Wirtschaft

Viele Geldquellen in Afghanistan Wirtschaftsschatz der Taliban? Nicht nur Opium

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Die Taliban verfügen über Zehntausende Kämpfer und hochmodernes Kriegsgerät. Verfügen sie auch über wirtschaftliches Geschick?

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Taliban sind Drogendealer und finanzieren mit Opium ihre Kriegszüge. Davon gehen die meisten Menschen aus. Aber eine neue Studie legt nahe, dass sie anders an den größten Teil ihres Geldes kommen: Steuern, Mautstationen und Einfuhrzölle füllen ihre Kassen.

Die internationale Luftbrücke nach Afghanistan ist beendet, die verbliebenen Menschen sind auf sich gestellt. Sie müssen ab sofort sehen, wie sie sich mit den Taliban und den strengen islamischen Regeln arrangieren. Umgekehrt steht aber auch die radikalislamische Miliz vor einem gewaltigen Problem: Mit ihrer Machtübernahme sind praktisch alle Geldquellen des armen Landes über Nacht weggebrochen.

Bisher hat Afghanistan jedes Jahr vier Milliarden Dollar Entwicklungshilfe aus dem Ausland bekommen. Die USA, Deutschland, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und andere Staaten und Organisationen haben bis zu 75 Prozent der Staatsausgaben gedeckt. Können die Taliban dieses Geld auf anderem Wege auftreiben?

Florian Weigand, Taliban-Experte von der Londoner Denkfabrik ODI, ist skeptisch, dass sich die Miliz über diese Frage bereits Gedanken gemacht hat. Ihr Fokus sei in den letzten Monaten und Jahren "primär militärisch" gewesen, sagt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Ich glaube nicht, dass die Taliban eine klar definierte Vision haben, wie die Zukunft in Afghanistan aussieht. Weder politisch noch wirtschaftlich."

"Drogen spielen eine vergleichsweise geringe Rolle"

Eine Vision bräuchte die Miliz aber, denn die wirtschaftliche Lage in dem bitterarmen Land ist dramatisch. Knapp 40 Millionen Einwohner zählt Afghanistan, die Wirtschaftsleistung liegt trotzdem nur bei 19 Milliarden Dollar im Jahr. Nach der Machtübernahme durch die Taliban wird das Geld noch knapper: Viele Länder, auch Deutschland, haben nach dem Eroberungsfeldzug angekündigt, ihre Hilfszahlungen vorerst einzustellen. Die milliardenschweren Geldreserven des Landes lagern vor allem in den Vereinigten Staaten - und wurden von der US-Regierung beschlagnahmt.

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Florian Weigand hat Afghanistan mehrfach besucht. Er ist am ODI Co-Direktor des Centre for the Study of Armed Groups.

Hungersnöte? Eine humanitäre Katastrophe? Chaos? Alles möglich, sagt Taliban-Experte Weigand. Aber vielleicht bleibt der große Crash auch aus. Zwei Kollegen des Londoner Forschers haben über viele Jahre untersucht, wie die Taliban an Geld kommen. Die Ergebnisse, die sie in ihrem Bericht präsentieren, sind überraschend. "Es gibt immer diese Idee, dass die Taliban sich überwiegend durch Drogenhandel finanzieren", erklärt Florian Weigand. Das sei auch nicht von der Hand zu weisen. "Allerdings spielen Drogen eine vergleichsweise geringe Rolle - jedenfalls in dieser Provinz."

"Diese Provinz" trägt den Namen Nimrus. Sie liegt im Südwesten von Afghanistan, grenzt sowohl an den Iran als auch an Pakistan an und liegt mehr oder weniger brach. Es gibt keinen aktiven Bergbau, keine Industrie. Die Sommer sind so trocken, die Winter so kalt und das Wasser so schmutzig, dass selbst Mohnanbau, die Voraussetzung für das Drogengeschäft, kaum möglich ist.

Handel mit legalen Gütern

Trotzdem wird in der Region viel Geld umgesetzt. Denn womöglich haben die Taliban den "wahren Wirtschaftsschatz" des Landes schon längst unter ihre Kontrolle gebracht. So fassen die beiden Wissenschaftler, David Mansfield und Graeme Smith, die Ergebnisse ihrer Studie in einem Artikel für die "New York Times" zusammen. Demnach stammen von den 40 Millionen Dollar, die die Taliban geschätzt pro Jahr in Nimrus verdienen, nur 5 Millionen Dollar aus dem Drogengeschäft.

