Panorama

158.000 Tote - im besten Fall Corona reißt Südamerikas Wunden auf

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Eine Beisetzung in Rio de Janeiro in Zeiten von Corona. In unterschiedlichen brasilianischen Städten werden neue Friedhöfe für die Todesopfer des Virus angelegt.

(Foto: AP)

Das Virus kam mit Verzögerung, aber nun ist es da: Sars-CoV-2 greift in Südamerika um sich. Manche Länder gehen strikt vor, andere irrlichtern, aber eines haben alle gemeinsam: Die Pandemie macht lang verdrängte Probleme sichtbar.

Es ist ziemlich klar, was gegen das lebensgefährliche Virus Sars-CoV-2 zu tun ist: Umfassendes Testen. Isolation der Infizierten. Soziale Distanzierung. Die schwer Erkrankten müssen auf die Intensivstation. Das medizinische Personal muss geschult und mit ausreichend Desinfektionsmitteln, Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten ausgestattet werden. In Südamerika jedoch fehlt es an allem. Seit Monaten schon blickt der Kontinent der aus Asien, Europa und dem Norden Amerikas herannahenden Katastrophe entgegen. Koordinierte Pandemie-Abwehr? Fehlanzeige. Stattdessen versuchten die Staaten Südamerikas mit Insellösungen, sich gegen das Virus zu wappnen.

Nun ist der Erreger da. Gemessen an der Inzidenz je 100.000 Einwohner greift das Virus bislang in Peru, Chile, Ecuador und Brasilien besonders aggressiv um sich. Manchen Ländern scheint die Eindämmung einigermaßen zu gelingen. Andere wurden von der Heftigkeit des Ausbruchs völlig überrumpelt, während die Verantwortlichen lavieren oder gar versuchen, die heranrollende Katastrophe zu ignorieren. In Südamerika fehlt es in unterschiedlichen Kombinationen an Geld, Infrastruktur, staatlicher Sozialfürsorge, Handlungsspielraum der Epidemiologen und Politiker. Sogar an ihrem Willen.

Aus Ecuador kamen die ersten Horrornachrichten des Kontinents. Die Toten in der Küstengroßstadt Guayaquil blieben zeitweise auf den Straßen liegen. "Die ersten Wochen waren chaotisch", sagt Esteban Ortiz-Prado von der Universidad de las Américas. "Es gab keine Planung, keine medizinische Ausrüstung, die Gesundheitsministerin hatte keine Erfahrung." Der Epidemiologe aus der Hauptstadt Quito begann, auf Twitter die Lage zu kommentieren. Er bekam einen Anruf von der Regierung mit der Bitte um Hilfe.

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Inzwischen ist das Schlimmste in Ecuador vorbei, die Kurve ist abgeflacht. Andere Länder des Kontinents weisen längst höhere Todesraten aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stufte Südamerika und dort vor allem Brasilien zuletzt als "ein neues Epizentrum" der Pandemie ein. Von 45 Millionen Infizierten und 158.000 Toten geht das Imperial College London aus, aber nur wenn alle Länder Südamerikas ähnliche Eindämmungsmaßnahmen durchsetzen wie der globale Norden. Die ungleichen Voraussetzungen machen das aller Voraussicht nach zu einer vergeblichen Hoffnung.

Es gibt bereits Daten, die auf eine erhebliche Dunkelziffer hinweisen: Die geringe Testanzahl je 1000 Einwohner zum Beispiel sowie der hohe Anteil positiver Coronavirus-Tests deuten in den Staaten Südamerikas fast überall darauf hin, dass das wahre Ausmaß der Infektionswelle sehr viel umfangreicher ist als bislang bekannt - und dass es damit auch bei der Zahl der Todesopfer noch schlimmer kommen wird.

Das Virus reiste als Krankheit der Wohlhabenden nach Südamerika, die den Erreger bei ihrer Rückkehr aus dem Ausland mitgebracht hatten. Mittlerweile breitet es sich auch in abgelegenen Gebieten und den Armenvierteln der Städte aus. Schon ächzen in Ländern wie Brasilien, Bolivien, Chile und Peru die ohnehin überforderten öffentlichen Gesundheitssysteme unter der zusätzlichen Last oder sind bereits völlig überfordert. Der Kampf gegen Covid-19 ist ungleich, auch im Alltag vor Corona herrschte bereits Mangelverwaltung und das Privileg des ökonomisch Stärkeren. Krankenversicherungen sind für die meisten Menschen unbezahlbar.

Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie hebt hervor, was selbst für Laien längst abzusehen war: Arbeiter, informell Beschäftigte und Arbeitslose haben in Ecuador ein höheres Todesrisiko als finanziell besser ausgestattete Bevölkerungsschichten. Die Einkommensungleichheit auf dem Kontinent hat fatale Konsequenzen.

Katastrophe in Brasilien

Zum größten Virenherd hat sich wie befürchtet Brasilien entwickelt. Im bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Land des Kontinents leben 210 Millionen Menschen. Präsident Jair Bolsonaro torpediert seit Beginn der Krise die Maßnahmen der Gouverneure, die sich um eine verantwortungsvolle Anti-Corona-Politik bemühen. Der Rechtsextreme ist beschäftigt mit Machtspielen im eigenen Kabinett, schwindender Unterstützung in der Bevölkerung und den gegen ihn laufenden Korruptionsermittlungen. Bolsonaros Irrlichtern kostet Menschenleben.

