Politik

Corona-Talk bei "Anne Will" Der Lockdown kommt "5 nach 12"

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Dass es diesen harten Lockdown braucht, darüber herrscht bei Anne Will und ihren Talk-Gästen Einigkeit.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Dieses Weihnachtsfest wird anders. So viel steht schon einmal fest. Doch wie soll es nach dem nun beschlossenen Lockdown im Januar weitergehen? Bei "Anne Will" wird ein konkreter Vorschlag zur Pandemie-Bekämpfung gemacht. Ob und wann er umgesetzt wird, ist fraglich.

Um kurz nach halb elf greift Armin Laschet zum Smartphone. "Anne Will" ist zur Hälfte vorüber, als der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen nachlesen muss, was er und seine Kolleginnen und Kollegen aus den Bundesländern zusammen mit der Bundeskanzlerin Stunden zuvor eigentlich beschlossen haben. Es geht um eine Frage, die viele Menschen umtreiben dürfte: Mit wie vielen Personen darf ich in diesem Corona-Jahr Weihnachten feiern? In der vergangenen Woche war dies fast überall in Deutschland mit zehn Personen aus mehreren Hausständen möglich. Jetzt sind es weniger. Aber wie viele genau?

Es braucht gut drei peinlich berührende Minuten bis Laschet und die ebenfalls in der Sendung zugeschaltete Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Manuela Schwesig, diesen so wichtigen Beschluss den anderen Studiengästen erklärt haben. Zusammenkommen dürfen ein Hausstand und vier weitere Personen - Kinder unter 14 Jahren nicht mit einberechnet. Die Beteiligten müssen aus dem engeren Familienkreis stammen, etwa Geschwister, Kinder und deren Lebenspartner sein.

Die kurze Szene in der Sendung am Sonntagabend spricht Bände für das Beschluss-Wirrwarr der vergangenen Wochen. Mit der Bund-Länder-Schalte am Vormittag, die den Weg für einen erneuten "harten Lockdown" in dieser Woche geebnet hat, sind nach wochenlangem Beobachten, wie die Infektionszahlen zunächst auf einem hohen Plateau verharren und schließlich wieder dramatisch steigen, zumindest die Regeln bundesweit einigermaßen gleich. Es dauert aber offenbar noch etwas, bis diese jeder und jede verinnerlicht hat.

Schafft die Bundesrepublik mit dem nun doch noch schnell vor Weihnachten beschlossenen Lockdown die Pandemie-Wende? Darüber diskutieren Moderatorin Anne Will und ihre Gäste. Dass die Maßnahmen eine Wirkung entfalten werden, daran haben die Anwesenden keinen Zweifel. Was bis jetzt versäumt wurde und wie es ab Mitte Januar weitergehen soll, daran scheiden sich allerdings die Geister.

"Eigentlich hätten die Maßnahmen gereicht"

Für den Präsidenten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens, stellt das am dritten Advent beschlossene Regelwerk eine "Reißleine" dar. Aber auf die Aussage von Bayerns Landeschef Markus Söder, es sei aktuell 5 vor 12, entgegnet Janssens: "Wir aus der Intensivmedizin sagen, es ist 5 nach 12." Die Stationen befänden sich bereits seit Wochen an der Überlastungsgrenze. Das Personal leiste bereits Übermenschliches. Doch sobald die Mitarbeiter psychisch und/oder physisch nicht mehr können, nützten die bereitgestellten Intensivbetten und Beatmungsgeräte nichts mehr. Deswegen sei er dankbar, dass dieser "überfällige" Lockdown-Beschluss nun erfolgte.

"Überfällig" sei der Lockdown deswegen, weil schon seit Wochen hohe Corona-Infektionszahlen verzeichnet werden, führt Janssens weiter aus. Bei einer Rate von 20.000 neuen Fällen pro Tag erreiche man 140.000 Fälle pro Woche. Wenn nun erwiesenermaßen rund ein Prozent der Betroffenen 14 Tage nach ihrer Infektion auf der Intensivstation landeten, hätten die politischen Entscheidungsträger schon Mitte November wissen müssen, dass Weihnachten sehr schwierig für die Krankenhäuser werde.

Warum also reagierte die Politik erst jetzt? Die Vertreter der Bundesländer, Laschet und Schwesig, verweisen in den Momenten, bei denen die zeitliche Verzögerung zur Sprache kommt, auf wissenschaftliche Berater, die erst für die Zeit nach Weihnachten zu einem Lockdown rieten (etwa die Leopoldina vor einer Woche) sowie den starken Anstieg der Fallzahlen explizit in den vergangenen Tagen, die ein unverzügliches Handeln erforderlich gemacht hätten. Schwesig: "Die Wissenschaftler, die uns beraten (…), sagen: Eigentlich hätten die Maßnahmen gereicht, wenn sich vielleicht auch wirklich alle daran gehalten hätten. Es wird nicht immer alles so umgesetzt, wie es angedacht war."

Doch woran liegt das? Es könne nicht funktionieren, wenn 16 Ärzte einen Patienten behandelten, führt Mediziner Janssens aus. Der Patient ist in diesem Fall das von der Corona-Pandemie gezeichnete Deutschland, die Ärzte die Länderfürsten. Es seien zu viele Meinungen "durchs Dorf getragen" worden. Am Ende hätten die Menschen die Richtung nicht mehr erkannt und dementsprechend eigentlich sinnvolle Regeln wie die "AHA + L" nicht mehr gut aufgenommen. Es brauche eine einheitliche Stimme und ein Ziel, wo es hingehen soll.

