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Der Kriegstag im Überblick Russland bereitet Offensiven vor - Drei Getreidefrachter verlassen ukrainische Häfen

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Russland beschießt ukrainische Städte wie Mykolajiw weiterhin intensiv mit Raketen. Im Süden der Ukraine droht aus US-Sicht zudem eine größere Bodenoffensive der russischen Truppen.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Kämpfe in der Ukraine nehmen wieder zu. Russland beschießt Städte, bereitet am Boden zudem womöglich Offensiven im Süden und im Osten der Ukraine vor. Drei weitere Frachtschiffe mit Getreide treten ihren Weg ins Schwarze Meer an, auch beim Rohstoff Gas gibt es positive Entwicklungen. Der 163. Kriegstag im Überblick:

Russland intensiviert Beschuss ukrainischer Städte

Laut ukrainischen Angaben gab es wieder russische Angriffe in verschiedenen ukrainischen Regionen. Dies berichtete "The Kyiv Independent". Demnach sollen Außenbezirke von Saporischschja von Raketen getroffen worden seien, auch die Region Sumy wurde beschossen. Nach Angaben von Jewhen Jewtuschenko, dem Leiter der Militärverwaltung des Bezirks Nikopol, griffen russische Streitkräfte auch Nikopol in der Region Dnipropetrowsk an. Bei dem russischen Beschuss der Stadt Mykolajiw wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 22 Menschen verletzt.

Ukraine vermutet russische Offensive im Osten

Bei den Kämpfen am Boden gibt es dagegen unterschiedliche Einschätzungen des Vorgehens der russischen Streitkräfte. Noch vor wenigen Tagen vermutete die ukrainische Militärführung eine Offensive Russlands im Süden des Landes, nun wird diese doch erneut im Osten gesehen. "Im Raum Donezk führt der Feind eine Angriffsoperation Richtung Bachmut und Awdijiwka durch", teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Mit den Gefechten versuchten die russischen Truppen demnach, sich in eine gute Ausgangsposition für die Eroberung der Städte Soledar und Bachmut zu bringen und ihre Kontrolle auf das Gebiet westlich von Donezk zu erweitern. Einen kleinen Erfolg können die russischen Streitkräfte nach eigenen Angaben im Osten vermelden. Das in den letzten Tagen schwer umkämpfte Dorf Pisky können sie demnach unter ihre Kontrolle bringen.

US-Thinktank: Russland zieht Truppen im Süden zusammen

Das amerikanische "Institue for the Study of War" sieht dagegen einen stärkeren Fokus des Kremls in den Regionen Cherson und Saporischschja, also im Süden der Ukraine. Demnach würden noch immer Material und Truppen dorthin verlegt. Dies lege nahe, dass Russland Ambitionen im Osten, etwa in der Region um Siversk und Slowjansk, aktuell aufgebe. So würden insbesondere Flugzeuge und Artillerie der Russen auf der Halbinsel Krim zusammengezogen. Aus Sicht der Denkfabrik sei das russische Militär vor allem in Cherson erheblich geschwächt.

Russland rekrutiert männliche Kämpfer in Luhansk

Dazu passt die Information, dass Russland in der eroberten Region Luhansk verstärkt Männer für den Kampf rekrutieren soll. Wie der Gouverneur Serhij Hajdaj auf Telegram schrieb, sollen Lehrer aus der Sommerpause zurückbeordert worden sein, demnach werden sie gezwungen, Vorladungen zu verteilen. In Brjanka seien rund 300 Männer direkt von der Straße, von Bushaltestellen und aus öffentlichen Verkehrsmitteln zwangsverpflichtet worden. "Die gleiche Situation gilt in Kadiivka", so Hajdaj weiter.

Russland und Ukraine werfen einander Beschuss nahe AKW vor

Ein sorgenvoller Blick richtet sich zudem zum Atomkraftwerk in Saporischschja. Experten, unter anderem die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), äußerten zuletzt Sorge am Zustand von Europas größten Atomkraftwerk, Militärexperten werfen Russland zudem vor, im Schutze des Kraftwerks Artillerie aufzubauen und vor dort aus ukrainische Stellung zu beschießen. Am Nachmittag tauchten Bilder eines Brandes in der Nähe des Kraftwerks auf. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig den Beschuss des Werksgeländes vor. Zwei Stromleitungen seien unterbrochen, hieß es aus der Besatzungsverwaltung der Stadt Enerhodar. Dagegen warf die Ukraine Russland vor, durch den Beschuss die Situation noch bedrohlicher zu machen.