Das Imperial College geht in Brasilien von der höchsten Ansteckungsrate der weltweit 48 untersuchten Länder aus. Die wirklichen Infektionszahlen liegen unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen dem Zehn- und Fünfzehnfachen der offiziellen Angaben. Brasiliens Zahlen zu den gemeldeten Infizierten und Toten sind bereits jetzt die zweithöchsten weltweit nach den USA. Die Kurve der Infiziertenzahl weist zugleich steil nach oben.

Anzeichen, dass die Kurve abflachen könnte, sind nicht zu erkennen. Als das Land am 20. April letztmals nachvollziehbare Testzahlen veröffentlichte, war fast jeder dritte der 0,6 Tests je 1000 Einwohner positiv. Eine unfassbare Quote. Zum Vergleich: Die USA melden eine Testrate von 40,5 je 1000 Einwohner.

Bolsonaro feuerte im April seinen Gesundheitsminister Luiz Mandetta, der strengere Gegenmaßnahmen wollte. Dessen Nachfolger, ein Arzt, schmiss nach wenigen Wochen hin, weil er Bolsonaros Inkompetenz nicht unterstützen wollte. All dies bedeutet: In Brasilien spielt sich eine unfassbare Katastrophe ab. Den Höhepunkt der täglichen Todeszahlen erwartet Ex-Minister Mandetta für den Juli.

Hände waschen ohne Wasser

Brasiliens südlicher Nachbar geht schon seit März rigoros und konzertiert vor: In Argentinien gelten seit mehr als zwei Monaten strenge Ausgangsregeln, in der Hauptstadt Buenos Aires wird etwa für den sonst fast unbemerkten Übertritt zwischen Stadt und Großraum nach einer Sondererlaubnis gefragt. Hier leben 13 Millionen Menschen auf engem Raum. Die Polizei versucht die Ausgangssperren streng durchzusetzen, hat bereits Tausende Autos konfisziert, verhängt Geldstrafen, eskortiert Menschen wieder nach Hause. Langstreckenbusse und -züge fahren nicht. Die Gefahr ist trotzdem nicht gebannt. Eine hohe positive Testrate deutet auch hier eine bedrohliche Dunkelziffer an.

Ein Beispiel aus Argentinien macht deutlich, dass auch frühes rigoroses Handeln der Regierung nicht alles verhindern kann; insbesondere, wenn schon die Grundversorgung der Menschen nicht funktioniert: Anfang des Monats schickte die Argentinierin Ramona Medina aus dem Armenviertel Padre Mugica ein Video aus ihrem kleinen Badezimmer in die sozialen Medien. Padre Mugica liegt direkt neben dem Hauptbahnhof der Hauptstadt und in der Nähe des Banken- und Geschäftsviertels. Unter den 45.000 Bewohnern sind bisher fast ein Zehntel der bekannten positiven Fälle im Land aufgetreten.

In dem Video fordert Ramona Medina den Vizebürgermeister von Buenos Aires auf, zu ihr nach Hause zu kommen, "damit er die Furcht und Verzweiflung sieht (...), die Angst, sich anzustecken." Es fehle am Grundlegendsten. "Seit acht Tagen haben wir hier kein Wasser, und wir werden gebeten, unsere Hände zu waschen." Sieben weitere Personen lebten auf den 26 Quadratmetern Wohnfläche.

Wenige Tage nach Veröffentlichung des Videos stirbt Ramona Medina an Covid-19.

Die meisten ihrer Nachbarn leben von der Hand in den Mund. Nach Angaben des lokalen Krisenkomitees kommen inzwischen dreimal so viele Menschen zum Essen in die Suppenküchen wie im März. Der Hunger treibt sie in potenzielle Infektionszonen, denen sich ihre Landsleute mit höherem Einkommen nicht aussetzen müssen. Auch Ramona Medina engagierte sich in einem dieser Comedores. In den meisten Armenvierteln des Kontinents gibt es ähnliche oder viel schlimmere Probleme.

In Chile etwa zeigt sich das gleiche Muster: Die landesweit höchsten Infektionsraten verzeichnen die Behörden in den Armenvierteln der Hauptstadt Santiago. Dort leben die Menschen auf engerem Raum als anderswo in der Stadt. Vor wenigen Tagen kam es deshalb zu Straßenschlachten mit der Polizei. Den Menschen fehlt es an Geld und Lebensmitteln - sie haben Hunger.

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Von 5,7 Millionen potenziellen Arbeitnehmern im Land haben bereits 1,5 Millionen ihren Job verloren. Aufgrund der Pandemie dürfen Unternehmen ihre Angestellten fristlos entlassen. Die chilenische Armee soll die Ausgangssperren durchsetzen. Für Chile entsteht aus den Maßnahmen nach den monatelangen Unruhen im vergangenen Jahr weiterer sozialer Sprengstoff.

Mit den steigenden Fallzahlen in Südamerika tritt die Pandemie in eine neue Phase ein. Im Unterschied zu China, Europa und den USA fehlen den betroffenen Ländern hier jedoch die Mittel, um ähnlich energisch gegen das Virus vorzugehen wie die Länder des Nordens. Südamerika hatte zwar mehr Zeit, sich auf Sars-CoV-2 vorzubereiten. Doch Politiker wie Bolsonaro haben diese Chance, Leben zu retten, verspielt. Offenen Auges taumeln die südamerikanischen Staaten in die Katastrophe: Der Kampf gegen das Coronavirus wird die alten Narben und Wunden des Kontinents weiter aufreißen.

Quelle: ntv.de