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Darts-WM in der Corona-Krise "Das wäre ein würdiges WM-Finale gewesen"

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Wird aus dem ewigen Supertalent Michael Smith endlich ein großer Champion?

(Foto: imago images/Pro Sports Images)

Während mehrere Corona-Fälle die Darts-WM in London überschatten, sorgen zwei Mitfavoriten im Achtelfinale für den bislang sportlichen Höhepunkt des Turniers. Michael Smith darf nach dem Sieg über Jonny Clayton den Titelverteidiger herausfordern.

Michael Smith wird seit Jahren das größte naturgegebene Talent aller aktuellen Dartprofis nachgesagt. Doch mit einem großen Titel hat es in der Karriere des 31-Jährigen noch nicht geklappt. Als einziger Spieler aus den Top Ten der Weltrangliste wartet Smith noch immer auf die erste große Trophäe. Nach seinem bärenstarken Auftritt in einem schon jetzt denkwürdigen WM-Achtelfinale gegen Jonny Clayton am Mittwochabend wirkt diese Tatsache noch verwunderlicher als ohnehin schon.

Clayton, der vier große Major-Turniere in 2021 gewonnen hat und als leichter Favorit in die Partie gegangen war, erwischte einen Top-Start. Nach wenigen Minuten steht eine 2:0-Führung auf der Anzeigetafel im Londoner Alexandra Palace. Clayton präsentiert sich zu Beginn der Partie gewohnt kompromisslos. Der 47-Jährige, der im "normalen Leben" noch immer als Verputzer auf walisischen Baustellen seine Brötchen verdient, besticht durch brutales High-Scoring gepaart mit einer stabilen Doppelquote.

Doch weil Clayton nach der zweiten Unterbrechung ein My nachlässt, kann Smith die Partie ausgleichen. Satz drei und vier gehen an den Engländer, weil der im richtigen Moment jeweils zur Stelle ist. Im fünften Satz nutzt Smith sein Momentum. Der WM-Finalist von 2019 gewinnt sogar ein Leg, in dem sein Gegner gleich zweimal hintereinander den Highscore von 180 Punkten wirft. Smith krallt sich den dritten Satz in Serie, führt mit 3:2.

Entscheidung in der Verlängerung

Clayton steht mit dem Rücken zur Wand, stemmt sich jedoch mit brutaler Scoring-Power und High-Finishes gegen die drohende Niederlage. Der 161-Punkte-Checkout zeigt Smith, dass er für den Sieg noch viel tun muss. Wenige Minuten später ist der Satz auf Seite des Walisers. 3:3. Ein Entscheidungssatz muss her.

Clayton gewinnt das erste Leg und hat das sicher geglaubte 2:0 vor Augen, als ihm ausgerechnet in diesem vorentscheidenden Moment die Nerven beim Wurf auf das Doppelfeld versagen. Gleich fünf Chancen lässt der Waliser mit dem Spitznamen "Frettchen" aus. Smith packt zu. Und dreht die Partie abermals, als er 112 Punkte zur 2:1-Führung im entscheidenden Satz ausmacht. Weil Clayton das folgende Leg seinerseits mit einem High-Finish checkt, geht die Partie in die Verlängerung. Zum Sieg braucht es fortan zwei Legs Vorsprung.

Clayton legt vor, Smith gleicht aus, Clayton legt wieder vor, Smith gleicht wieder aus. Es steht 4:4 im Entscheidungssatz, als dem Engländer die Vorentscheidung gelingt. Mit dem letzten Dart bringt Smith 65 Punkte auf Null. 5:4. Clayton ist geschlagen, verzettelt sich im folgenden Leg beim Rechnen, Smith setzt wieder den letzten Dart ins entscheidende Doppel.

Smith ungewohnt nervenstark

"Das wäre ein würdiges Finale gewesen, es war ein tolles Spiel", frohlockte Smith nach einer seiner besten Leistungen aller Zeiten. "Jonny ist ein Klassespieler, aber ich habe mir vor dem Spiel immer wieder gesagt, dass ich das Zeug dazu habe, jeden zu schlagen. Daran habe ich immer geglaubt." Smith, der während seiner Karriere immer wieder in Drucksituationen Nerven gezeigt hatte, scheint seine mentalen Probleme in den Griff bekommen zu haben. "In der Vergangenheit habe ich es häufig zu sehr gewollt. Diesen Fehler werde ich dieses Jahr nicht machen. Ich werde mich auf meine Darts konzentrieren und sehen, wie weit mich diese Einstellung bringen kann", so Smith weiter.

