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Jeder Tag zählt Gebt Astrazeneca für alle frei

Völlig zu Unrecht hat Astrazeneca in Deutschland ein Imageproblem. Statt in die Oberarme zu kommen, liegt der Impfstoff in den Regalen. So kann es nicht weitergehen.

Astrazeneca hat einen tollen Impfstoff entwickelt. Seine Wirksamkeit liegt mindestens bei 60 bis 70 Prozent. Was übrigens nicht bedeutet, dass die 30 bis 40 Prozent, bei denen das Vakzin nicht so gut anschlägt, keinen Schutz haben: Auch bei ihnen ist ein schwerwiegender Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus nach bisherigem Kenntnisstand nahezu ausgeschlossen. Bereits nach der ersten Impfung mit Astrazeneca sinkt die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen, um 94 Prozent. Ein Spitzenwert, den nicht einmal das Präparat von Biontech/Pfizer erreicht.

Trotzdem ist der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers zum Ladenhüter geworden. Bereits eine Million Dosen liegen in den Regalen. Beispielsweise im Impfzentrum Berlin-Tegel, das ausschließlich Astrazeneca im Angebot hat. Dort gibt es heute noch jede Menge freie Impftermine für die kommende Woche.

Die Gründe sind eher ein- als vielschichtig: Astrazeneca hat ein Imageproblem. Der Impfstoff wurde in den vergangenen Wochen, wie es der Intensivmediziner Uwe Janssens gegenüber ntv.de sagte, zerredet. Nun nützt es aber nichts, wenn Politik, Ärzte und Virologen mit Schützenhilfe populärer Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftjsournalistinnen dazu aufrufen, die Vorbehalte gegen Astrazeneca über Bord zu werfen. Sie haben sich in einem Teil der Bevölkerung festgesetzt und werden dort bleiben. Es ist so ähnlich wie die Angst vorm Parken in Tiefgaragen. Man kann eine Statistik nach der anderen über die Sicherheit von Tiefgaragen auffahren: Wer sich unwohl fühlt in den unterirdischen, schlecht beleuchteten Beton-Katakomben, dem hilft das nicht.

Was also ist zu tun? Eine pragmatische und unbürokratische Lösung wählen und den Impfstoff einfach für alle freigeben. So wie es SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach am Donnerstag für die ersten drei Prioritäts-Gruppen und nun auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für alle Menschen fordert. "Jeder Tag zählt", sagte der CSU-Politiker. Recht hat er. Überall im Land warten Menschen ungeduldig auf eine Impfung. Solange der Impfstoff Mangelware ist, war eine Priorisierung sinnvoll. Astrazeneca ist aber nicht Mangelware, sondern im Überschuss vorhanden.

Mit Astrazeneca in die Fläche

Deshalb sollte die Ständige Impfkommission ihre Empfehlungen für die Impfungen mit Astrazeneca umgehend ändern und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zusammen mit den Bundesländern die Impfungen freigeben nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Das jedenfalls wäre im Kampf gegen Covid-19 zielführender als Debatten über Bußgelder für Impfvordrängler. So käme endlich Fahrt in das Impfen, dessen Tempo bislang weit hinter den selbst gesteckten Zielen hinterherhinkt. Spahn wollte, so erklärte er Anfang Januar, bis Mitte Februar bereits alle Heimbewohner durchgeimpft und insgesamt 2,7 Millionen Deutsche mit einem umfassenden, also doppelten Impfschutz versorgt haben. Nun, Ende Februar, sind es erst ernüchternde 2 Millionen.

Eine Impffreigabe für Astrazeneca ist aber noch aus einem anderen Grunde dringend geboten. Denn anders als bei Biontech und Moderna benötigt das Vakzin keine sensible Kühl-Logistik. Hausärzte könnten mit Astrazeneca das Impfen in die Fläche tragen. Sie kennen auch die Vorerkrankungen ihrer Patienten und könnten selbst entsprechend priorisieren. Das ginge schneller und einfacher als der derzeit praktizierte Einladungsbürokratismus. Da die zweite Verabreichung des Astrazeneca-Impfstoffes erst nach zwölf Wochen erfolgen sollte, vielleicht sogar noch später, die Schutzwirkung aber, siehe oben, bereits nach der ersten Impfung enorm ist, wäre eine umfangreiche, breit angelegte und zügige Impfung mit Astrazeneca ein wichtiger Baustein, um das Coronavirus und seine Mutanten hierzulande in die Schranken zu weisen.

Vielleicht müsse Deutschland beim Thema Impfen sein "strenges Regiment auflockern", sagt Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann heute in der "Welt am Sonntag". Ja, das muss es. Schnell.

Quelle: ntv.de

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