Politik

Todesurteil vor 60 Jahren Warum das Böse in Adolf Eichmann "banal" war

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SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann wird von April bis Dezember 1961 im Jerusalemer Bezirksgericht der Prozess gemacht. Er endet mit dem Todesurteil. Einsicht zeigt Eichmann während des gesamten Verfahrens kein einziges Mal.

(Foto: picture-alliance / dpa)

SS-Obersturmbannführer Eichmann wird am 15. Dezember 1961 in Jerusalem zum Tode verurteilt, weil er Millionen Juden in den Tod geschickt hatte. Der Staatsanwalt sieht in ihm ein Monster. Die Philosophin Hannah Arendt hält dagegen: Eichmann sei "erschreckend normal".

Als die Richter am 15. Dezember 1961 sein Todesurteil verlesen, sitzt der einstige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann auf der Anklagebank des Jerusalemer Bezirksgerichts hinter einem Glaskasten. Wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen wird er in 15 Anklagepunkten für schuldig befunden. Die Augen der Weltöffentlichkeit richten sich bereits seit Prozessbeginn im April auf den Mann hinter dem Glas, denn Eichmann ist der erste NS-Funktionär, der in Israel nach dem Gesetz zur Bestrafung von Nazis und Nazihelfern verurteilt wird.

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Die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) provoziert mit ihrem Werk "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" in den 60er-Jahren Kontroversen, die bis heute anhalten. Obwohl sich befreundete Intellektuelle von ihr abwenden, steht Arendt bis zu ihrem Tod zu ihren Thesen.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Der Chefankläger, Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, sitzt Eichmann während der Urteilsverkündung schräg gegenüber. In den vergangenen Monaten hat Hausner keine Gelegenheit ausgelassen, Eichmann als durchtriebenen Verbrecher und überzeugten Antisemiten darzustellen. Von der Zuschauertribüne aus erkennt die Philosophin Hannah Arendt, selbst jüdischer Abstammung, etwas völlig anderes auf der Anklagebank hinter der Scheibe: Das Böse in Eichmann, so schreibt sie in ihrem Prozessbericht für das US-Magazin "The New Yorker", sei "schrecklich und erschreckend normal". Eine Überzeugung, die Arendts Bericht zum Skandal macht und sie viele ihrer engsten Freunde kostet.

Obwohl Eichmann als Leiter des Referats IV B 4 für "Judenangelegenheiten" im Reichssicherheitshauptamt zwischen 1939 und 1945 am Schreibtisch die Deportation von mehreren Millionen Juden in den grausamen Vergasungstod organisierte, sieht Arendt in ihm keinen Teufel. Viel mehr attestiert sie ihm die "Unfähigkeit zu denken". Zu diesem Schluss kommt Arendt, nachdem sie Schriftstücke und die Aussagen Eichmanns vor Gericht analysiert hat. Im Prozess bedient sich Eichmann der Sprachregelungen des Dritten Reiches. Dabei verstrickt er sich in Klischees und Trugbilder, die er auffallend oft wiederholt.

Vor Gericht stilisiert sich Eichmann zum Opfer

So behauptet er vor Gericht tatsächlich, er habe "niemals einen Juden getötet". Da er lediglich dem Befehl des Führers gehorcht habe, solle er nur der Beihilfe zum Mord angeklagt werden, so Eichmanns Forderung. Obwohl bereits 15 Jahre seit Kriegsende vergangen sind, stilisiert er sich noch immer zum Opfer. Für seine Pflichttreue gegenüber dem NS-Regime ging Eichmann über Leichen. Dabei handelte er Arendt zufolge weder für noch gegen seine Überzeugung, sondern passte sich aufgrund seiner Autoritätsliebe Hitlers Befehlen an - und veranlasste Deportationen selbst dann noch, als die deutsche Kriegsniederlage 1944 unaufhaltsam näher gerückt war.

Da er NS-Doktrinen ohne kritische Prüfung verinnerlichte und danach handelte, sieht er bis zu seinem Tod keine Veranlassung, eine Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Eichmann versucht etwa mithilfe eines Gnadengesuchs und einer Revision, dem Tod durch den Strang zu entkommen. Ohne Erfolg. Der absolute Gehorsam, auf den er sich im Gericht beruft, zeugt für Arendt von der "Banalität des Bösen" - eine Figur, die sie auch auf andere Deutsche im NS-Regime überträgt. Arendt will den Nationalsozialismus keinesfalls verharmlosen: Eben weil dieses Böse in Nazideutschland zu einer banalen Normalität geworden war, sei es besonders bedrohlich. "Ein Funktionär, wenn er wirklich nichts anderes ist als ein Funktionär, ist wirklich ein sehr gefährlicher Herr."

Eichmanns unbedingten Willen, im Dritten Reich Karriere zu machen, führt Arendt auch auf seine gescheiterte Existenz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zurück. Eichmann stammte aus einer bürgerlichen Familie. Am 19. März 1906 als Sohn des Buchhalters und späteren Firmenbesitzers Adolf Eichmann und dessen Ehefrau Maria in Solingen geboren, besuchte er ab 1921 die "Höheren Bundeslehranstalt für Elektrotechnik, Maschinenbau und Hochbau". Zwei Jahre darauf verließ er die Schule ohne Abschluss. Anschließend arbeitete er als Bergarbeiter sowie als Verkäufer in Firmen, bei denen sein Vater Teilhaber war. Nach seiner Aufnahme in die SS witterte er die Karriere, die ihm zuvor verwehrt geblieben war.

