Hörbücher

Von Schirach und die Sterbehilfe Darf der Mensch "GOTT" spielen?

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Ferdinand von Schirachs Bestseller "GOTT" ist als Hörspiel im Hörverlag erschienen.

(Foto: Der Hörverlag)

Ein Mensch will nicht mehr weiter leben und bittet um ärztliche Hilfe, sich zu töten. In Deutschland hat ihm das Bundesverfassungsgericht dieses Recht garantiert. Das klingt liberal, wird aber heiß diskutiert - auch in Ferdinand von Schirachs "GOTT".

Wenn ein Auto sein Buch "GOTT" betitelt, dann ist das ein Statement: Dieses Werk hat eine Aussage. Dieses Buch will dem Leser etwas mitteilen. Und es ist auf den ersten Blick klar: Dieses Buch wird polarisieren. Der Autor muss genau das haben, was Oliver Kahn einst gefordert hat: Eier. Und wer den Namen des Schriftstellers hört, weiß sofort, das ist der Fall. Das ist kein Autor, der Trivialliteratur schreibt, sondern einer, dessen Bücher immer Diskussionsstoff liefern - vielleicht nicht gerade für Debatten an Stammtischen in Eckkneipen, eher für Abende mit einem kräftigen Rotwein oder einem trockenen Weißen. Ferdinand von Schirach hat sein neuestes Werk "GOTT" genannt.

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Ferdinand von Schirach gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. Seine Bücher landen regelmäßig in den Bestsellerlisten.

(Foto: Markus Jans)

Worum geht's? Richard Gärtner hat beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine tödliche Dosis Natriumpentobarbital beantragt. Denn: Er will sterben, seinem Leben ein Ende setzen. Gärtner ist aber nicht unheilbar krank, leidet nicht an Schmerzen. Das Bundesinstitut lehnt seinen Antrag ab, woraufhin sich der 78-Jährige an seine Hausärztin wendet und sie um Beihilfe bittet bei seinem Suizid.

Das Bundesverfassungsgericht hat in diesem Jahr dazu ein Grundsatzurteil erlassen, das die Rechte von Menschen wie Gärtner garantiert. Damit ist die rechtliche Frage geklärt, die ethische Frage aber bleibt offen: Soll ein Arzt einem Menschen bei dessen Suizid helfen?

Ein Thema, das alle angeht

Schirach packt diesen Stoff in ein zweistündiges Hörspiel, das als Theaterstück aufgezogen ist und genau daraus Spannung und Kurzweil bezieht. In dem Stück diskutiert ein Ethikrat Gärtners Fall. Gärtner selbst kommt natürlich zu Wort, ebenso sein Anwalt Herr Biegler (gesprochen von Florian Lucas), Gärtners Hausärztin sowie drei Sachverständige: Professorin Litten von der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität, Professor Sperling von der Bundesärztekammer und Bischof Thiel, Mitglied der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

"Ich will sterben", sagt Gärtner, "ich will nicht mehr. Ich bin 78 Jahre alt, ich war 42 Jahre verheiratet. Elisabeth ist vor drei Jahren gestorben. Hirntumor, so groß wie ein Tischtennisball." Gärtners Frau starb nach eineinhalb Jahren Leiden und Schmerzen, Verwirrung und Hilflosigkeit im Krankenhaus. "Sie war sehr arm dran", betont Gärtner. Am Ende habe sie die Ärzte gebeten, "sie zu erlösen". Irgendwann hätten ihr die Ärzte Morphium gegeben. Gärtner weiß nicht, ob sie friedlich gestorben sei, er sei gerade nicht im Zimmer gewesen. Das beschäftige ihn heute noch.

Gärtners Söhne wissen vom Sterbewunsch des Vaters. Das Thema sei "jahrelang, rauf und runter" diskutiert worden, so der 78-Jährige. Die Söhne hätten seinen Wunsch letzten Endes akzeptiert. Gärtner hat mit dem Verlust seiner Frau jeden Sinn für sein Leben verloren. Ein Psychologe konnte ihm nicht helfen, er sollte dann Medikamente nehmen. Das wolle er nicht, das Leben bedeute ihm "nichts mehr". "Ich will einfach nur in Ruhe sterben", betont Gärtner. "Ich will sterben. Und das ist nicht egoistisch, amoralisch oder krank!"