Amnesty-Chefin weist Kritik an Bericht zurück

Einen Tag nach der Veröffentlichung des Berichts von Amnesty International reißt die Kritik daran nicht ab. Die Generalsekretärin, Agnes Callamard, wehrte sich gegen die Kritik, ihre Organisation habe "Täter zu Opfern" gemacht und verweist auf umfassende Ermittlungen, die vorgenommen worden wären. Der Bericht, dass die Ukraine mit ihrem militärischen Vorgehen immer wieder Zivilisten gefährde, beruhe auf Fakten, so Callamard. Weniger diplomatisch äußerte sie sich auf Twitter, wo sie russische und ukrainische Trolle in einen Topf warf: "Ukrainische und russische Social-Media-Mobs und Trolle: Sie alle sind heute dabei, Amnesty-Untersuchungen anzugreifen. Das nennt man Kriegspropaganda, Desinformation, Fehlinformation", twitterte sie. Die Leiterin des Amnesty-Büros in der Ukraine, Oksana Pokaltschuk, kündigte auf Facebook derweil ihren Rücktritt an. Sie hatte am Vortag ebenfalls scharfe Kritik an dem Bericht geäußert und unter anderem bemängelt, ukrainische Vertreter wären danach nicht beteiligt worden.

Getreidelieferungen: Positives aus der Ukraine, Sorgen in Russland

Positive Entwicklungen gibt es dagegen zunächst in Sachen Getreide-Transporten aus der Ukraine zu vermelden. Drei weitere Schiffe mit 58.000 Tonnen Mais an Bord konnten heute die Häfen Tschornomorsk und Odessa verlassen. Laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (lfw) ist es jedoch illusorisch, den Transport sämtlichen ukrainischen Getreides auf dem Schiffswege zu bewerkstelligen. Für die eingelagerten 20 Millionen Tonnen bräuchte es demnach 570 Schiffsladungen. Es müssten daher auch andere Transportmöglichkeiten ausgeschöpft werden, so die Experten. Weiteren Druck auf die Getreidepreise dürfte zudem die Ankündigung Russlands machen, seine Getreideausfuhren möglicherweise zu reduzieren. Sollte das Ernteziel von 130 Millionen Tonnen nicht erreicht werden, würden die geplanten Exporte von 50 Millionen Tonne Getreide gekappt. Die Ernte drohe schwächer auszufallen, weil der Frühling sehr kalt war und Russland Ersatzteile für die Reparatur landwirtschaftlicher Geräte fehle.

Deutsche Gasspeicher füllen sich weiter - Zielmarke in Sicht

Auch beim Rohstoff Gas gibt es Fortschritte. Einerseits nähere sich der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher langsam der 75-Prozent-Marke. Wie aus den Daten der europäischen Gasspeicher-Betreiber hervorging, lag der Wert am vergangenen Mittwoch bei 70,4 Prozent. Der Füllstand wird immer mit zwei Tagen Verspätung gemeldet. Eine neue Verordnung sieht vor, dass die deutschen Speicher am 1. September zu mindestens 75 Prozent gefüllt sein müssen. Zudem nahm der europäische Notfallplan für den möglichen Stopp russischer Gaslieferungen die letzte formale Hürde, und kann nun nächste Woche in Kraft treten. Demnach wollen alle EU-Länder ihren Gaskonsum zwischen August und März freiwillig um 15 Prozent im Vergleich zum Durchschnittsverbrauch der letzten fünf Jahre senken.

Keine Mehrwertsteuer auf Gasumlage

Auch deutsche Verbraucher können beim Thema Gas ein wenig aufatmen. So hieß es aus dem von Robert Habeck geführten Wirtschaftsministerium, dass auf die vom Bundeskabinett beschlossene Gasumlage keine Mehrwertsteuer anfallen solle. Das letzte Wort habe dabei aber das Finanzministerium von Christian Lindner. Die Bundesregierung will mit der Umlage infolge stark gedrosselter russischer Gaslieferungen einen Zusammenbruch von Importeuren verhindern. Sie soll ab Anfang Oktober greifen und Gasversorgern wie Uniper zugutekommen, die zu hohen Preisen Ersatz für ausbleibende, günstigere Gasmengen aus Russland kaufen müssen.

Russland will über Basketballerin Griner verhandeln

In der Causa um die zu neun Jahren Haft verurteile US-amerikanische Basketballerin Brittney Griner zeigt sich Russland zu Gesprächen bereit. "Wir sind bereit, dieses Thema im Rahmen des von den Präsidenten Putin und Biden vereinbarten Kanals zu diskutieren", sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Ein russisches Gericht hatte die US-Basketballerin am Donnerstag wegen Drogenschmuggels zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. US-Präsident Joe Biden nannte das Urteil in einer umgehenden Reaktion "inakzeptabel" und forderte die "sofortige" Freilassung der Sportlerin.

Weitere wichtige Texte zum Ukraine-Krieg:

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, als/dpa/AFP/rts

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