Im Viertelfinale bekommt es der Engländer am Neujahrstag mit dem nächsten walisischen Spitzenspieler zu tun. Der amtierende Weltmeister und Weltranglistenerste Gerwyn Price ist sein Gegner, weil dieser im ersten Achtelfinale am Mittwochabend mit 4:1 gegen den Niederländer Dirk van Duijvenbode siegte. "Ich hatte das Gefühl, dass ich 4:0 hätte gewinnen müssen, um ehrlich zu sein", bilanzierte Price, der nach 0:1-Satzrückstand die vier folgenden Sätze alle zu Null gewann. "Das gibt mir eine Menge Selbstvertrauen." Im Viertelfinale gegen Michael Smith wird er es brauchen.

Mega-Comeback des Ex-Weltmeisters

Im letzten Drittrundenmatch des Turniers hatte sich am Mittwochabend Ex-Weltmeister Gary Anderson gegen Ian White durchgesetzt. Nach zwischenzeitlichem 0:3-Rückstand "überlebte" der Schotte beim Stand von 2:3 einen Matchdart seines Kontrahenten. Statt in der Doppel 20 landete der Dart von White einen Millimeter zu weit links in der Doppel 5. "Ich war nicht ich selbst und ich dachte, dass ich nach Hause fahre, als ich die ersten drei Sätze verloren hatte. Aber Ian hat auch nicht so gespielt", sagte Anderson, der im Duell zweier Ex-Weltmeister am Donnerstagabend auf Rob Cross trifft.

Neben den Spitzenspielern Anderson und 2020er-Weltmeister Peter Wright hat sich mit Alan Soutar sensationell ein dritter Schotte ins Achtelfinale gespielt. Der WM-Debütant setzte sich gegen einen überraschend schwachen Weltranglistensiebten José de Sousa mit 4:3 durch. Soutar, der im Hauptberuf Feuerwehrmann ist und in seiner Freizeit nicht nur Darts spielt, sondern auch Blindenhunde ausbildet, trifft im Achtelfinale auf Callan Rydz, ebenfalls eine Überraschung dieser WM. Der 23-jährige Engländer hat die ersten Runden im Schnelldurchlauf überstanden, ist bislang noch ohne einen einzigen Satzverlust.

Nächster Corona-Fall

Ergebnisse - Tag 12

Runde 3 (Weltranglistenplatz in Klammern)

(7) José de Sousa 3-4 Alan Soutar (77)

(10) Nathan Aspinall 0-4 Callan Rydz (36)

(6) Gary Anderson 4-3 Ian White (27)

Achtelfinale

(1) Gerwyn Price 4-1 Dirk van Duijvenbode (17)

(8) Jonny Clayton 3-4 Michael Smith (9)

Das Turnier wird unterdessen längst vom Coronavirus überschattet. Ein größtenteils maskenloses, dafür gewohnt bierseliges Publikum im 3000 Zuschauer fassenden "Ally Pally" hatte angesichts der Omikron-Variante schon zu Turnierbeginn Fragen aufgeworfen. Mit Darts-Legende Raymond van Barneveld war unmittelbar vor Weihnachten der erste Spieler positiv auf das Virus getestet worden. Seit Wiederbeginn des Turniers am 27. Dezember gibt es täglich mindestens einen neuen Corona-Fall. Am Montag erwischte es Vincent van der Voort, am Dienstag Superstar Michael van Gerwen, am Mittwoch Dave Chisnall. Das Trio wurde aus dem laufenden Turnierbetrieb genommen, ihre Gegner zogen kampflos ins Achtelfinale ein.

Gerwyn Price stellte daraufhin den sportlichen Wert der WM infrage, dachte laut über eine mögliche Absage oder Unterbrechung des Turniers nach. Am Abend schaltete sich auch Anderson in die Diskussion ein. "Schluss damit, brecht das Turnier ab", forderte er die Profidartorganisation PDC auf.

Wenige Minuten nach der Forderung gab mit dem bereits ausgeschiedenen Danny Noppert der nächste Teilnehmer einen positiven Test bekannt. Somit hat es bereits 5 der 96 WM-Starter erwischt, darunter mit van Barneveld, van der Voort, van Gerwen und Noppert vier Niederländer. Die Inzidenz unter den Teilnehmern der Darts-WM liegt somit bei 5208.

Quelle: ntv.de

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