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Nicht erneut Zeit verschwenden Warum der Lockdown früher starten muss

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Auch wenn's hart ist: Ein Lockdown vor Weihnachten könnte viele Menschenleben retten.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Ein harter Lockdown wird kommen, das ist sicher. Nur über den Zeitpunkt, an dem er starten soll, wird noch verhandelt. Dabei sprechen die Zahlen für sich: Das Land darf nicht erneut Zeit verschwenden, sondern muss so schnell wie möglich herunterfahren, nicht erst nach Weihnachten.

Nur eine Woche nachdem eine Verlängerung des Teil-Shutdowns beschlossen wurde, geht Sachsen in den Lockdown, hat Bayern die Maßnahmen verschärft, und von den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen zu den Feiertagen rücken immer mehr Landesregierungen ab. Doch dabei wird es nicht bleiben. In Berlin und den Ländern wird so laut über einen nötigen harten Lockdown diskutiert, das klar ist, dass er kommen wird. Die Frage ist nur wann. Im Gespräch ist bisher vor allem ein Herunterfahren des Landes nach Weihnachten. Aber damit würden Bund und Länder schon wieder Zeit verschwenden, ganz Deutschland müsste sich eigentlich Sachsen anschließen und bereits am Montag herunterfahren.

Das Beispiel Irland zeigt, dass wir die 50er-Inzidenz schon erreicht und vielleicht sogar noch weiter gedrückt haben könnten, wenn die Politik nicht so ängstlich gehandelt hätte. Wahrscheinlich war der müde Kompromiss eine Mischung aus Wirtschaft schonen und Bevölkerung bei der Stange halten. Beides hat der Teil-Lockdown nicht erreicht.

Auch für die Wirtschaft das Beste

Ein harter Lockdown ist für die Wirtschaft schwer zu verkraften. Die Rettungstöpfe von Bund und Ländern sind weitgehend ausgeschöpft, heftige Einbußen, Firmenpleiten und Jobverluste sind unvermeidbar. Doch ein Status Quo des Lockdown light oder weitere zögerliche Maßnahmen kämen die Ökonomie noch teurer zu stehen. Auch das ist keine neue Erkenntnis. Bereits im Mai rechneten das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und das Ifo-Institut in einer gemeinsamen Studie vor, dass es keinen Widerspruch zwischen Bevölkerungsschutz und wirtschaftlichen Interessen gibt.

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Damals wurde über Lockerungen diskutiert, aber es gilt auch auf dem umgekehrten Weg: Nur wenn die Pandemie unter Kontrolle ist, geht es auch den Unternehmen gut. "Man muss sich klarmachen, was die Alternative ist", sagt der Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest bei ntv. Bei einem "Weiter so" mit einem Lockdown light würden die Infektionszahlen offensichtlich nicht sinken. Das führe dazu, dass später im Januar oder Februar für längere Zeit ein "sehr harter Shutdown" notwendig werde. "Da ist es doch deutlich besser, wenn wir die Weihnachtspause nutzen", so Fuest.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher sagte dem "Handelsblatt": "Der größte Schaden für die deutsche Wirtschaft entsteht durch eine starke, lang anhaltende zweite Infektionswelle, nicht durch gezielte Beschränkungen des täglichen Lebens." Je weniger die Lage unter Kontrolle sei, desto stärker werde das Vertrauen leiden. Wenn viele sich ansteckten, fehlten sie in den Betrieben. Weniger Konsum, weniger Investitionen und ein neuerlicher Abschwung wären die Folge.

Klare Ansage der Leopoldina

Was die Wissenschaft betrifft, gibt es mit der Stellungnahme der Leopoldina eine Ansage, die klarer nicht sein könnte. Für sie "reichen die gegenwärtigen Maßnahmen, auch bei wiederholter Verlängerung, nicht aus". Dennoch verursachten sie hohe soziale und ökonomische Kosten sowie psychische Belastungen, heißt es in der Stellungnahme. Krankenhäuser und medizinisches Personal seien an der Grenze des Leistbaren, das Gesundheitssystem für eine Dauerbelastung auf diesem Niveau nicht eingerichtet." Es sei daher aus "wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern".

Die Akademie schlägt einen zweistufigen Plan vor: Ab dem 14. Dezember soll die Schulpflicht aufgehoben und nachdrücklich zur Arbeit im Homeoffice aufgefordert werden. Ab dem 24. Dezember sollen dann zusätzlich alle Geschäfte schließen, die nicht der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Waren dienen. Soziale Kontakte sollten auf einen sehr eng begrenzten Kreis reduziert werden.

Rein epidemiologisch wäre ein harter Lockdown ohne Wenn und Aber ab Montag am besten. Doch die Leopoldina hat auch die Wirtschaft im Blick und will die Feiertage nutzen, an denen ohnehin viel geschlossen hat. Der Lockdown sei wirtschaftlich sinnvoll, heißt es in der Stellungnahme. Zwar erhöhten sich dadurch kurzfristig die Wertschöpfungsverluste, aber zugleich seien die Neuinfektionen schneller so weit gesenkt, dass Lockerungen möglich werden. Eine Fortsetzung des Teil-Lockdowns käme das Land teurer, da zusätzlich zu den Wertschöpfungsverlusten staatliche Überbrückungshilfen notwendig seien.

