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Corona-Chaos im "Ally Pally" Darts-WM wird mit Ansage zur Farce

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Im "Ally Pally" selten anzutreffen: Maskenträger

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Nach Vincent van der Voort und Michael van Gerwen scheidet mit Dave Chisnall der dritte Spieler wegen eines positiven Corona-Tests aus der Darts-WM aus. Die Kritik am Ausrichter wird wegen laxer Regeln lauter. Weltmeister Price bringt eine Unterbrechung ins Spiel.

Als die Corona-Pandemie im März 2020 nach Europa schwappt, zeigt sich bereits, wie sich die Profidartorganisation PDC während der Krise verhalten wird. Turniere würden erst dann abgesagt oder verschoben, wenn es die Regierung fordert, schreibt der damalige PDC-Boss Barry Hearn bei Twitter. Den Tweet eines Fans, wonach das Virus "überbewertet" sei, kommentiert Hearn mit einem knappen "korrekt".

Es ist die Zeit, als die PDC bis zum letztmöglichen Tag Turniere vor vollen Hallen veranstaltet. Die lukrative Premier League wird so lange vor bierseligem und partywütigem Publik durchgezogen, bis die britische Regierung dem Treiben ein Ende setzt. Dann wandert der Darts-Zirkus im Rahmen der "PDC Home Tour" zunächst in die Wohnzimmer, Küchen oder Abstellräume der Spieler. Im Sommer 2020 geht es schließlich weiter. Ohne Fans, aber immerhin. Auch die Weltmeisterschaft 2020/2021 wird bis auf eine Ausnahme an Turniertag eins vor leeren Rängen im Londoner Alexandra Palace ausgetragen. Ende Mai 2021 dürfen schließlich auch die Fans wieder zu den Events der PDC.

Seit dem "Freedom Day" in Großbritannien am 19. Juli geht endgültig alles seinen fast ganz normalen Gang. Die PDC darf sämtliche Tickets für ihre Events verkaufen, die Hallen voll auslasten. Die Spieler dürfen sich am Rande der Turniere frei bewegen, müssen sich jedoch Corona-Tests unterziehen. Das geht das gesamte Jahr über weitgehend gut. Nur vereinzelt müssen Akteure Corona-bedingt Turniere absagen, höchstens betrifft es aber einen Spieler pro Event. Kein Grund zur Aufregung. Bis zur Weltmeisterschaft 2021/2022.

Drei Corona-Fälle an drei Tagen

Vor Beginn des Turniers macht Juan Francisco Rodriguez den Anfang. Der Spanier muss seine Teilnahme wegen einer Corona-Infektion kurzfristig absagen. Eine Meldung, die nur in Fachportalen die Runde macht. Zu unbedeutend ist der spanische Qualifikant für das Turnier. Doch als Darts-Legende Raymond van Barneveld unmittelbar nach seinem Zweitrunden-Aus gegen Rob Cross kurz vor Weihnachten positiv getestet wird, nimmt das Corona-Chaos seinen Lauf. Kontrahent Cross wird zwar negativ getestet, doch nach der Weihnachtspause am 27. Dezember weist auch der Corona-Test von "Barneys" niederländischem Landsmann Vincent van der Voort ein positives Testergebnis aus. Der 46-Jährige wird aus dem Turnier genommen.

Van der Voorts Corona-Infektion zieht auch deshalb große Kreise, weil er der beste Freund und Trainingspartner von Superstar Michael van Gerwen ist und die beiden zusammen Heiligabend verbracht haben. Das große Zittern beginnt. Am 28. Dezember folgt schließlich die Hiobsbotschaft: Auch "MvG" wird positiv getestet, scheidet deshalb kampflos aus dem Turnier aus. Einen Tag später folgt mit Dave Chisnall der nächste Corona-Fall. Auch der Engländer ist raus.

Schwache Krisenkommunikation

Die PDC steckt in einem selbst verschuldeten Dilemma. Mit relativ großzügigen Regeln und Schnell- statt PCR-Tests ging der auf Show und Inszenierung ausgerichtete Verband die WM an. Immer mit Verweis darauf, sich ja an alle Regeln der britischen Regierung zu halten. Das stimmt auch, die PDC hat nichts Unrechtmäßiges getan. Und doch hätte sie weitergehende Schutzmaßnahmen treffen sollen, wie das Corona-Chaos dieser Tage zeigt.

Die Kommunikation verläuft derzeit einsilbig und stets nach dem gleichen Muster: Spieler A hat Corona, Spieler B kommt somit weiter. Kein Wort zu weitergehenden oder zusätzlichen Schutzmaßnahmen. Stattdessen werden die übrigen Spiele extra laut gefeiert: Vieles ist "historisch" oder "episch" oder "fantastisch". Corona soll dagegen inmitten der schwachen Krisenkommunikation ein Randaspekt bleiben. Die PDC befindet sich im "Augen-zu-und-durch-Modus".

Im langjährigen Primus van Gerwen hat die für viele Außenstehende unbefriedigende Situation ein Gesicht bekommen. Denn tatsächlich gibt es schon seit Beginn der Titelkämpfe harsche Kritik an der Gesamtlage im Alexandra Palace, der trotz hoher Corona-Zahlen und der Verbreitung der neuen Variante Omikron voll ausgelastet werden darf. Während in Deutschland flächendeckend die Geisterspiele zurück sind, gibt es auf der Insel volles Haus - unter 3G-Zulassung (Geimpfte, Genesene und negativ Getestete), die laut "Welt" nicht einmal fachgerecht kontrolliert wird.

