Politik

77 Millionen Impfdosen ab April Deutschland muss rasch auf "Turbo" schalten

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Viermal so viel Impfstoff wie aktuell wird im zweiten Quartal zur Verfügung stehen. Die Länder müssen Kapazitäten aufbauen, um ihn zu verimpfen.

(Foto: imago images/Future Image)

Noch mangelt es am Präparat - die Impfzentren können ihre Kapazitäten nicht ausschöpfen. Doch ab April wird es umgekehrt sein: 77 Millionen Dosen wollen die Hersteller bis Juni liefern. Die Bundesländer müssen sich perfekt aufstellen, sonst droht bald der "Impfstau".

Eine Impfung alle 0,7 Sekunden - in diesem Tempo läuft Deutschland derzeit den Impfmarathon. Auf der "Impfuhr", mit der das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Website alle 0,7 Sekunden eine erfolgte Impfung zählt, sieht das durchaus dynamisch aus. In der Summe ist es weniger beeindruckend: Am Montag schafften die Impfzentren und mobilen Teams knapp 140.000 Impfungen, im Durchschnitt sind es 127.000.

Gemessen an etwa 70 Millionen Bundesbürgern, die über 16 Jahre alt sind und von denen viele auf eine Impfmöglichkeit warten, ist das keine gute Bilanz. Doch wohl kaum eines der etwa 400 Impfzentren in Deutschland kann seine volle Kapazität dieser Tage ausfahren: Noch immer fehlt es schlicht am Impfstoff.

Würde es so weitergehen, im 0,7-Sekunden-Impftempo, so bräuchte das Gesundheitssystem für das Durchimpfen von 70 Millionen Menschen rund drei Jahre. Dazu passen die Berichte betagter Impfkandidaten: Die Prozesse in den Zentren liefen denkbar entspannt ab, man fühle sich bestens betreut, alle nähmen sich Zeit für die alten Leute.

Zu diesem Zeitpunkt gut und richtig, doch sehr bald schon könnte es mit der Gemütlichkeit vorbei sein. Wenn nämlich, gemäß den Zusagen von fünf Impfherstellern, im zweiten Quartal 2021, also ab April die Menge der Impfstoffdosen drastisch steigen wird. Viermal so viele Ampullen des Biontech-Präparats wie im ersten Quartal sollen dann zur Verfügung stehen - insgesamt gut 40 Millionen Dosen.

77 Millionen Impftermine von April bis Juni

Moderna und Astrazeneca wollen ihre Lieferungen in etwa verdreifachen auf 6,4 und 16,7 Millionen Impfdosen. Curevac und Johnson & Johnson dürften dann auch mit ihren Präparaten starten. Die Zulassung vorausgesetzt, kämen von ihnen zusammen 13,6 Millionen Dosen.

In Summe ergibt das Stoff für 76,9 Millionen Immunisierungen. Eine Zahl, die Vorfreude macht. Sie heißt aber auch: Knapp 77 Millionen Impftermine, die von April bis Juni bereitgestellt, gebucht, bestätigt, organisiert, wahrgenommen und durchgeführt werden müssen. Und das ist nur die erste Runde. Bis auf das Präparat von Johnson & Johnson müssen alle Vakzine zweimal verimpft werden. Erinnert man sich daran, wie Deutschlands größtes Bundesland Nordrhein-Westfalen Ende Januar schon die Buchung von 1,2 Millionen Impfterminen für die über 80-Jährigen gegen die Wand fuhr, dann wirken 77 Millionen herausfordernd bis bedrohlich.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat Zweifel daran, dass dieser Kraftakt klappt. Einen "gigantischen Stau" befürchtet KBV-Vorstandschef Andreas Gassen schon bald, wenn nicht niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in die Impfkampagne eingebunden werden. "Schon Ende April könnten sich fünf bis acht Millionen Impfstoffdosen aufgestaut haben", errechnet das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung, eine auch von den KVen der Länder finanzierte Forschungseinrichtung. Für das Vertrauen der Deutschen in die Corona-Strategie und ihre Bereitschaft, daran weiter mitzuwirken, wäre dieses Szenario ein Desaster.

"Wir müssen aufs Gaspedal treten"

Das Zentralinstitut errechnet seine Prognose aufgrund der Annahme, dass die Impfzentren der Länder ihre aktuelle Impfleistung - in den vergangenen sieben Tagen waren es über 907.000 Impfungen - auf maximal 2,1 Millionen pro Woche steigern können. Wenn die Länder damit am Limit wären, würden schon im Frühjahr massenhaft Dosen ungenutzt liegen bleiben.

Doch auch in den Gesundheitsministerien der Länder wird gerechnet: Bayern etwa arbeitet mit 102 Impfzentren, verimpft wurden am Montag etwa 25.000 Dosen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums teilt mit, die Zentren könnten, sobald mehr Impfstoff zur Verfügung steht, ihre Kapazitäten "kurzfristig" auf über 80.000 Dosen pro Tag erhöhen. Das wäre mehr als das Dreifache der jetzigen Menge.

Rheinland-Pfalz, mit einer Impfquote von 3,2 Prozent der Bevölkerung derzeit Immunisierungs-Champion unter den 16 Ländern, hat am Montag knapp 9000 der rettenden Piekse verabreicht. In einem "nächsten Ausbauschritt" unter anderem durch Mehrschichtbetrieb könnten laut Gesundheitsministerium "bis zu 20.000 Menschen pro Tag geimpft werden" - also gut das Doppelte der Menge vom Montag. Ob nach dem "nächsten" auch noch ein übernächster Ausbauschritt machbar wäre, sagt das Ministerium nicht.

