Politik

Der Kriegstag im Überblick Schicksal von Asowstal-Gefangenen unklar - Macron verspricht Ukraine mehr Waffen

In Bussen wurden die Asowstal-Kämpfer abtransportiert. Es ist nicht bekannt, wohin Russland die unverletzten Ukrainer gebracht hat.

In Bussen wurden die Asowstal-Kämpfer abtransportiert. Es ist nicht bekannt, wohin Russland die unverletzten Ukrainer gebracht hat.

(Foto: REUTERS)

Sie verteidigten die letzte Bastion von Mariupol. Nun liegt das Schicksal von mehr als 260 Asowstal-Kämpfern in russischen Händen. Ihnen könnte sogar die Todesstrafe drohen. Im Osten der Ukraine will Moskau wichtige Infrastruktur zerstört haben und spricht von mehr als 470 getöteten ukrainischen Kämpfern in den letzten 24 Stunden. Finnland und Schweden wollen derweil zusammen die NATO-Mitgliedschaft beantragen und Macron sichert Selenskyj mehr Waffen zu. Der 83. Kriegstag im Überblick.

Mariupols letzte Verteidiger in russischer Gefangenschaft

Mit der Gefangennahme von zahlreichen ukrainischen Soldaten ist ein Ende der Kämpfe um das belagerte Stahlwerk in Mariupol näher gerückt. "In den vergangenen 24 Stunden haben 265 Kämpfer, darunter 51 Schwerverletzte, ihre Waffen niedergelegt und sich in Gefangenschaft begeben", sagt der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Kiew wiederum spricht von 264 Soldaten, die in die von russischen Truppen besetzte Ortschaft Oleniwka gebracht worden sein sollen. Von Russland gibt es keine Information zum Aufenthaltsort. Was nun mit ihnen passiert, bleibt zunächst unklar. Kiew setzt auf einen Austausch gegen russische Kriegsgefangene, Moskau bestätigt das bislang nicht. Entgegen allen Beteuerungen aus Moskau, die Gefangenen gut zu behandeln und medizinisch zu versorgen, befürchten einige Beobachter, sie könnten nun Opfer von Misshandlung und Folter werden. Auch was mit den im Werk verbliebenen Soldaten passiert, bleibt abzuwarten.

Russischer Unterhändler spricht Asowstal-Kämpfer Recht auf Leben ab

Die ukrainischen Kämpfer des Asow-Regiments haben nach Ansicht eines russischen Unterhändlers kein Recht auf Leben. Russland sollte für diese nationalistischen Kämpfer die Todesstrafe in Erwägung ziehen, sagte Leonid Slutski, der für Russland mit der Ukraine verhandelt. "Sie verdienen es nicht zu leben angesichts der monströsen Menschenrechtsverbrechen, die sie begangen haben und die sie weiterhin an unseren Gefangenen begehen." Slutski, der zugleich Vorsitzender des Außenausschusses der Duma ist, nannte die Soldaten "Tiere in Menschengestalt". Auch ein Gefangenenaustausch kommt laut dem Vorsitzenden des russischen Unterhauses, Wjatscheslaw Wolodin, für "Nazi-Kriminelle" nicht infrage. Er nahm nicht explizit Bezug auf die Verteidiger des Asow-Stahlwerks, aber Moskau hatte das dort kämpfende Asow-Regiment wiederholt als "Nazis" bezeichnet. Russland nutzt das Nationalgarde-Regiment Asow, in dem auch Rechtsradikale kämpfen, immer wieder als Rechtfertigung für den Krieg gegen die Ukraine, der etwa die angeblich notwendige "Entnazifizierung" des Nachbarlands zum Ziel hat.

Einem Medienbericht zufolge werden die Asowstal-Kämper in Gefangenschaft von einem russischen Ermittlungskomitee befragt. Dies sei Teil der Untersuchung von "Kriminalfällen im Zusammenhang mit Verbrechen des ukrainischen Regimes", meldet die Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf das Komitee.

Weltstrafgericht schickt größtes Ermittlerteam in die Ukraine

Ermittelt wird auch gegen Russland, und zwar wegen möglicher Kriegsverbrechen. Dafür hat der Internationale Strafgerichtshof ein Team von 42 Experten in das Land entsandt. Es sei das bisher größte Ermittler-Team, das das Weltstrafgericht jemals entsendet habe, wie Chefankläger Karim Khan in Den Haag mitteilte. Zu dem Team gehörten Untersucher und forensische Experten.

Russland meldet zahlreiche Raketenangriffe im Westen, Norden und Osten

Das russische Militär verkündet derweil mehrere Raketenangriffe auf verschiedene Landesteile der Ukraine. In der westukrainischen Region Lwiw seien mit Raketen des Typs Kalibr ukrainische Reservisten sowie ausländische Militärtechnik attackiert worden, sagt der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkow. Im nordukrainischen Gebiet Tschernihiw seien unter anderem militärische Ausbildungszentren angegriffen worden. Im Osten des Landes wurden demnach in der Region Charkiw Teile der Eisenbahn-Infrastruktur zerstört und im Gebiet Donezk mehrere Ziele mit Raketen beschossen. Insgesamt seien in den vergangenen 24 Stunden mehr als 470 ukrainische Kämpfer getötet worden, sagt Konaschenkow. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Ukraine erhält deutsche Panzerabwehrwaffen - Selenskyj bedankt sich

Deutschland hat der Ukraine einem Bericht zufolge weitere Waffen geliefert. In den vergangenen beiden Wochen seien 2450 Panzerabwehrhandwaffen vom Typ RGW 90, auch bekannt als "Matador", 1600 DM22-Panzerabwehrrichtminen sowie 3000 DM31-Panzerabwehrminen in der Ukraine eingetroffen, berichtete der "Spiegel". Die Waffen seien bereits innerhalb der ukrainischen Armee verteilt worden. Ohne auf konkrete Waffenlieferungen einzugehen, dankte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Deutschland für die Unterstützung auch im Verteidigungsbereich.