Selbsttests statt PCR

Der Kontrast ist krass. Während zwischen Weihnachten und Silvester ein Spieler nach dem anderen wegen positiver Corona-Tests ausfällt, geht es in der "Ally-Pally-Halle" einfach genauso weiter. Die Fans müssen zwar außerhalb des eigenen Platzes eine Maske tragen, daran halten tut sich im bierseligen Publikum aber viele nicht.

Für die Spieler gilt: kein Abklatschen mit Fans oder Gegner. In der Halle sollen sich die Spieler nur so kurz wie nötig aufhalten. Ansonsten sind die Regeln aber lax, gemäß der britischen Corona-Richtlinien. Eine sogenannte "Bubble" hat die PDC für die Akteure nicht veranlasst. Stattdessen können sie im Spielerhotel ein- und ausgehen, wann sie wollen. Regelmäßige Corona-Tests sind nicht notwendig, werden nur empfohlen. Eine zertifizierte Teststelle muss schon gar nicht angesteuert werden, Selbsttests reichen. Selbst, wenn Kontakt zu einem Infizierten bestand.

Van Gerwen spricht von "Corona-Bombe"

Michael van Gerwen kritisiert die PDC nach seinem positiven Test scharf. "Die PDC wird immer sagen, dass sie sich an die Regeln der Regierung gehalten hat, aber sie hätte mehr machen können. Die Kontrollen waren nicht stark genug. Es ist jetzt einfach eine große Corona-Bombe", äußerte sich der Weltranglistendritte gegenüber dem niederländischen Portal "AD Sportwereld".

Und "MvG" macht auf eine gravierende Sicherheitslücke aufmerksam. Theoretisch bieten Selbsttests ohne Beaufsichtigung die Möglichkeit zum Betrug, indem man einen negativen Test einer anderen Person als den Eigenen ausgibt. "Ich hätte alle täuschen können. Aber ich möchte mir selbst in den Spiegel schauen können. Corona tötet Menschen, also habe ich das nicht gemacht. Das ist meine moralische Pflicht", sagte van Gerwen. Die PDC hat sich zum genauen Testablauf auf Anfrage von ntv.de bis dato nicht geäußert.

Van Gerwen sagt, er sei rund um die WM "sehr vorsichtig gewesen". Schon im Vorfeld hatte er auf eine Reise zum Formel-1-Saisonfinale in Abu Dhabi verzichtet. "Ich war eingeladen, aber das war mir kurz vor dem Turnier zu heikel", erklärte "MvG" vor Turnierstart bei "Checkout - Der Darts-Podcast." Im Spielerhotel hätten van der Voort und er beispielsweise auch "den Frühstücksraum gemieden, weil wir es dort zu voll fanden", sagte er in niederländischen Medien. Das deckt sich mit Eindrücken, die ntv.de aus dem Umfeld weiterer Spieler erhalten hat.

Mindeststandards bloß nicht übertreffen

Dass die PDC-Verantwortlichen auf die Corona-Regeln der Regierung keine Verschärfungen aufgesattelt haben, ist aber nicht überraschend. Führende Köpfe im Dartsport gelten nicht unbedingt als Befürworter strenger Corona-Maßnahmen. Weltmeister Gerwyn Price etwa hatte im Sommer 2020 den Sinn von Masken infrage gestellt und sich lange einer Impfung verweigert.

Der ehemalige PDC-Chef Barry Hearn, der die Führung der Firma mittlerweile an Sohn Eddie übergeben hat, schrieb am 18. Dezember mit Bezug auf Omikron auf Twitter: "Und denken wir ernsthaft darüber nach, die Wirtschaft zu schließen und Millionen Menschen endlose Not zu bereiten?". Der 73-Jährige stellte fest, dass es Zeit sei, "mit dem Virus zu leben". Unterdessen hatte Londons Bürgermeister Sadiq Khan schon vor knapp zwei Wochen den Katastrophenfall ausgerufen, da der Anstieg der Omikron-Fälle in London "sehr besorgniserregend" sei.

Dieser sieht im "Ally Pally" so aus: Bis zu 3000 Darts-Fans grölen in einer kleinen Halle lautstark ihre Lieder, trinken viel Bier und veranstalten eine Party, wie sie vor der Corona-Pandemie normal und unbedenklich war. Und die PDC tut alles dafür, die Mindeststandards der britischen Regierung bloß nicht zu übertreffen.

Der Plan scheint folgender zu sein: Das Event bis 3. Januar mit aller Gewalt durchdrücken, weitere Ausfälle einfach ertragen und per Zweizeiler abmoderieren. Ex-Weltmeister Peter Wright sagte: "Wir sollen uns fernhalten von anderen Leuten und drin bleiben. Wenn ich eine Essenslieferung bekomme, wasche ich meine Hände und mache alles Mögliche, um das Virus nicht zu bekommen. Du willst nicht aus der WM fliegen deswegen. Niemand will das."

Dem amtierenden Titelträger und Weltranglistenersten Gerwyn Price ist die Lust unter diesen Umständen komplett vergangen. Eine WM-Unterbrechung ist für ihn kein Tabu mehr, schrieb der Waliser bei Instagram: "Es wäre nicht die beste Option, aber ich würde ihr nicht widersprechen."

Quelle: ntv.de

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