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Zu Risiken und Nebenwirkungen Angst vor Astrazeneca ist reine Kopf-Sache

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Die Angst vor dem Impfstoff könnte Nebenwirkungen begünstigen.

(Foto: imago images/Jochen Eckel)

Erneut gibt es schlechte Nachrichten für den Corona-Impfstoff von Astrazeneca: Diesmal geht es um scheinbar gehäufte Nebenwirkungen. Psychologieprofessor Winfried Rief glaubt, dass dabei auch psychologische Effekte eine Rolle spielen. Dadurch könnte ein Teufelskreis in Gang gesetzt werden.

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca steht erneut im Fokus - diesmal sind es Berichte über Nebenwirkungen, die sich zu häufen scheinen. Zunächst wurde von Fällen in Schweden berichtet, welche die Behörden der Region Sörmland veranlassten, die Impfungen zeitweise zu stoppen. Dann folgten Meldungen aus Deutschland, aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg und Sachsen-Anhalt. Hersteller Astrazeneca kann sich das alles nicht erklären. Experten vermuten, dass es mit dem Alter der Geimpften zusammenhängen könnte - so würden jüngere Menschen oft eine stärkere Immunreaktion zeigen.

Was jedoch am Beispiel Schweden auffällt: Dort hatten 100 von 400 Mitarbeitern zweier Krankenhäuser von Nebenwirkungen, insbesondere Fieber, berichtet. Zwar sind leichte Nebenwirkungen wie vorübergehende Schmerzen und Empfindlichkeit an der Injektionsstelle, leichte bis mäßige Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, Unwohlsein und Muskelschmerzen bei dem Astrazeneca-Impfstoff auch in den klinischen Studien aufgetreten. Die aus Schweden berichteten Nebenwirkung traten bei den Studien aber nur bei etwa zehn Prozent der Fälle auf - und nicht bei einem Viertel.

Aus Sicht von Winfried Rief, Professor der klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg, ist es in solchen Fällen daher "sehr wahrscheinlich", dass auch psychologische Effekte eine Rolle spielen. Im Gespräch mit ntv.de vermutet er, Hauptgrund dürfte die "schlechte Presse" des Astrazeneca-Impfstoffs in den vergangenen Woche sein. Etwa der Streit über Liefermengen, die Unklarheit bezüglich der Wirksamkeit bei älteren Menschen, aber auch die geringere Wirksamkeit gegenüber den Corona-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna. Würden dann Berichte über Nebenwirkungen hinzukommen, gerate der Impfstoff in eine "Negativspirale", sagt der Experte.

Nebenwirkungen auch ohne Impfung

Mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass Astrazeneca wohl tatsächlich ein Imageproblem hat. In Berlin etwa, wo medizinisches Personal eine Wahlfreiheit beim Impfstoff hat, entscheiden sich die Menschen oft gegen das Astrazeneca-Präparat. Laut einer Umfrage des Hamburg Center for Health Economics würde zudem die Hälfte der Befragten einen anderen Corona-Impfstoff bevorzugen - nur zwei Prozent würden explizit Astrazeneca wählen.

Können also auch Nebenwirkungen auftreten, ohne dass der Grund im Präparat an sich liegt? Ja, sagt Psychologieprofessor Rief. Das hätten auch die großen klinischen Studien zu den Corona-Impfstoffen gezeigt. "Dort gab es auch Berichte von Nebenwirkungen in den Placebogruppen. Dabei hatten diese Menschen gar keinen Impfstoff erhalten." Gleichzeitig sei durch andere Studien gut belegt, dass auch die Angst vor einem Impfstoff Nebenwirkungen begünstigen könne, so Rief. Durch negative Berichterstattung gebe es mehr Menschen, die eine negative Einstellung hätten, was weitere Berichte über Nebenwirkungen zur Folge haben kann - ein Teufelskreis. "Derartige psychologische Ansteckungseffekte sind ein bekanntes Massenphänomen."

Die Angst vor Impfstoffen sei generell jedoch nichts Unnormales: "Es ist die Angst vor dem Neuen", sagt der Experte. Bei den Corona-Impfstoffen handle es sich schließlich um neue medizinische Entwicklungen, die Millionen von Menschen verabreicht würden. "Daher ist es auch wichtig, dass wir die Sorgen annehmen und akzeptieren, dass Ängste da sind", sagt Rief. Sein Tipp: Wer Sorge vor einer Impfung generell, oder einem bestimmten Impfstoff habe, solle das Gespräch mit einer Fachperson wie einem Arzt suchen, um sich beraten, aufklären und beruhigen zu lassen.

"Herdenimmunität in Gefahr"

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Auch rät Rief dazu, bei der Informationsbeschaffung über Impfstoffe "Filterblasen" zu vermeiden - viele Menschen bezögen Informationen aus einer ähnlich-denkenden Bezugsgruppe, zum Beispiel bei Twitter, Facebook oder sonstigen sozialen Medien und Foren. Dort jedoch können sich negative Informationen verstärken und positive ausgeklammert werden. "Man sollte sich lieber breiter informieren und Kanäle nutzen, die als zuverlässig angesehen werden", so Rief.

Grund für Zweifel an Impfstoffen wie dem von Astrazeneca sieht Rief jedoch nicht: Die klinischen Studien an Zehntausenden Teilnehmern hätten deren Sicherheit belegt. "Wir haben ein höheres Wissen bei den Corona-Impfstoffen, als wir bei vielen Medikamenten haben, die eingeführt werden." In Deutschland hätten Impfstoffe jedoch bereits in der Vergangenheit mit Imageproblemen zu kämpfen gehabt, so der Psychologe. Etwa sei die Masernschutzimpfung vor allem durch Impfgegner verzerrt dargestellt worden. "Im Ergebnis ist es Deutschland nicht gelungen, eine Herdenimmunität gegen die Masern zu entwickeln." Auch bei der Corona-Impfkampagne sieht Rief das Ziel der Herdenimmunität dadurch gefährdet.

Quelle: ntv.de