Wenn das Virus in die eigene Familie kommt

Das wiederum machen Schwesig und Laschet deutlich: Die Zahlen müssen so weit runter, bis die Gesundheitsämter wieder nachverfolgen können, wo sich die Menschen genau anstecken. Dafür ist der Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen essenziell. Und dafür müsste auch der Bereich, in denen es aktuell im Bundesdurchschnitt zu den meisten Infektionen kommt, konsequenter geschützt werden: die Alten- und Pflegeheime.

Die Journalistin Kristina Dunz moniert, dass es noch immer sehr schwierig für Angehörige sei, ihre Verwandten in den Heimen regelmäßig zu besuchen. Die Menschen kämen fortlaufend in Quarantäne, die Schnelltest-Kapazitäten seien nicht in dem versprochenen Umfang vorhanden und die FFP2-Masken hätten lange auf sich warten lassen. Angesichts des anstehenden Weihnachtsfestes, bei dem am liebsten auch die Großeltern integriert werden sollten, appelliert die stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der "Rheinischen Post" an die Eigenverantwortung.

Zwar sei die Sehnsucht, seine betagten Verwandten zu sehen und zu umarmen, da, doch die Menschen müssten sich vergegenwärtigen: Wenn man für die drei Feiertage locker lasse, könne das am Ende bedeuten, dass Einzelne damit leben müssten, dass sie ihre Mutter oder ihre Oma infizieren, weil sie das Virus unbewusst in die Familie hereingetragen haben. Wenn die daraus resultierende Covid-19-Erkrankung dann einen schlimmen Verlauf nehme, dann verwinde man das im Leben nicht. "Das ist eine zu schwere Last. Das sollte sich vielleicht jeder vorher ganz klarmachen, dass diese Gefahr besteht."

Dunz weiß, wovon sie spricht. Als sie Anfang Oktober ihre Familie in Niedersachsen besuchte, war sie, ohne es zu wissen, mit dem Coronavirus infiziert. Symptome entwickelten sie und ihr Mann erst, nachdem sie wieder zu Hause waren. Das Bangen und Warten, wen sie von ihren Familienangehörigen angesteckt haben könnte, beschreibt die Journalistin als enorme Last. Im Endeffekt hätte sich glücklicherweise nicht ihre Mutter, sondern "lediglich" ihre Schwester infiziert. Sie hatte also Glück im Unglück. Obwohl alle die Infektion gut überstanden haben, brannte sich dieses Ereignis ein. "Sich verantwortlich dafür zu fühlen, war für mich sehr schwer", sagt Dunz.

Eine App als langfristige Strategie

Der Staat kann seinen Bürgern nicht vorschreiben, wie sie konkret Weihnachten feiern. "Wir können appellieren", so Laschet. Und sein Appell ist deutlich: "Es ist ernst." Dieses Weihnachten werde ein anderes sein müssen, "als in den ganzen letzten Jahrzehnten." Divi-Chef Janssens formuliert es so: Das Fest der Liebe müsse nun bedeuten, dass der Schutz der anderen über allem steht.

Und was kommt nach Weihnachten? Gesetzt den Fall, der Lockdown wirkt und die Zahlen gehen eine Zeit lang herunter: Muss sich die Bevölkerung dann auf regelmäßig wiederkehrende harte Eingriffe in den Alltag einstellen, sobald es mehr Ansteckungen gibt? Wenn es nach Julian Nida-Rümelin geht, sollte ein anderer Pfad zur Pandemie-Bekämpfung eingeschlagen werden. Der frühere Staatsminister und Professor für Philosophie spricht sich für eine differenzierte Vorgehensweise aus, die sich vor allem auf die Risikogruppen - die Älteren, die nachweislich ein höheres Sterberisiko haben - fokussiert. Zudem befürwortet er eine Tracking-App, die diesen Namen auch verdient hat. Gesundheitsämter müssten mittels dieser Anwendung ermöglicht bekommen, "die Bewegungsprofile nachzuvollziehen, wenn Infektionen vorliegen."

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Als gelungene Beispiele nennt Nida-Rümelin Entwicklungen aus Asien, etwa Südkorea. Eine Umstellung würde für Deutschland allerdings eine Abkehr von dem rigiden Datenschutz bedeuten. Dass das Recht auf informationelle Selbstbestimmung momentan als absolut gesetzt werde, andere Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit aber eingeschränkt würden, halte er sowieso für falsch.

Die derzeitige Corona-Warn-App, die Millionen Nutzer heruntergeladen haben, verspricht einen resoluten Schutz der Daten. Dass es nun eine neue Anwendung geben müsste, die auch wirklich dabei hilft, die Kontakte von positiv Getesteten zu ermitteln und dementsprechend andere Menschen zu warnen, dem widerspricht auch nicht der NRW-Ministerpräsident. Das sei aber nicht so einfach, so Laschet, der nach eigenem Bekunden "kein Nerd" sei und eine solche App entwickeln könne. Das verlangt auch niemand von ihm. Aber einmal darüber nachzudenken, ob ein solches Instrument eine langfristige Strategie eher unterfüttern könnte, das sichert der CDU-Politiker zumindest zu. Dieses seit Langem diskutierte Upgrade wird den Heiligen Abend allerdings nicht mehr sicherer machen können. Das obliegt jedem Einzelnen.

Quelle: ntv.de

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