Musik

U96 und Wolfgang Flür heizen an "Helene Fischer erschließt sich mir nicht"

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Gemeinsam sind sie "Transhuman": Ingo Haus und Hayo Lewerentz von U96 und Ex-Kraftwerk-Star Wolfgang Flür (Mitte).

(Foto: Markus Luigs)

Keine anderen deutschen Musikprojekte haben die Technowelt so sehr geprägt wie Kraftwerk und U96. Erstaunlicherweise fanden die Pioniere aber erst sehr spät zueinander, um gemeinsam aufzumischen. Doch besser spät als nie! Nun ist das erste gemeinsame Album von Ex-Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür und U96 entstanden. Mit ntv.de spricht Hayo Lewerentz von U96 über "Transhuman", Techno-Hasser und Helene Fischer.

ntv.de: Ihr macht ja schon ewig lange Musik - Kraftwerk seit 1970, U96 seit 1990 - dafür habt ihr euch aber sehr spät kennengelernt, erst Anfang der 2000er.

2000 oder 2001 haben wir uns auf der Popkomm kennengelernt und dann wieder aus den Augen verloren. Irgendwann habe ich Wolfgang im Rahmen einer Lesung hier in Hamburg wiedergesehen. Ich wusste, dass er dieses Buch geschrieben hat ("Kraftwerk - Ich war ein Roboter", Anm. der Red.). Ich habe ihn daraufhin angemailt und gefragt, ob er Lust auf eine Lesung hat. Damit hat unsere Zusammenarbeit angefangen.

Aber es ist erstaunlich, dass die beiden Formationen, die den Techno in Deutschland so maßgeblich vorangebracht haben, sich erst so spät kennenlernen.

Da hast du natürlich völlig recht, aber Kraftwerk … das waren quasi Übermenschen, die deutschen Beatles. Die hatten nie mit irgendwelchen Leuten zu tun - und wenn, dann mit David Bowie und Iggy Pop oder so, aber nicht mit uns. (lacht) Im Vergleich dazu sind wir natürlich 'ne ganz kleine Nummer. Aber wir haben uns gut verstanden und haben einen ähnlichen State of Mind, deswegen hat das ganz gut funktioniert.

Was hält Ex-Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür denn von eurer Musik?

Wolfgang kannte von uns tatsächlich nur "Das Boot", so wie viele. (lacht) Das ist halt so. Aber als wir anfingen, zusammenzuarbeiten, hat er sich natürlich auch was von unseren Sachen angehört - allerdings eher die aktuelleren Sachen. Das fand ich auch gut so, weil die 90er waren die 90er - das war eine spezielle Zeit und auch eine spezielle Musik. Wir haben uns immer irgendwie weiterentwickelt. Wenn wir heute Konzerte spielen, spielen wir nicht mehr unsere alten Lieder. Und wenn, dann neue Versionen.

Ihr habt den Techno damals maßgeblich geprägt. Meinst du, dass die jüngere Generation, die heute feiern geht, wirklich wertschätzen kann, was ihr damals geleistet habt?

Teils, teils. Wir haben erstaunlicherweise auch junge Fans. Die jüngeren Leute beschäftigen sich mehr mit Musik. Auch als ich 20 war, habe ich Bands gehört, die schon älter waren. Das hat für mich nicht die Rolle gespielt. Für mich war wichtiger, ob mich das musikalisch anspricht. Und ähnlich ist das auch bei den ganz jungen Leuten. Natürlich kennen viele U96 nicht, logisch. Wir haben ein Publikum, das jenseits der 40 ist, das ist nun mal so.

Würdest du dir manchmal ein bisschen mehr Anerkennung wünschen oder siehst du das eher gelassen?

Nee, nee, nee. Jede Band hat ihre Zeit, und unser Publikum ist mit uns älter geworden. Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Alter ist ja keine Sache, die wir uns aussuchen, sondern das betrifft uns alle. (lacht)

Und dein Sohn, hört er eure Musik auch?

Ja! Der ist 23 und erzählt mir immer, dass auch alle seine Freunde U96 kennen. Nicht nur seinetwegen, die kennen uns einfach! Ich weiß nicht, warum ... ich war überrascht, aber es ist so. Und auch nicht nur "Das Boot"! Das kennen natürlich viele, das war ein Classical und ist auf vielen Compilations. Und immer mal wieder kann man es hören, wenn Filmausschnitte im Fernsehen kommen, da wird immer "Das Boot" darunter gelegt. Teilweise aber auch nicht unsere Version, sondern das Original von Klaus Doldinger.