Der Anbau von Schlafmohn und die Produktion von Opium sowie Heroin bessern die Kassen der Milizen auf, keine Frage. Auch aus dem Ausland bekommen die Taliban sehr wahrscheinlich Geld von ihren Verbündeten oder über versteckte Kanäle von Nachbarstaaten wie Pakistan, die nach dem Abzug der NATO-Truppen einen verlässlichen Partner an ihrer Grenze sehen wollen. Das meiste Geld wird augenscheinlich aber nicht mit Drogen, Lösegeldern oder Bergbau gemacht, sondern mit dem Handel von zumeist legalen Gütern, mit der sogenannten informellen Wirtschaft.

In ihrer Studie schreiben die beiden Forscher, dass nur in Nimrus in den letzten Jahren etwa 235 Millionen US-Dollar im Jahr mit Gebühren für den sicheren Warenverkehr umgesetzt wurden. Und zwar von beiden Seiten, also von den Taliban und von Regierungsvertretern. Hilfsgelder, offiziell oft der größte Posten in der Bilanz, spülten dagegen nur 20 Millionen Dollar pro Jahr in die Kassen der Provinz.

Checkpoints und Mautstationen

"Die Taliban haben in den Gebieten, die sie kontrollieren, in den letzten Jahren eine Art Steuer auf alle möglichen Tätigkeiten erhoben. Darunter fällt in erster Linie die Landwirtschaft", sagt Weigand. Von landwirtschaftlichen Produkten würden die Taliban bis zu 10 Prozent nehmen. Ähnlich ist es bei Bauvorhaben. "Dort sind Abgaben von bis zu 10 oder 15 Prozent möglich", erklärt der Experte. "Das können bei großen Projekten wie Staudämmen oder Straßen, die vom Ausland finanziert werden, gewaltige Summen sein."

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Eine andere große Geldquelle ist laut der Studie das Transportgeschäft. Die Taliban kontrollieren wichtige Handelsrouten, haben überall im Land Checkpoints und Mautstationen eingerichtet, an denen Lastwagenfahrer gestoppt werden und erst wieder losfahren dürfen, wenn sie eine Gebühr bezahlt haben. Ein paar Hundert Dollar für einen einzigen LKW sind durchaus möglich, fassen die Experten ihre Ergebnisse zusammen.

"Es gibt einen Verhandlungsspielraum", betont Weigand. "Es wird geschaut, wie groß ist der LKW, was ist das Volumen, was für ein Gut hat er geladen - dann wird berechnet, welche Abgabe fällig wird. In der Landwirtschaft ist es ein bisschen strukturierter. Und Geschäfte müssen in der Regel einmal im Jahr eine bestimmte Abgabe zahlen." Eine besonders lukrative Ware ist demnach Benzin aus dem Iran. Das sei beim Nachbarn viel günstiger als in Afghanistan, erklärt der Experte.

Miliz mit Rechnungswesen

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Wie lukrativ? Das verdeutlicht die Provinzhauptstadt von Nimrus, Sarandsch. Direkt an der iranischen Grenze gelegen, war sie im August die erste wichtige Stadt im Land, die die Taliban erobert haben. Offiziell hat sie laut Studie im vergangenen Jahr gut 90 Millionen Dollar über Steuern und Abgaben eingenommen und an die afghanische Regierung in Kabul weitergeleitet. Inoffiziell lagen die Einnahmen aber vor allem durch die illegale Benzinbesteuerung bei mindestens 176 Millionen Dollar.

Nachvollziehbar ist das für die Forscher unter anderem, weil die Taliban versuchen, sich als faire Alternative zum korrupten System der vergangenen 20 Jahre zu präsentieren. Zum Beispiel stellen ihre Kämpfer an Checkpoints, Mautstationen und Zollämtern Quittungen aus, um Doppelbesteuerung und Betrug zu verhindern. Die Miliz hat eine Art Bürokratie aufgebaut, um bei den Menschen für Legitimität zu werben.

Aber kann das reichen, um Afghanistan zu stabilisieren und Hungersnöte und Chaos zu verhindern? Können sich die Taliban von einer bewaffneten Gruppe, die gegen einen Staat kämpft, zu einer Regierung wandeln, die Sicherheit und Wohlstand bringt? Können 100.000 Kämpfer, wenn überhaupt, ein Land mit 40 Millionen Einwohnern aufbauen und befrieden? Wollen sie das überhaupt? Wenn ja, einfach wird es nicht. Genauso wenig, wie die Taliban zu erpressen. Denn die wissen genau, wie sie ihre Kassen füllen.

Quelle: ntv.de

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