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Datenanalyse zu Corona-Maßnahmen Schulschließung soll starken Effekt haben

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Werden Schulschließungen die Kurve wieder abflachen?

(Foto: imago images/Michael Weber)

In Deutschland werden wieder Schulen geschlossen, um die steigenden Infektionszahlen in den Griff zu bekommen. Doch wie sinnvoll ist diese Maßnahme? Ein Modell von Forschern zeigt einen "signifikanten Einfluss" auf die Entwicklung der Pandemie im Frühjahr. Allerdings bleiben viele Unsicherheiten.

Der Lockdown rückt näher: Nachdem die Zahlen der gemeldeten Corona-Neuinfektionen und Todesfälle in Deutschland neue Höchststände markieren, verschärfen erste Bundesländer die Kontaktbeschränkungen. Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina hatte bereits am Dienstag dafür plädiert, die Schulpflicht ab Montag bis zu den Weihnachtsferien aufzuheben. Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen handeln nun: Der Präsenzunterricht ab der 8. Klasse wird gestrichen, auch jüngere Schüler sollen, wenn möglich zu Hause bleiben. Doch wie viel bringt das tatsächlich?

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Die Entwicklung von Corona-Fallzahlen, erkanntem Drift sowie Beschließung politischer Maßnahmen am Beispiel Italien.

(Foto: Lucas Baier, KIT)

Eine neue Studie Karlsruher Forscher liefert Hinweise, dass Schulschließungen eine wichtige Rolle spielen könnten. Die Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben mithilfe einer Methode aus dem Gebiet des maschinellen Lernens Hinweise darauf gefunden, dass insbesondere frühzeitige Schulschließungen die Trendwende bei den täglichen Fallzahlen ausmachen können, berichtet das Institut. Die Forscher hatten Daten zur ersten Corona-Welle vom 22. Januar bis 12. Mai in 28 US-Bundesstaaten und neun Ländern analysiert - darunter auch zu den Fallzahlen aus Deutschland.

Untersucht wurde der Effekt von vier verschiedenen Corona-Maßnahmen, sogenannten nichtpharmazeutischen Interventionen (NPI). Bei diesen geht es jeweils darum, die Kontakte zwischen Menschen zu reduzieren:

  1. Einschränkung von Versammlungen,
  2. das Reduzieren persönlicher sozialer Kontakte,
  3. Schulschließungen sowie
  4. einen Lockdown.

Je früher schließen, desto besser?

"Diese Analyse zeigt, dass die NPI der Schulschließung einen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der Covid-19-Pandemie hat", heißt es in der bereits als Preprint veröffentlichten Studie, die im "European Journal of Information Systems" erscheint. Und: Je länger die Entscheidungsträger mit der Verhängung von Schulschließungen warten, desto länger dauere es, bis ein signifikanter Einfluss auf die Ausbreitung des Virus beobachtet werden könne. Berücksichtigt hatten die Wissenschaftler bei der Datenanalyse auch länderspezifische Unterschiede - wie etwa die unterschiedliche Altersstruktur und das Klima.

"Nach unserem Forschungsansatz konnte bei den Schulschließungen ein signifikanter Effekt auf die Dauer zwischen NPI-Beschluss und deren Auswirkung in den Daten identifiziert werden", sagte Niklas Kühl, Leiter des Applied AI in Services Labs am KIT. Je eher die Schulen geschlossen worden seien, desto deutlicher habe sich der Effekt sinkender Fallzahlen gezeigt, so Kühl. "Hätten wir im Frühjahr in Deutschland einen Tag länger gewartet, bis wir die Schulen schließen, hätte dies laut unseren Analysen 125.000 zusätzliche Infektionen bedeutet, die Schließung sieben Tage später sogar 400.000 zusätzliche Fälle." Laut der Studie dauert es etwa zwei Wochen, bis eine Maßnahme wie Schulschließung Wirkung zeige.

Allerdings betonen die Forscher, dass auch andere Maßnahmen ebenso wie Faktoren, die nicht in dem Modell berücksichtigt worden sind, Einfluss auf den Rückgang der Fallzahlen im Frühjahr gehabt haben könnten. So sei etwa der Effekt des Maskentragens nicht analysiert worden. Alle Forschungsarbeiten, die sich auf die Messung der Wirksamkeit verschiedener NPI bezögen, seien zudem mit einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden, teilte das KIT mit. Denn von Land zu Land unterscheide sich die konkrete Umsetzung der Maßnahmen, gleichzeitig würde die Bevölkerung die Maßnahmen unterschiedlich diszipliniert einhalten.

Rolle von Schulen noch umstritten

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Die genaue Rolle von Schulen in der Pandemie und die Auswirkungen von Schulschließungen auf die Pandemie sind jedoch weiterhin nicht abschließend geklärt. So ergab eine im November erschienene Studie, dass Schulen in Deutschland keine große Rolle bei der Verbreitung des Coronavirus gespielt hätten - zumindest nach der Rückkehr zum Schulbetrieb nach den Sommerferien. Für die Analyse waren statistische Methoden angewandt worden. Der Effekt der Schulschließungen lag demnach bei nahezu null. Eine andere Analyse aus dem April hatte Schulschließungen als eine der "am wenigsten wirksamen" Maßnahmen unter den NPIs bezeichnet.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt in seinen Empfehlungen für die Schulen, Kinder und jüngere Jugendliche seien seltener betroffen als Erwachsene und nicht Treiber der Pandemie. "Das sind nicht die Gruppen mit den höchsten Inzidenzen", sagt RKI-Chef Lothar Wieler. Er fügt aber auch hinzu, dass in Schulen "selbstverständlich" auch Infektionen stattfänden und verweist zudem darauf, dass Schulen momentan die einzigen Orte seien, wo noch viele Menschen auf einem engen Raum zusammengebracht würden. In vielen Fällen bleibt wohl auch unklar, wer sich überhaupt wo angesteckt und das Virus an wen weitergegeben hat, denn nach Expertenangaben zeigen vor allem viele junge Menschen und Kinder gar keine Symptome.

Quelle: ntv.de

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