Alles nur eine Frage der Ethik?

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Der bekannte deutsche Schauspieler Florian Lukas spricht den Rechtsanwalt von Herrn Gärtner - und sorgt mit seinen zum Teil schnippischen Einwendungen für den ein oder anderen Lacher.

(Foto: Matthias Scheuer)

Die Hausärztin, die Gärtner seit mehr als 20 Jahren kennt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, will ihm beim Suizid nicht helfen. Sie verweist auf ethische Gründe, führt Statistiken der Polizei an, etwa dass rund die Hälfte der Selbstmörder versuchten, sich durch Erhängen zu töten. Das gehe aber oft schief, so die Ärztin. Irreparable geistige und körperliche Schäden blieben zurück. Das Gleiche führt sie auch für den Versuch an, sich durch einen Sturz vom Hochhaus zu töten.

Auch Professor Sperling von der Bundesärztekammer ist gegen Suizide mit ärztlicher Hilfe und verweist auf ärztliche Ethik, den Eid des Hippokrates: "Die Aufgabe eines Arztes ist, Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und gegebenenfalls wieder herzustellen, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Das ist keine Sterbebegleitung - Ärzte dürfen das nicht tun. Es widerspricht diesem Eid und dem Ethos der Ärzteschaft." Klare Worte.

Und Gott sprach ...

Die dann - natürlich - auch Bischof Thiel findet: "Ein Suizid ist reiner Egoismus. Er ist rücksichtslos den Mitmenschen gegenüber. ... Er ist zutiefst unmoralisch." Jedes Leben sei unentbehrlich, sagt der Bischof, für den Hospize und Palliativmedizin die besseren Alternativen seien. Überhaupt: Es gebe doch das 5. Gebot: Du sollst nicht töten. "Das Gebot bezieht sich nicht nur auf einen anderen Menschen, sondern auch auf sich selbst", erklärt er. "Der Selbstmörder kann nicht mehr bereuen, er ist auf ewig verloren. Diese Auffassung teile ich als Christ."

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Gleichwohl räumt er ein, dass sich in der Bibel keine Stelle finden lässt, in der ein Suizid ausdrücklich verdammt, verurteilt oder verboten ist. Aber er führt etwa Thomas von Aquin ins Feld, der Suizide aus drei Gründen ablehnte: Ein Selbstmord sei unnatürlich, denn jedes Wesen liebe sich von Natur aus selbst; Er sei eine Sünde gegen die Gesellschaft; Und Das Leben sei ein Geschenk Gottes, nur er allein dürfe die Entscheidung über Leben und Tod treffen. "Es gilt unbeschränkt", unterstreicht der Bischof. "Gott, sagt Thomas, hat das Leben gegeben und nur er darf es nehmen. So wie der Lebensanfang dem Zugriff jedes Einzelnen und seinem Selbstbestimmungsrecht entzogen ist, so ist es auch das Lebensende. Das Leben ist Gottes Geschenk an sie."

"Naja", entgegnet Gärtners Anwalt Biegler mit einem Anflug eines süffisanten Untertons. "Geschenke darf man zurückgeben." Spätestens da dürfte jedem Hörer von Schirachs "GOTT" klar sein: Eine, ja die, absolute Antwort auf die Frage der Suizidbeihilfe gibt es nicht. Das Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts hat zwar den rechtlichen Aspekt geklärt. Ethische, moralische, gesellschaftliche und religiöse Argumente für ein Für und Wider lassen sich dennoch problemlos finden - und sind streitbar. Und so bleibt am Ende von Schirachs Werk der Hörer in einer nachdenklichen Stimmung zurück. In sich gekehrt. Suchend nach der einen allumfassenden Antwort, die es bei diesem Thema aber nicht gibt, nicht gab und auch nie geben wird. Es sei denn, man ist Gott selbst.

Quelle: ntv.de