Was hört ihr denn privat gerne?

Wir hören ganz viel Techno-Kram, nach wie vor. Adam Beyer finden wir super oder die Chemical Brothers. Das ist eine unserer Lieblingsbands, selbst Wolfgang kann damit viel anfangen. Und dann hören wir neuere Sachen wie Artbat. Ich weiß nicht, ob du die kennst, das ist ein DJ-Act aus Weißrussland, glaube ich. Auf die stehen wir total, die kombinieren Techno auch mit Gesang, was bei Techno ja nicht normal ist. Das ist eher die Tech-House-Richtung, das gefällt uns gut und da fühlen wir uns auch wohl. Adam Beyer zum Beispiel arbeitet mit Samples, aber der lässt keine Leute singen.

Und geht ihr selber noch feiern?

Ja, ja! (lacht) Im Moment ja leider nicht, aber wir gehen sehr viel in Clubs in Hamburg. Wir sind immer noch tanzwütig, vor allem, wenn wir auf Tour sind.

Früher haben bei euch sicherlich auch Drogen eine Rolle gespielt, oder?

Ganz früher schon, ja. Wir haben das natürlich ausprobiert - alle haben es ausprobiert! Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Aber nur eine kurze Zeit, da war ich 20, maximal 25. Seitdem spielen die keine Rolle mehr.

Bei vielen DJs ist das heutzutage kaum denkbar, die würden ihre vielen Auftritte ohne Speed oder Koks wahrscheinlich gar nicht meistern.

Wir haben alles getestet und teilweise für gut befunden, aber später für schlecht - dann haben wir es halt gelassen. Jetzt trinken wir unser Bier oder einen Wein, aber das Thema Drogen ist durch.

Wie haben deine Eltern damals reagiert, als du ihnen zum ersten Mal eure Musik vorgespielt hast? Haben sie das verstanden?

Es ist interessant, dass du das fragst! Nein, sie haben das natürlich musikalisch überhaupt nicht verstanden, null. Dafür waren sie schon viel zu alt. Aber meine Eltern waren cool, die sind zu vielen Konzerten von uns gekommen. Also, die haben sich das tatsächlich angeguckt. (lacht) Hinterher waren waren sie dann … na ja, durcheinander. Aber sie haben gesehen, dass das ganz gut lief und so war das abgehakt als "Ist halt nicht mehr unsere Zeit".

Meinst du, sie hatten vielleicht auch etwas Sorge, dass sich ihr Sohn in etwas so Unbekanntem versucht? Wollten sie etwas Sichereres für dich?

Ich glaube nicht. Mein Vater und meine Mutter waren immer im Kulturbereich unterwegs, das war bei uns kein Thema. Ich habe schon mit 14 angefangen, Musik zu machen und in Bands zu spielen, das wussten sie von mir, dass ich da manisch bin.

Was für Bands waren das?

Damals haben wir noch klassische Rockmusik mit Schlagzeug, Bass und Gitarre gemacht. Und wir hatten sehr viele Auftritte, deswegen kannten meine Eltern das und wussten, dass ich in die Richtung gehe.

Was hat euch damals so an Techno interessiert, dass ihr eure Ausrichtung geändert habt?

Die Energie steht ganz weit vorne! Ich bin immer viel in Clubs gegangen, diesen rohen Techno-Sound habe ich erstmals Ende der 80er im Opera House gehört. Das war ja am Anfang noch super Underground, Leftfield und so, schlimmer ging's ja gar nicht mehr. Techno haben im Prinzip nur Randgruppen gehört. Und das hat mich sofort angesprochen. Das war super geil!

In den meisten Musikrichtungen lassen sich Gefühle und Emotionen mit Melodien und Lyrics leicht vermitteln, beim Techno ist das ja ein bisschen schwieriger. Was wollt ihr mit eurer neuen Platte sagen? Wollt ihr überhaupt etwas ausdrücken?

"Transhuman" lebt schon von der Zeit, auch von den Einflüssen, die man jetzt hat. Witzigerweise finde ich, passt es jetzt unheimlich gut in diese Krisenlage. Aber als wir damit angefangen haben, gab es noch kein Corona, also haben wir darüber gar nicht nachgedacht . Es ging um Künstliche Intelligenz und wie die Arbeit der Zukunft aussieht - all diese Themen, die uns und die Menschen heute beschäftigen, haben wir versucht, irgendwie zu verarbeiten. Das ist eigentlich der Abriss dieses Albums, es ist im Prinzip ein Konzeptalbum.

