Panorama

Nach Terror auf Weihnachtsmarkt Angst verspüren nur die wenigsten

Am Eröffnungstag des Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz wird deutlich: Nur die wenigsten haben Angst vor einem erneuten Terroranschlag wie 2016. Passend dazu sind Betonblöcke und Sicherheitskräfte beinahe unsichtbar.

"Wir fühlen uns sicher". Das ist der Satz, den man am Eröffnungstag des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz am häufigsten von Besuchern und Schaustellern hört. Knapp ein Jahr ist es her, dass ein islamistischer Terrorist mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt fuhr. Anis Amri tötete am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen und verletzte rund 70 weitere.

Im darauffolgenden Winter ist die Angst vor einem erneuten Terrorattentat nur bei wenigen spürbar. "Würde ich näher an der Straße stehen, hätte ich mehr Angst", sagt Schmuckverkäuferin Gulia M.. Im vergangenen Jahr hatte sie ihren Stand auf einem anderen Weihnachtsmarkt aufgebaut. Dieses Jahr hat sie sich bewusst für den Breitscheidplatz entschieden. "Hier ist bereits etwas passiert, deshalb wird nicht noch einmal etwas passieren", erzählt die 26-Jährige, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Die aufgestellten Betonblockaden, die einen Angriff mit einem Fahrzeug künftig verhindern sollen, geben ihr Sicherheit. Allerdings fragt sich Gulia, warum sie nicht schon im vergangenen Jahr vor dem Attentat aufgestellt wurden: "Man hat gedacht, dass etwas passieren könnte und trotzdem keine Poller aufgestellt."

Dabei sind die Betonblöcke, die spätestens seit dem Lastwagenattentat in Nizza am 14. Juli 2016 zum Standard bei Massenveranstaltungen gehören, auf dem Breitscheidplatz nur wenig präsent. Stattdessen verdecken Tannenbäume und rot-goldene Weihnachtskugeln die massiven Absperrungen, Weihnachtsmusik vermittelt eine entspannte Atmosphäre. "Es ist sehr gemütlich hier, besonders wenn es dunkel ist", sagen Anne und Peter Milling. Das Touristenehepaar aus Dänemark war bereits im vergangenen Jahr zu Besuch in Berlin - nur eine Woche vor dem Terroranschlag. "Wir fühlen uns immer sicher in Berlin", sagt der 55-jährige Peter. Vor einem ähnlichen Anschlag in Dänemark hat er keine Angst. "Es wird aber passieren", fügt er hinzu.

"Sicher ist man nirgendwo"

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Die Betonblöcke fallen vielen Besuchern kaum auf.

(Foto: imago/Markus Heine)

Tuchhändler Sofian Razzougui hat das Attentat im vergangenen Jahr live miterlebt. Er hatte seinen Stand nur wenige Meter vom Unglücksort entfernt aufgebaut. Nun steht er direkt in der Schneise, die Amri damals mit dem Lkw schlug. Angst verspürt der gebürtige Franzose trotzdem nicht. "Schon wenige Tage nach dem Anschlag war die Stimmung hier wieder ganz normal. Jetzt habe ich dasselbe Gefühl", sagt der 30-Jährige. "Damals habe ich mich zwar sehr unsicher gefühlt, heute geben mir die Betonpoller und die Polizisten aber ein sicheres Gefühl", sagt Sofian.

Polizisten sind allerdings nur vereinzelt zu sehen. Ein einziger Truppenwagen steht am Kurfürstendamm, drei Beamte patrouillieren rund um die Marktstände. "Vielleicht sind viele Polizisten in Zivil unterwegs", mutmaßt Josef Gering. Gemeinsam mit seiner Ehefrau besucht der 67-Jährige seine Tochter in Berlin. "Sie wohnt direkt um die Ecke, deswegen sind wir hier", erklärt seine Frau Rita. Die Vorgeschichte des Weihnachtsmarktes mache sie aber traurig. "Sicher ist man nirgendwo. Es gibt überall ein Risiko", erzählt Josef.

Budenbetreiber Harley Daduna ist froh über die unsichtbare Polizeipräsenz. "Es verbreitet nur Panik, wenn Beamte mit Maschinengewehren umherlaufen. Dann denkt doch jeder, es könnte sofort etwas passieren", sagt der 24-jährige Spirituosenverkäufer. Er habe überhaupt keine Angst vor einem weiteren Anschlag. Harley ist sich sicher: "Der Breitscheidplatz ist einer der am besten gesicherten Weihnachtsmärkte Berlins."

Quelle: n-tv.de