Politik

Machtübernahme in Afghanistan "Die Taliban sind keine rückständigen Kämpfer"

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Ein Talibankämpfer richtet vergangene Woche seine Waffe auf Teilnehmer einer Demonstration in Kabul.

(Foto: REUTERS)

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert - vor allem Afghanistan. Die USA marschierten in das Land ein und stürzten die Taliban. Die wollen jetzt Afghanistan wieder regieren. Das stellt sie vor große Herausforderungen - nicht nur die radikalislamischen Kämpfer wollen Macht im Land.

Es sind Bilder, die wir nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Vor 20 Jahren steuerten islamistische Attentäter zwei Passagierflugzeuge ins New Yorker World Trade Center, die Zwillingstürme gingen in Flammen auf, Menschen stürzten sich in die Tiefe. Hinter den Attentaten steckte die Terrororganisation Al-Kaida mit ihrem Anführer Osama bin Laden. Die USA sahen die Anschläge als eine Kriegserklärung. Auf der Jagd nach bin Laden marschierten die Vereinigten Staaten zusammen mit der NATO in Afghanistan ein. Dort stürzten sie die radikalislamischen Taliban - und blieben dann für zwei Jahrzehnte im Land.

Genau 20 Jahre später sind die Taliban zurück an der Macht. Kurz nachdem die USA und ihre Verbündeten alle Soldaten wieder aus Afghanistan abgezogen haben. "Afghanistan steht jetzt an einem unglaublichen Wendepunkt", sagt Ellinor Zeino, Leiterin des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Es ist eine Zäsur auch in der internationalen Ordnung, wie man sie vor 20 Jahren hatte, nach dem 11. September."

Ellinor Zeino lebt normalerweise in Kabul. Momentan ist sie aber in Pakistan, in der Hauptstadt Islamabad. Dort versucht sie, ihre Mitarbeiter, die Ortskräfte der Stiftung, nach Deutschland zu bekommen. Als die Taliban im August rasend schnell die Macht übernommen hatten, wollten viele Menschen das Land verlassen. Sie überrannten den Flughafen in Kabul, es kam zu dramatischen Szenen. Der Westen organisierte Evakuierungsflüge, auch die Bundeswehr. Tausende Menschen konnten über die Luftbrücke ausgeflogen werden. Doch von den politischen Stiftungen sei keine einzige Ortskraft in die Flugzeuge reingekommen, berichtet Zeino. "Die Lage am Flughafen war so gefährlich, dass wir keinen Mitarbeiter durchbekommen haben."

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat es schließlich gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Landweg geschafft, ihre örtlichen Mitarbeiter und Familien aus Afghanistan herauszuholen. Insgesamt rund 80 Menschen, die auf dem Weg von Kabul bis zur Grenze etliche Taliban-Checkpoints passieren mussten. Eine riskante Aktion, die nur über lokale Kontakte geklappt hat, erzählt Zeino.

Afghanistan droht humanitäre Katastrophe

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Die Menschen, die in Afghanistan bleiben, weil sie nicht gehen können oder wollen, werden es unter der Herrschaft der Taliban nicht leicht haben. Afghanistan zählt schon jetzt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass die Grundversorgung zusammenbrechen könnte. Die Nahrungsmittel werden knapp. Bereits Ende des Monats könnten sie aufgebraucht sein. Und weil es teils wochenlang nicht geregnet hat, leidet das Land unter einer schlimmen Dürre. Etwa die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ist von einer humanitären Katastrophe bedroht, schätzen die UN. Geld aus dem Ausland kommt kaum mehr - aber davon war das Land abhängig. Viele Länder haben nach der Machtübernahme der Taliban ihre Entwicklungshilfe gestoppt.

Das Geld heranzuschaffen sei für die Taliban die erste große Herausforderung. "Denn die ganzen Gehälter, vor allem auch die Gehälter der Sicherheitsbeamten, der Sicherheitskräfte und Polizisten, waren zu 100 Prozent von internationalen Geldern finanziert. Und diese finanzielle Lücke müssen die Taliban jetzt schließen", sagt Zeino. Ansonsten drohe eine Meuterei. "Und sie müssen nun Steuern einnehmen. Das haben sie in der Vergangenheit auch gemacht. Sie waren im Drogenhandel aktiv. Das können sie jetzt so nicht mehr machen, wenn sie als staatlicher Akteur auftreten möchten."