"Eichmann war nicht Jago und nicht Macbeth"

Bereits 1935 wurde er in das Sicherheitsdienst-Hauptamt nach Berlin beordert, wobei er sich zunächst mit der Zwangsumsiedlung der jüdischen Bevölkerung befasste. Es folgten mehrere Beförderungen, bis er zum Leiter des "Referats für Judenangelegenheiten" berufen wurde. Seine Stellung in der NS-Hierarchie musste Eichmann dennoch kontinuierlich verteidigen, da das totalitäre Regime ein System von Doppel- und Parallelfunktionen war. Aufgrund der Intransparenz und der nicht eindeutig festgelegten Verantwortungsbereiche innerhalb der Verwaltung konnten sich Funktionäre wie Eichmann ihrer Macht nie sicher sein. Nicht selten fand unter den nationalsozialistischen Amtsträgern ein erbitterter Konkurrenzkampf statt.

Auch Soziologen wie Norbert Elias beschreiben das Dritte Reich als verworrenes Herrschaftssystem, das den Wettbewerb unter den Funktionären befeuerte. Ein starker Antrieb war somit die Verteidigung ihres Status und die damit einhergehenden Abstiegsängste. Aus diesem Grund schlussfolgert Arendt unter Rückgriff auf Schurken aus Shakespeare-Dramen: "Eichmann war nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als mit Richard III. zu beschließen, 'ein Bösewicht zu werden'. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive."

Arendts Darstellung von Adolf Eichmann ist umstritten. Bis heute muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, den NS-Funktionär mit ihrem Begriff von der Banalität des Bösen verharmlost sowie seine Stellung im Dritten Reich unterschätzt zu haben. Insbesondere unter jüdischen Intellektuellen löst ihr Prozessbericht direkt nach seinem Erscheinen in den 60er-Jahren Empörung aus. Zur allgemeinen Entrüstung trägt ihre Behauptung bei, dass den Judenräten, die im Dritten Reich mit Eichmann zusammengearbeitet hatten, eine Mitschuld an den von ihm begangenen Verbrechen zugesprochen werden sollte. Judenräte waren vom NS-Regime errichtete Zwangskörperschaften von Juden, die für Eichmann die KZ-Transporte vorbereiten mussten. Die Mitglieder sollten Eichmann Namenslisten von Juden schicken und ihm Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen.

Arendt gibt Judenräten Mitschuld an Holocaust

Arendt, die bereits 1933 im Alter von 26 Jahren aus Nazi-Deutschland geflohen war, stellt den Judenräten in ihrem Bericht die Frage: "Warum habt ihr die Mitarbeit an der Zerstörung eures eigenen Volkes und letztlich an eurem eigenen Untergang nicht verhindert?" Dafür wird sie in einer im März 1963 verfassten Erklärung des Council of Jews scharf kritisiert. Er wirft Arendt vor, sie missdeute "die Haltung von Männern, an deren Integrität und Selbstaufopferung kein Zweifel bestand".

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Die Richter verurteilen Eichmann zum Tod durch den Strang. In der Nacht zum 1. Juni 1962 wird Eichmann im ersten Stock des Gefängnisses von Ramla gehängt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Schließlich nehmen auch Arendts engste Vertraute Anstoß an ihren Thesen. Mit dem Historiker Gershom Scholem kommt es zum Bruch, nachdem er sie in einem Brief beschuldigt, ihr fehle es an "Ahabath Israel", an Liebe zu den jüdischen Glaubensbrüdern und -schwestern. Ohne Zweifel unterschätzt Arendt Eichmanns Antisemitismus. Protokolle zeigen, dass Eichmann sich in einem Gespräch mit dem SS-Offizier Willem Sassen eindeutig antisemitisch äußerte. Diese Dokumente stehen Arendt zu ihrer Zeit jedoch nicht zur Verfügung. Vor Gericht behauptet Eichmann stets, kein Antisemit zu sein. Und Arendt glaubt ihm.

Obwohl sie in Eichmann weder einen Teufel noch einen überzeugten Antisemiten erkennt, kommt sie zu dem gleichen Schluss wie Staatsanwalt Hausner und die Richter: Eichmann verdient die Todesstrafe.

In ihrem Bericht formuliert Arendt ihre eigene Begründung des Urteils und schreibt, an Eichmann gerichtet:
"So bleibt also nur übrig, dass Sie eine Politik gefördert und mit verwirklicht haben, in der sich der Wille kundtat, die Erde nicht mit dem jüdischen Volk und einer Reihe anderer Volksgruppen zu teilen, als ob Sie und Ihre Vorgesetzten das Recht gehabt hätten zu entscheiden, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht. Keinem Angehörigen des Menschengeschlechts kann zugemutet werden, mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen. Das ist der Grund, der einzige Grund, dass Sie sterben müssen."

Quelle: ntv.de

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