Weihnachten ist zu spät

Jetzt könnte man sagen, dann kommt es doch auf ein paar Tage nicht an und man beginnt den Lockdown erst mit den Weihnachtsfeiertagen, wie sich das NRW-Ministerpräsident Laschet vorstellt oder Berlins Gesundheitssenatorin Kalayci erwägt. Aber das wäre erneut vergeudete Zeit, die Leben kostet, die Zahl der Langzeitgeschädigten (Long Covid) in die Höhe treibt und Beschäftigte im Gesundheitswesen noch härter belastet als dies ohnehin schon der Fall ist. So trat Bundeskanzlerin Merkel im Bundestag heute aus guten Gründen ungewohnt emotional für eine Lösung ein, wie sie die Leopoldina vorschlägt.

Um einen Eindruck davon zu gewinnen, was die kommenden zwei Wochen ohne verschärfte Maßnahmen bringen würden, gibt es seit kurzer Zeit ein neues Werkzeug, das Forscher des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS) und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) online gestellt haben. Der "German-Polish COVID-19 Forecast Hub" bündelt mehrere Modelle, die Kurzzeit-Vorhersagen zur Pandemieentwicklung in Polen und Deutschland machen.

Der Hub ist sehr umfangreich und wie Projekt-Koordinator Johannes Bracher sagt, gibt es kein einzelnes Modell, das immer am präzisesten funktioniert. Ziemlich zielsicher sind aber die Lösungen, die verschiedene Modelle kombinieren, ntv.de hat sich für den KITCOVIDhub-median_ensemble entschieden, der Mittelwerte kombiniert, die auf Zahlen des RKI und des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zurückgreifen.

Aktuell sterben in Deutschland im 7-Tage-Schnitt rund 400 Menschen täglich an Covid-19. Der Forecast Hub ermittelt für den 12. Dezember etwa 412 Corona-Toten pro Tag. Eine Woche später sind es bereits fast 460, am zweiten Weihnachtstag erliegen im Schnitt der Krankheit bereits annähernd 490 Menschen täglich.

Steigende Neuinfektionen machen es schwieriger

Gleichzeitig steigen die Neuinfektionen weiter an. Derzeit sind es im 7-Tage-Schnitt täglich 18.900. Das Ensemble-Modell errechnet für den 12. Dezember rund 19.140 Neuinfektionen pro Tag. In der Folgewoche klettert der Wert auf knapp 19.700, am 26. Dezember überschreitet er 20.300.

Selbst wenn dies ein relativ leichter Anstieg ist, bedeutet das, dass bis zum 10. Januar in kürzerer Zeit deutlich mehr Fälle durch einen Lockdown abgebaut werden müssten. Und selbst wenn er am Montag beginnt, wird es knapp. Die Leopoldina geht davon aus, dass man die Reproduktionszahl auf 0,8 bis 0,7 herunterbringen muss.

Um zu sehen, was dabei ungefähr herauskommt, ist der Covid-Simulator der Universität des Saarlands ein gutes Werkzeug. Wenn man dort R ab dem 14. Dezember auf 0,8 stellt, wäre die 50er-Inzidenz um den 20. Januar herum erreicht. Setzt man den R-Wert auf 0,7, wäre eine Punktlandung am 10. Januar möglich.

Intensivkapazitäten werden knapp

Dass schnelles und konsequentes Handeln angebracht ist, zeigen auch die Zahlen des DIVI-Intensivregister. Von einer Entlastung keine Spur. Dem heutigen Tagesreport zufolge wurden gestern 4278 Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen behandelt, 21 mehr als am Vortag. 538 Fälle wurden neu aufgenommen, 517 Behandlungen abgeschlossen - dazu zählen auch 155 Patienten, die verstorben sind.

Die freien Intensivkapazitäten nehmen ständig ab. In immer mehr Regionen ist die Lage bereits dramatisch, wie die wachsende Zahl roter Flecken auf der Karte zeigt. Irgendwann lässt sich das durch Verlegungen nicht mehr ausgleichen, dann droht die gefürchtete Triage, bei der Mediziner entscheiden müssen, welcher Patient die größten Überlebenschancen hat und welcher dem sicheren Tod überlassen wird.

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Intensivmediziner-Chef Uwe Janssens ist daher erbost, dass Bund und Länder nicht entschieden und gemeinsam handeln. "Ich hab dafür überhaupt kein Verständnis mehr, dass die Solidarität bei den Ministerpräsidenten quasi an ihrer Landesgrenze aufhört", sagt er. "Wir brauchen jetzt endlich das, was übrigens die Kanzlerin schon vor Wochen gefordert hat: eine klare Strategie, die uns in ganz Deutschland dahin führt, wohin wir wollen, nämlich eine Infektionszahl unter 50 auf 100.000 in 7 Tagen."

Janssens plädiert an die Deutschen, freiwillig auf Weihnachtsbesuche zu verzichten. "Auch wenn es weh tut, die Oma und den Opa, den Onkel oder andere gefährdete Personen nicht zu sehen: Bitte tun Sie es nicht", mahnt er. Wenn die Oma sieben Tage nach dem Fest hohes Fieber bekomme, nach weiteren sieben Tagen auf die Intensivstation komme und dann versterbe, sei es zu spät. "Bitte schützen Sie diese vulnerablen, verletzlichen Personenkreise", bittet Janssens: "Sie werden das im nächsten Jahr nachholen können."

Quelle: ntv.de