Verantwortlich zu sein für regionale Strukturen, ist für die neue Generation der Taliban keineswegs neu. Schon im vergangenen Jahr kontrollierten sie große Teile des Landes. Allerdings hat die Regierung in Kabul dort oft noch mit Geld ausgeholfen, zum Beispiel bei Schulen oder Krankenhäusern. Das fällt jetzt weg.

Demonstrationsverbote, Misshandlungen, Massaker

Wie es nun im Land weitergeht, ist noch nicht klar. Bisher steht nur die Übergangsregierung. Viele haben Angst vor einer Schreckensherrschaft der Taliban wie in den 1990er-Jahren. Damals mussten Frauen zu Hause bleiben, Musik und Fernsehen waren verboten und es gab Strafen wie Steinigungen und öffentliche Hinrichtungen. Doch die Taliban versprechen, dass es diesmal anders wird, dass zum Beispiel die Frauen auf Hochschulen gehen dürfen. Das bezweifeln aber viele Afghaninnen und Afghanen und auch andere Länder sind skeptisch. Auch Ellinor Zeino befürchtet, dass viele Freiheitsrechte verloren gehen. Als ersten Angriffspunkt sieht sie die Medien. "Ich denke, sie werden sehr schnell versuchen, die lokalen Medien, die Berichterstattung, zu kontrollieren, um dann eben auch die Bilder, die nach außen dringen, kontrollieren zu können."

Zumal die Taliban in den Regionen, die sie bereits seit längerer Zeit kontrollieren, nicht gerade zimperlich sind. Dort soll es auch schon zu Massakern gekommen sein. Auch aktuell gibt es erschütternde Berichte. Die Taliban sollen Journalisten misshandelt und schwer verletzt haben. Und vergangene Woche haben die Taliban alle Demonstrationen im Land verboten.

Menschen wären froh, wenn es keine Anschläge mehr gäbe

Der UN-Sicherheitsrat fordert von den Taliban, dafür zu sorgen, dass Afghanistan jetzt nicht zu einem Hafen für Terroristen und deren Anschlagspläne wird. Allerdings gibt es im Land jetzt schon zwei Terrorgruppen, Al-Kaida und den afghanischen Ableger des IS, außerdem noch viele andere bewaffnete Gruppen. Die seien auf politische Macht aus und verfolgten dschihadistisch-terroristische Ziele. Deshalb müsse die Regierung Gewalt im Land verhindern. Die Menschen wären froh, wenn es keine Anschläge mehr gäbe und für Sicherheit gesorgt würde, so Zeino.

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Es sei nicht klar, ob die Taliban die Macht auch halten könnten. Zumal die Taliban-Bewegung nicht homogen sei, meint Zeino. Die Führung habe ihre Kämpfer nicht im Griff. Trotzdem dürfe man die Taliban nicht unterschätzen. "Sie sind sehr, sehr gut organisiert. Sie sind hochgradig motiviert und gehen sehr strategisch vor. Unser Bild von eher rückständigen Kämpfern, die nicht wissen, wie man Technologie benutzt - ich glaube, von diesem Bild müssen wir uns verabschieden."

Wie geht die internationale Gemeinschaft jetzt mit Afghanistan um? Sollen die Regierungen mit den Taliban verhandeln? Ellinor Zeino ist dafür - die Politik solle die Möglichkeit nutzen, um ihnen Grenzen zu setzen. Bundesaußenminister Heiko Maas will mit den Taliban sprechen. Er bietet dem Land an, wieder mit Geld auszuhelfen, verlangt dafür aber auch etwas. Zum Beispiel, dass Menschen- und Frauenrechte eingehalten werden. Dass sie dies garantieren können, müssen die Taliban nun beweisen.

Quelle: ntv.de

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