Und wie drückt man das ohne viele Lyrics aus? Kannst du den kreativen Prozess kurz beschreiben? Wie klingt zum Beispiel diese Künstliche Intelligenz?

Der Titelsong ist ja im Text drin, da geht es auch um das Thema. Und in den anderen Songs sind es im Prinzip Soundscapes (Soundlandschaften, Anm. der Red.), wie wir uns das musikalisch vorstellen. Wenn du im Studio sitzt, bastelst du an Sounds rum oder spielst irgendwelche Melodien oder Harmonies, dann bist du natürlich die ganze Zeit in diesem Thema. Das heißt, wir basteln kleine Melodiefragmente. Wolfgang hat uns ein paar Fragmente oder auch mal ein paar Vocals geschickt, die versuchen wir dann soundmäßig so einzubauen, wie wir das in dem Moment gerne machen wollen. Wir lassen uns sehr von Sounds und Tagesstimmungen inspirieren - und natürlich von dem Thema. Das Thema und der Albumtitel standen schon, bevor es überhaupt einen Ton gab.

Die Richtung war dann somit auch klar?

Da mussten wir uns natürlich ein bisschen überraschen lassen von dem, was Wolfgang uns geschickt hat. Wir haben da zwei Jahre dran geschraubt. Zwischendurch haben wir Auftritte gemacht, Wolfgang war viel auf Tour - nach wie vor erstaunlicherweise. Insofern war die Zeit, die wir hatten, sehr begrenzt. Wir konnten nicht sechs Wochen konzentriert zusammen in einem Raum sitzen, was so eine Arbeit manchmal ein bisschen einfacher macht. Sondern wir mussten mit den Umständen leben, dass wir räumlich und zeitlich voneinander getrennt sind.

Leute, die keinen Bezug zu Techno haben, behaupten oft, das sei "platt" und gar keine richtige Musik, weil die meisten Töne nur im Computer entstehen und aneinandergereiht werden. Was sagst du diesen Leuten?

So ein ausgemachter Blödsinn! Warum soll Musik nicht im Computer entstehen? Grafiken, Filme, fast alles was du heutzutage siehst, ist computergeneriert, da ist nichts mehr real. Und so ist es in der Musik halt auch. Musik entwickelt sich immer weiter. Ich finde nicht, dass man sagen kann, das sei ja keine Kunst. Das ist extreme Arbeit, so was vernünftig hinzukriegen. Es gibt viele, die versuchen sich daran und kriegen es nicht hin. Der Computer nimmt dir die Arbeit übrigens nicht ab, er hilft nur bei der Umsetzung.

Für viele Laien klingt der Beat immer gleich …

Nee, das tut er nicht! Klar, wenn man jetzt instrumentale Technotracks hört, wenn du zum Beispiel Charlotte de Witte mit Adam Beyer mischt, da könnte ich wahrscheinlich auch nicht sagen, von wem das jetzt gerade ist. Das ist so. Es gibt so ein paar, die vielleicht nicht als Technopuristen gelten, aber einen eigenen Sound haben wie Daft Punk oder Chemical Brothers, eindeutig. Underworld auch! Oder halt Artbat. Und dann gibt's natürlich diese knallharten Techno-Bretter, wo auch ich nicht sagen kann, von wem das jetzt ist. Ich weiß nur: Der Track ist gut. Und das ist wichtig für mich! Und klar, es gibt Leute, die hassen Techno, weiß ich. Aber die wollen wir doch gar nicht überzeugen. Die sollen doch hören, was sie wollen. Jeder für sich.

Und hat U96 einen eigenen Sound?

Vielleicht nicht bei jedem Track, aber bei vielen schon, ja. Ingo Haus, mein Partner, hat immer - auch jetzt noch - fast alle Tracks gesungen, obwohl man von uns eigentlich nur Alex Christensen kannte, der für uns stand. Der hat aber weder gesungen noch hat er gespielt. Er war ein DJ, mit dem wir zusammengearbeitet haben. Er wollte die Auftritte unbedingt machen, wir waren mehr so Studio-Frickler, deswegen haben wir das damals aufgesplittet. Heute ist das halt anders - aber die Stimme ist immer noch von Ingo. Insofern haben wir schon einen Sound, weil er eine spezielle Stimme hat.