Der wäre aber wohl erforderlich, wenn die 77 Millionen Impfdosen wirklich kommen. "Wir müssen aufs Gaspedal treten", sagt Dominik Graf von Stillfried, Vorstandschef des Zentralinstituts, das etliche Modellierungen zur Impfkampagne erstellt hat. Das Gaspedal des Gesundheitssystems sind aus seiner Sicht die 102.000 deutschen Arztpraxen.

Ein bisschen Gas gibt Ursula Nonnemacher schon mal. Die Gesundheitsministerin von Brandenburg hat gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung des Landes (KVBB) ein Pilotprojekt gestartet, das ab kommender Woche 50 niedergelassenen Ärzten ermöglichen soll, in ihrer Praxis oder beim Hausbesuch gegen Corona zu impfen. Laut KVBB ist das Interesse "sehr groß", etwa 500 Praxen haben sich gemeldet.

Ohne Arztpraxen wird es nicht gehen

Die grüne Ministerin, selbst Ärztin, hat eine einfache Rechnung aufgestellt: Will Brandenburg an Merkels Ziel nicht scheitern, dass alle Deutschen bis Ende September ein Impfangebot bekommen, dann muss das Land bis dahin 3,5 Millionen Impfungen stemmen. "Dazu müssen wir im April 440.000 Impfungen und ab Mai 520.000 Impfungen monatlich verabreichen", kalkuliert Nonnemacher in der "Lausitzer Rundschau". Dafür braucht sie die Arztpraxen, sonst ist die Menge nicht zu schaffen.

Auch Bayern setzt auf die Mithilfe von Praxen. "Erste Pilotprojekte wurden bereits gestartet", heißt es aus dem Ministerium auf Nachfrage. Ziel sei, "möglichst viele Hausarztpraxen einzubinden". Die Teilnahme sei freiwillig. Rheinland-Pfalz, das seine Kapazitäten auch deutlich erhöhen muss, um ab April mithalten zu können, antwortet zurückhaltend. Impfungen in den Praxen "spielen perspektivisch in den Planungen ebenfalls eine Rolle", heißt es von dort.

Institutschef Stillfried möchte gern das Tempo anziehen und nennt eine verlockende Zahl: eine Million Impfungen am Tag. "Die Million erreichen wir, wenn deutschlandweit 50.000 Arztpraxen bei der Impfkampagne mitmachen, und jede im Durchschnitt 20 Impfungen täglich schafft."

Wenn die Impfzentren volle Kapazität führen und eine Million Menschen täglich in Praxen den Schutz vor dem Virus erhalten, "können wir die Bevölkerung bis Anfang August durchimpfen", so Stillfrieds Prognose. Die Arztpraxen seien "fit".

Weniger fit erscheint - noch - die deutsche Bürokratie. Denn die Dokumentation der Impfungen ist laut Stillfried so aufwändig, dass die Zentren damit externe Firmen beauftragen. Das kann man kaum einer Arztpraxis zumuten, die für 20 Impfungen pro Tag ohnehin bis zu drei Arbeitsstunden zusätzlich einplanen müsste. Gesundheitsminister Jens Spahn müsste hier für Vereinfachung sorgen. Ein Vorschlag der Ärzteschaft dafür liegt dem Ministerium vor.

Rationierung macht wenig Sinn, wenn es um Geschwindigkeit geht

Spahns Job wäre es auch, die Impfverordnung so zu verändern, dass Arztpraxen die Corona-Impfungen überhaupt abrechnen können, und zwar möglichst so, dass es den Mehraufwand lohnt. "Derzeit ist eine solche Impfung noch keine Leistung der GKV", beschreibt Stillfried das Problem. Auch die Verteilung der Impfstoffe müsste optimal organisiert sein, denn lange lagern können die Präparate nicht. Hierzu hat der Minister ebenfalls ein Konzept der Ärzteschaft auf dem Tisch liegen.

Ein entscheidender Punkt ist die Terminvergabe. Das Zentralinstitut warnt vor einem "staatlichen Einladungswesen, das die Vorgänge verkomplizieren würde". Besser liefe es, wenn die Praxen ihre Termine selbst vergeben, sagt der Wissenschaftler und plädiert dafür, dann auch sobald wie möglich die Priorisierungsvorgaben zu lockern: "Wenn eine ältere Person aus der Priorisierungsgruppe 2 von jemandem begleitet wird, der nicht priorisiert ist, soll dieser dann ungeimpft wieder nach Hause gehen?" Es mache wenig Sinn, ein Instrument zur Rationierung einzusetzen, "wenn es um Geschwindigkeit geht".

Stillfried orientiert sich gern am Beispiel Israels, das derzeit als "Impfweltmeister" auch in Deutschland gelobt wird. "Als man gesehen hat, dass es genug Impfstoff gibt, wurde dort sehr schnell die Priorisierung aufgehoben", beschreibt Stillfried. "Jeder, der kann, der Zeit hat, der will", sei dort aufgefordert, sich einen Termin zu besorgen. "Es klappt aber sogar auch ohne Termin. Einfach in der Schlange anstellen - fertig."

Einfach in der Schlange anstellen - fertig, das klingt sehr pragmatisch, sehr schnell, aber leider nicht sehr deutsch. Und dass jedes Bundesland den Impfprozess für sich allein gestaltet, birgt auch mehr Risiken als Vorteile. Warum schafft Rheinland-Pfalz eine Quote von 3,2 und Nordrhein-Westfalen und Hessen nur 1,8? Für 77 Millionen Impfungen im zweiten Quartal müssen alle 16 Bundesländer in den Turbo-Gang schalten. Ab April muss der Boost kommen, gegen Corona und für die Stimmung im Land.

Quelle: ntv.de