Politik

Unerwartete Beichte in Interview Russischer Soldat schildert Zivilisten-Mord

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Das Foto zeigt die Leiche eines getöteten 20-Jährigen in Andrijiwka. In dem Dorf unweit von Kiew wurden während russischer Besatzung mindestens 13 Zivilisten ermordet.

(Foto: AP)

Als die Russen im April aus dem Dorf Andrijiwka nahe Kiew abziehen, hinterlassen sie nicht nur Hunderte zerstörte Häuser und ein Dutzend Zivilisten-Leichen, sondern auch ein gestohlenes Smartphone mit 25 Fotos. Anhand dieser Bilder identifiziert nun ein Recherche-Team vier mutmaßliche Kriegsverbrecher. In einem Interview gesteht einer davon, etliche Gräueltaten begangen zu haben.

Bei einer Recherche zu russischen Kriegsverbrechen in einem Dorf unweit von Kiew hat ein Investigativ-Portal mehrere mutmaßliche Täter identifiziert. Zwei davon erklärten sich für ein Telefonat bereit, einer gestand im aufgezeichneten Gespräch, einen Zivilisten ermordet zu haben.

Das Dorf Andrijiwka stand von Ende Februar bis Anfang April unter Besatzung. Nach dem Abzug russischer Truppen lag der Ort, der vor dem Krieg rund 1500 Einwohner gezählt hatte, in Schutt und Asche. Hunderte Wohnhäuser wurden zerstört und geplündert. Mindestens 13 Zivilisten wurden getötet. Ihre Leichen wiesen Schusswunden auf, einige waren gefesselt. Mehr als 40 Menschen gelten weiterhin als vermisst.

Nach Angaben des russischen Investigativ-Portals "Important Stories", dessen Redaktion sich derzeit aus Sicherheitsgründen in Lettland befindet, fand eine Einwohnerin nach der Befreiung des Dorfes Anfang April ihr Smartphone wieder, das ihr zuvor gestohlen wurde. Auf dem Gerät entdeckte sie unter anderem 25 Fotos, auf denen vier russische Soldaten mit Waffen und Raubgut posieren. Dem Portal gelang es, die Männer zu identifizieren. Demnach dienen alle vier in der 64. Garde-Mot-Schützenbrigade, die in der Region Chabarowsk im russischen Fernost stationiert ist, 9.000 Kilometer von Kiew entfernt. Diese Brigade wird neben weiteren Einheiten für das Massaker im benachbarten Butscha verantwortlich gemacht.

Auto, Fernseher, Katzenfutter - alles gestohlen

Laut dem Bericht erkannten viele Dorfbewohner die Soldaten auf den Fotos wieder. Demnach könnten sie an Plünderungen und Hinrichtungen von Zivilisten beteiligt gewesen sein. So erzählte eine Einwohnerin dem Portal, einer der Soldaten, der als 21-jähriger Daniil Frolkin identifiziert wurde, habe ihr Auto beschlagnahmt. Weitere Bewohner von Andrijiwka gaben an, gesehen zu haben, wie russische Soldaten mit diesem Fahrzeug mehrere Männer wegfuhren, die später tot gefunden wurden.

Nach Recherchen des Portals entstanden die 25 Fotos auf dem Grundstück einer Familie, die Mitte März aus ihrem Haus vertrieben wurde. Als das Ehepaar und der 95-jährige Vater der Frau nach der Befreiung des Ortes in ihr Haus zurückkehrten, stellten sie fest, dass die Russen bei ihrem Abzug nicht nur wertvolle Gegenstände wie Medaillen des Weltkriegsveterans (mit denen Frolkin auf einem der Fotos posiert), zwei Fernseher und weitere Haushaltsgeräte, sondern auch zahlreiche Packungen Katzenfutter mitgenommen hatten.