Macron verspricht Selenskyj deutlich mehr Waffen

Mehr Waffen verspricht auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj. Laut einer Mitteilung des Elysée-Palastes sagte Macron heute in einem gemeinsamen Telefongespräch, die Waffenlieferungen aus Paris würden "in den kommenden Tagen und Wochen an Intensität gewinnen". Bereits Ende April hatte Macron der Ukraine die Lieferung von Milan-Panzerabwehrwaffen und Caesar-Haubitzen in Aussicht gestellt. Macron versprach Selenskyj laut der Mitteilung darüber hinaus zusätzliche humanitäre Hilfe.

Britischer Geheimdienst sieht "wahllosen" russischen Beschuss als Strategie

Die russischen Streitkräfte setzen nach britischen Erkenntnissen zunehmend auf "wahllosen Artilleriebeschuss". Russland habe nur begrenzte Möglichkeiten zur Erfassung von Zielen und scheue zudem das Risiko, Kampfflugzeuge über ukrainisch kontrolliertem Gebiet einzusetzen, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. "In den kommenden Wochen wird sich Russland wahrscheinlich weiterhin stark auf massive Artillerieangriffe verlassen, wenn es seine Offensive im Donbass wieder in Schwung zu bringen versucht." Während des erfolglosen Angriffs auf Kiew seien im nordukrainischen Gebiet Tschernihiw rund 3500 Gebäude zerstört oder beschädigt worden. Rund 80 Prozent der Zerstörungen beträfen Zivilgebäude.

Putin bezeichnet EU-Ölembargo als "wirtschaftlichen Selbstmord"

Kreml-Chef Wladimir Putin hat die europäische Energiepolitik als "wirtschaftlichen Selbstmord" bezeichnet. "Es ist offensichtlich, dass mit dem Weggang von russischen Energieträgern aus Europa in andere Regionen der Welt auch die Möglichkeit einer Erhöhung der wirtschaftlichen Aktivität geht", sagte Putin mit Blick auf die Debatte um ein Öl-Embargo der EU gegen Russland. Putin sprach von nicht durchdachten, chaotischen Schritten einiger "Partner", die Russland für sich selbst zu Nutzen machen müsse.

Finnland und Schweden wollen zusammen NATO-Mitgliedschaft beantragen

In einer historischen Kehrtwende werden Schweden und Finnland morgen offiziell die NATO-Mitgliedschaft beantragen. Das Aufnahme-Anträge beider Länder sollen gemeinsam bei der Allianz eingereicht werden, kündigten Finnlands Präsident Sauli Niinistö und Schwedens Regierungschefin Magdalena Andersson an. Die NATO hat den nordischen Ländern eine rasche Aufnahme in Aussicht gestellt - trotz einer Veto-Drohung des Mitglieds Türkei.

G7 beraten über 15 Milliarden Euro Hilfszahlungen

Um milliardenschwere Zuschüsse für die Ukraine beraten in dieser Woche auch die führenden westlichen Industrienationen (G7). Beim Treffen der G7-Finanzminister auf dem Petersberg bei Bonn wollen sie Budgethilfen für das vom russischen Krieg gebeutelte Land auf den Weg bringen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Umfeld des Finanzministeriums erfuhr. Demnach hat die Ukraine für drei Monate um Hilfen in einer Größenordnung von rund fünf Milliarden Euro pro Monat gebeten. Insgesamt geht es also zunächst um rund 15 Milliarden Euro. Nach Ablauf der drei Monate könnte allerdings weitere Unterstützung nötig sein. Die Ukraine braucht das Geld, um etwa Renten und Staatsbedienstete zu bezahlen. Unklar ist, ob die gesamte Summe als Zuschuss oder ein Teil als Darlehen gewährt wird.

Militärexperte schockiert mit Kriegskritik in Russlands Staats-TV

Im russischen Staatsfernsehen hat ein Militärexperte die Zuschauer einer Talkshow mit einer pessimistischen Bewertung des Ukraine-Kriegs überrascht. Die ukrainischen Streitkräfte seien weit von einem Zerfall entfernt und Russland in der Welt durch den Krieg isoliert, sagte der Michail Chodarjonok - sehr zum offensichtlichen Missfallen der Moderatorin - in einer TV-Show. In der Sendung widersprach der ehemalige russische Generalstabsoffizier einer Reihe von Behauptungen der russischen Staatspropaganda, die er als "Info-Beruhigungstabletten" kritisierte. Die Motivation der Ukrainer, für ihr Land zu kämpfen, sei durchaus hoch, sagte Chodarjonok - und positionierte sich damit klar gegen die im Staatsfernsehen oft wiederholte Behauptung, dass viele Ukrainer Russlands "militärische Spezial-Operation" als vermeintliche "Befreiung" ansähen.

Weitere Artikel zum Ukraine-Krieg

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, ysc/dpa/AFP/rts

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