechnisch wichtigste Ereignis im 20. Jahrhundert die Emanzipation der Frau - die ist noch nicht ganz durchgesetzt, aber wir sind auf einem guten Weg.

Was raten Sie denn Ihrer Tochter, Elena Carrière, die ja jetzt als Schauspielerin - nicht mehr nur als Model - in Ihre Fußstapfen zu treten scheint?

MC: Die ist auch politisch unterwegs. Die macht das über ihre vegane Ernährung, ihren spirituellen Content, den sie postet. Das mag ich sehr an ihr - dass sie sich als Influencerin so definiert. Sie postet Werte, zu denen sie steht.

Kommen wir mal zum Film - was war die Herausforderung für Sie beide, in diesem Horrorschocker-Streifen mitzuspielen?

MS: Für mich stand fest, dass ich da mitmachen will, als ich den Cast gelesen habe. Ich will mit Mathieu, Martin Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph und Ralf Richter spielen! Ich habe schon in Trash Movies mitgespielt, aber das war immer ohne große Stars. Ich habe sofort zugesagt. Voraussetzung war aber, dass ich keine allzu große Rolle bekomme, denn ich bin nun mal keine Schauspielerin und dazu stehe ich auch. Ich hatte nie Unterricht, kein Sprechtraining. Ich habe echt gesagt: "Bitte gebt mir nicht so viel Text", denn die hatten es eigentlich gut mit mir gemeint, aber das wäre Quatsch. Ich kann mich nämlich wirklich gut einschätzen: Ich bin Entertainerin, ich bin Nacktmodel, aber es hat einen Grund, warum ich mit 36 Jahren noch immer nicht Schauspielerin bin (lacht). Weil ich es nicht möchte. Aber in einem Film mitspielen will ich schon.

Dann war das Maß in dem Film genau richtig, oder?

MS: Genau! Ich konnte mir schon in der Schule keinen Text merken, weil ich immer so schnell hibbelig geworden bin, das war ganz schlimm. Ich bin eine fürs Reality-TV. Da geht man zu Big Brother und in den Dschungel, aber nicht zum Film. Das ist mein Ding. Aber jetzt mal zu schauspielern war mega. Leider haben wir nie zusammen gedreht …

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Mathieu Carrière ist auf der Seite der Frauen, ohne Wenn und Aber.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

MC: Ja, weil der Dreh sich über vier Jahre hinzog. Weil das Geld ausging, jemand starb, und dann zieht sich das. Schauspielerei hat übrigens gar nicht so viel mit Talent zu tun.

MS: Wie bitte?

MC: Nein, wirklich nicht. Du hast es zum Beispiel geschafft, durch diese ganzen Trash-Formate, die wir beide wirklich sehr gut kennen, deine Authentizität nicht nur zu finden, sondern auch, sie zu behalten. Du bist von einer fast stoischen Gelassenheit, das bewundere ich sehr an dir. Und alles was du sagst, kommt ohne falschen Ton rüber. Das kannst du auch nach zehn Jahren Schauspielunterricht nicht lernen. Das hat man oder man hat es nicht.

Das lieben die Leute wahrscheinlich, dieses Echte - aber wir lernen euch Schauspieler ja auch vermeintlich gut kennen durch all die Reality-Formate.

MC: Ja, aber diese Nähe ist natürlich auch eine Illusion. Das ist reine Projektion, und das ist auch gut so.

Könnte man "Tal der Skorpione" nächstes Mal - sollte es eine Fortsetzung geben - denn nicht frauenlastiger planen?

MC: Ja, die Männer bringen sich ja eh alle um (lacht).

Micaela - im Pressetext werden Sie als "Celebrity Girl (GNTM)" angekündigt. Sind Sie aus dem "Girls"-Alter nicht langsam raus - und ist GNTM dann also doch gut für mehr, als man dachte? Ihre GNTM-Zeiten sind ja schon eine Weile her und bis heute sind Sie im Showbusiness …

MS: (lacht) Ich glaube, das passiert immer, weil keiner weiß, wie er mich bezeichnen soll. "Germany's Next Top Model", das ist 15 Jahre her. Ich war damals 22 und eine der älteren Teilnehmerinnen, die anderen waren 17, 18. Ich wusste, dass ich nicht gewinnen werde, aber ich wusste auch, dass ich diese Aufmerksamkeit dort für mich nutzen kann. Ich wurde Achte, habe trotzdem erstmal danach kein Geld verdient (lacht), aber ich habe weitergemacht. Und dann ging es auch immer weiter.

Die Filmmusik ist übrigens super, sehr James-Bond-lastig …

MC: Ja, die ist super. Eigentlich ist der Film ja auch eine James-Bond-Veräppelung. (lacht)

Mit Mathieu Carrière und Micaela Schäfer sprach Sabine Oelmann

"Tal der Skorpione" startet am 20. Juni im Kino.

Quelle: n-tv.de

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