Die Redaktion der "Important Stories" kontaktierte nach eigenen Angaben alle vier Soldaten, die auf den Fotos zu sehen sind. Zwei davon erklärten sich für ein Telefonat bereit. Diese wurden aufgezeichnet und nun als Teil der Recherche veröffentlicht. In den Gesprächen räumen beide ein, an Plünderungen teilgenommen zu haben. Frolkin behauptet, nur "Kleinzeug" wie Alkohol, Lebensmittel oder etwa einen Grill gestohlen zu haben. Einer seiner Vorgesetzten habe aber auch Kühlschränke und Bekleidung in Geschäften gestohlen, erzählt Frolkin. Der andere Soldat, der ebenfalls 21-jährige Dmitrij Danilow, erinnert sich mit fröhlicher Stimme, wie er mit einem gestohlenen Motorroller "mit 90 Sachen durch den Ort" fuhr. Am Ende des Gesprächs bittet Danilow die Journalisten, ihm die Fotos zu schicken, "zur Erinnerung".

"Ich gestehe alle Verbrechen, die ich in Andrijiwka begangen habe"

In den Gesprächen behaupten die beiden Soldaten zunächst, nicht an der Ermordung von Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Doch wenige Stunden nach dem ersten Telefonat mit einer Journalistin des Portals ruft Frolkin sie per Video an und bittet, das Gespräch aufzuzeichnen. Daraufhin gesteht der junge Soldat "alle Verbrechen, die ich in Andrijiwka begangen habe: Die Erschießung der Zivilbevölkerung, Raub an Zivilbevölkerung, Beschlagnahme ihrer Telefone". Danach bemängelt der 21-Jährige, die Vorgesetzten würden Soldaten, die an der Frontlinie kämpfen, überhaupt nicht wertschätzen. Frolkin ruft im Video auf, "Maßnahmen zu ergreifen, um Kommandeure zu bestrafen", und nennt in diesem Zusammenhang die Namen mehrerer seiner Vorgesetzten. Einer davon ist der stellvertretende Kommandeur der Brigade, Andrej Prokurat, der nach den Worten Frolkins den Erschießungsbefehl gab.

An einem Tag in März habe Prokurat den 21-Jährigen und einige weitere Soldaten gebeten, ihn bei drei Hausdurchsuchungen zu begleiten, erzählt Frolkin weiter. In einem der Häuser habe Prokurat dem Bewohner ein Geldbündel weggenommen und seinen Soldaten befohlen, den Mann "zu erledigen".

Daraufhin habe Frolkin den Mann aus dem Haus geführt. "Ich sage ihm 'geh nach vorne', er geht nach vorne. Ich sage ihm: 'Auf die Knie!' - und (schieße ihm) einfach eine Kugel in den Kopf." Daraufhin habe der Soldat lange gezittert. "Ich habe einen getötet, aber ich wollte so viele Menschen wie möglich retten", ergänzt er. Frolkin sagt, er habe seit Kriegsbeginn "86 Menschen" gerettet. Was er damit meint, ist unklar.

"Mir ist klar, dass ich in den Knast kommen kann"

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Der 21-Jährige sagt, er habe beschlossen, alles zu erzählen, um den Kameraden zu helfen, die nach seinen Angaben bald an die Front in die Südukraine geschickt werden sollen. Nach Frolkins Auffassung werden seine Kameraden nach seinem Bericht "verschont und rausgeholt", erklärt er und ergänzt: "Die fünfzig Leute, die von unserem Bataillon übrig geblieben sind, sind gute Leute, ich will ihr Leben nicht ruinieren".

Seit Ende Juli befindet sich Frolkin nach eigenen Angaben wieder in der Region Chabarowsk, dort habe er seine Kündigung eingereicht. "Mir ist klar, dass ich für all diese Informationen in den Knast kommen kann", sagt der Mann im Gespräch mit "Important Stories" und ergänzt: "Nicht für den ganzen Scheiß, den ich in der Ukraine angerichtet habe, sondern für diese Informationen (über die Kommandeure). Ich will einfach alles gestehen und erklären, was in unserem Land vor sich geht. Ich denke, es wäre besser, wenn es diesen Krieg gar nicht gegeben hätte."

Quelle: ntv.de, uzh

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