Alex Christensen gehört seit 2014 nicht mehr zu euch. Warum habt ihr euch getrennt?

Alex hat ja schon immer viel und ganz unterschiedliche Sachen produziert - selbst Helene Fischer. Der ist in eine Ecke abgedriftet, in der wir gar nicht sind. Ich finde nach wie vor Techno geil und mag Helene Fischer nicht. Und das wird sich auch nie ändern. Helene Fischer erschließt sich mir nicht, also kann ich sie auch nicht produzieren. Das ist keine Wertung gegen die Musik, das hat alles seine Berechtigung. Wir wollten unbedingt neue U96-Musik machen und zwar back to the roots, back to techno. Nicht diesen Kommerzfilm, wo wir ganz zum Schluss so ein bisschen drin waren - auch durch die Plattenfirma, die uns immer gesagt hat, dass wir jetzt eine Hit-Single brauchen. Da lässt man sich von beeinflussen, man will als Musiker ja auch, dass man mit seiner Arbeit Geld verdient.

Ihr würdet Helene Fischer auch nicht produzieren, wenn das Geld stimmt?

Nee, würden wir nicht! Wir haben auch andere Künstler produziert, aber es gibt musikalische Grenzen. Und Schlager ist einfach nicht meine Welt. Das kann ich weder hören noch kann ich es machen. Will ich nicht. Das haben wir lange vor U96 mal probiert und ein Vicky-Leandros-Album co-produziert, mit ihrem Vater. Das war ein Job, da gab es Geld für! Aber da habe ich schon gewusst, dass ich das nicht kann. Das Album ist übrigens gefloppt. (lacht) Aber wir sind jetzt ganz anders unterwegs.

Wo bewegt ihr euch jetzt so?

Wir machen jetzt alles live, das haben wir früher nicht gemacht. Alex ist in den 90ern zum Auflegen in einen Club gegangen, aber U96 war kein Live-Act. Jetzt spielen wir eineinhalb Stunden Konzerte, hauptsächlich in Skandinavien, Russland und in den USA. Aber das müssen wir uns jetzt alles zurück erarbeiten, weil wir zehn Jahre lang nichts mehr gemacht haben.

Wegen der Pandemie werdet ihr jetzt vermutlich nicht touren können. Aber was habt ihr für die Post-Pandemie-Zeit geplant?

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Techno-Vorreiter vom Feinsten: Ingo Haus, Wolfgang Flür und Hayo Lewerentz.

(Foto: Markus Luigs)

Wir haben in Schweden, Deutschland und Holland jeweils eine Booking-Agentur, die waren jetzt aber alle ein bisschen im Schlafmodus. Bald geht es wieder los, wir wollen nächstes Jahr wieder eine Tour machen und natürlich auch auf Festivals spielen. In Deutschland hatten wir immer ein bisschen das Problem, dass viele uns nur mit Alex Christensen in Verbindung gebracht haben. Da arbeiten wir jetzt dran, dass sich das ändert und U96 wieder als Band, als Act wahrgenommen wird.

Ist das in Vergessenheit geraten?

Unsere ersten Auftritte damals waren zu dritt - Ingo, Alex und ich. Da haben wir in England noch Top of the Pops gemacht und so. Irgendwie hat es sich dann ergeben - ich weiß nicht mehr, woran es lag -, dass Ingo und ich mehr im Studio sein wollten. Mittlerweile sind wir süchtig nach Live-Auftritten.

Weil es schon so lange her ist?

Nein, weil es uns einfach so viel Spaß macht. Das hätte ich früher so ohne weiteres nicht gedacht. In den 90ern war das irgendwie nicht so das Thema für uns. Aber mittlerweile sind wir, wie gesagt, ganz heiß drauf. Wenn jemand anruft und fragt, ob wir spielen wollen, dann spielen wir.

Du meintest vorhin, dass im Techno dieser Personenkult nicht so groß ist. Aber werdet ihr auf der Straße manchmal wiedererkannt?

Gelegentlich, beim Ausgehen. Aber wir sind nicht so prominent. Alex wird mehr erkannt als wir, logisch. (lacht) Sein Gesicht war ganz viele Jahre überall präsent im Fernsehen, wir eigentlich nicht so. Ich bin ganz froh, dass es so ist. Ich will gar nicht immer erkannt werden.

Mit Hayo Lewerentz sprach Linn Rietze

"Transhuman" ist ab sofort erhältlich

Quelle: ntv.de