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Interview mit Stefan Kretzschmar "Die Leute finden diese WM unfassbar geil"

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Stefan Kretzschmar eckte unlängst mit einem Interview zum Thema Meinungsfreiheit an.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Vor der Handball-WM bezweifelten manche, dass es die DHB-Auswahl in die Hauptrunde schafft. Heute kann das Team offen vom Titelgewinn träumen. WM-Botschafter und Ex-Weltklasse-Spieler Stefan Kretzschmar spricht im Interview mit n-tv.de darüber, was das Turnier in Deutschland und Dänemark bisher ausgelöst hat - und wie er zu seinem umstrittenen Aussagen zur Meinungsfreiheit steht.

n-tv.de: Herr Kretzschmar, wie fällt Ihr Fazit nach der WM-Vorrunde aus? Berlin war ein guter Gastgeber, oder?

Stefan Kretzschmar: Berlin hat in der Vorrunde ein tadelloses Bild abgegeben. Es war eine grandiose Atmosphäre, die die Nationalmannschaft dort erleben durfte. Ein Riesenkompliment an die Organisation. Berlin war auch deshalb die richtige Wahl, weil es dramaturgisch klasse war, genau dort gegen eine vereinte koreanische Mannschaft das Eröffnungsspiel zu bestreiten. Und das Spiel gegen Weltmeister Frankreich hatte fast schon WM-Endspiel-Charakter. Ich gebe Berlin 99 von 100 Punkten. Der einzige Wermutstropfen war, dass die Besucher keine Fanartikel von der Nationalmannschaft kaufen konnten, weil IHF und DHB unterschiedliche Ausrüster haben. Da sollte man in Zukunft ein wenig professioneller sein.

Auch sportlich ist es bislang gut gelaufen.

Vor der WM hatten wir alle Bedenken wegen der Erinnerungen an die EM im Januar vergangenen Jahres. Es wurde viel über den Trainer diskutiert, es wurde über den Druck bei einer Heim-WM diskutiert. Das Team hat die Bewährungsprobe grandios gemeistert und lässt sich von der Atmosphäre beflügeln und nicht erdrücken. Sie ist von Spiel zu Spiel besser geworden und macht das, was wir uns erhofft hatten, aber nicht unbedingt erwarten konnten: Sie reißt mit ihrer Spielweise und ihrer Emotionalität die Menschen mit. Diese bodenständige deutsche Mannschaft fightet bis zum Umfallen, sie steht zusammen und geht verdient mit drei Punkten in die Hauptrunde.

Mannschaft und Trainer treten als Einheit auf. Was hat sich verändert?

Christian Prokop hat seine Kommunikation mit den Spielern verändert. Er spricht mit jedem. Ich hatte gestern Teamchef Oliver Roggisch in meinem Fantalk. Der bestätigte, dass Leute wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek oder Martin Strobel als Regisseur eng eingebunden werden. Die Entwicklung von Christian und die Art und Weise wie er nun coacht, gepaart mit dem Gefühl der Spieler, etwas gutmachen zu wollen, sind die Key-Facts, warum die DHB-Auswahl so überzeugt.

Prokop hat seinen Stil verändert, er hat seine Kommunikation verändert. Hat er sich selbst auch verändert?

Man darf nicht unterschätzen, wie sehr ihn die EM und die anschließende Kritik mitgenommen haben. Das kam ja fast einer Hetzjagd gleich, was da nach der EM passiert ist - vor allem im Social-Media-Bereich. Wenn du das mit 39 Jahren als jüngster Bundestrainer in der Geschichte über dich ergehen lassen musst, dann ist das hart. Er hat sich dennoch selbst in Frage gestellt und ist zu den richtigen und notwendigen Schlüssen gekommen, nachdem er sich professionell hat unterstützen und beraten lassen. Christian hat das vergangene dreiviertel Jahr - auch wenn ihm sicherlich einiges widersprach - auf eine unfassbare Art bewältigt. Jetzt bewegt er sich durch dieses Turnier mit einer Lockerheit, mit Selbstvertrauen und mit einer guten Ansprache, das freut mich.

Spätestens seit dem Frankreich-Spiel ahnt man, was diese Mannschaft erreichen kann. War das möglicherweise die Initialzündung?

Das Frankreich-Spiel dürfte viele Zweifel beseitigt haben. Es war der Beweis, dass wir in der Weltspitze mitspielen können. Unsere Jungs haben gesehen: Selbst die beste Mannschaft der Welt ist schlagbar. Das zu spüren ist für das Selbstvertrauen und für das Selbstverständnis enorm wichtig. Das gibt Auftrieb und macht Mut, den ganz großen Traum zu träumen.

Schon verrückt, dass man vor eineinhalb Wochen bangte, ob dieses Team überhaupt zur Hauptrunde nach Köln reist, heute aber als Favorit in das erste Spiel gegen Island geht.

Wir sind Favorit heute, ja. Island ist der vermeintlich schwächste Gegner in der Hauptrunde. Die haben eine unangenehme Mannschaft mit einem verrückten Torhüter und einer harten, kompromisslosen Abwehr. Aber wenn wir das Ziel Halbfinale haben - und das formuliert die Mannschaft mittlerweile offensiv und in meinen Augen auch realistisch - müssen wir diesen Gegner schlagen. Kroatien und Spanien sind dann nochmal andere Kaliber.

Mindestens ebenso wichtig wie die Halbfinalteilnahme ist es, dass man mit dieser WM in Sachen Handball Dinge bewegt.

Da ist die Mannschaft gerade auf einem sehr guten Weg. Ein Beispiel: Mein Chef bei Sky schickte mir vor wenigen Tagen eine WhatsApp, dass sein Sohn nun mit Handball anfangen möchte. Finde ich super. Ich bekomme unglaublich viele Nachrichten von Leuten, die nichts mit Handball zu tun haben, die aber diese WM unfassbar geil finden und mit dem Team mitfiebern. Aber auch im Großen ist das zu spüren. Schauen Sie sich die Einschaltquoten in der Vorrunde an. Zwölf Millionen Zuschauer in der Spitze, das ist gigantisch. Und das alles geht in erster Linie von der Mannschaft aus.

Haben Sie als WM-Botschafter überhaupt schon die Zeit gehabt, das alles sacken zu lassen?

Nee, das wird auch bis zum Ende der WM nicht geschehen. Wir alle, die im Handball unterwegs sind, werden im Dauereinsatz sein, um möglichst viel für den Handball zu schaffen. Die Aufmerksamkeit ist so groß, dass wir das nun nutzen müssen, um nachhaltig für unseren Sport etwas zu bewegen.

Wie groß die Aufmerksamkeit gegenwärtig ist, mussten Sie leidvoll erfahren, als Sie sich zum Thema Meinungsfreiheit äußerten.

Danach ist doch genau das eingetreten, was ich zuvor gesagt hatte. Das war der beste Beweis, dass ich Recht habe. Ich muss mich aber auch nicht rechtfertigen, denn zu dem, was ich da gesagt habe, kann ich auch heute noch zu 100 Prozent stehen.

Zurück zum Sport: Was passiert, wenn Deutschland Weltmeister wird?

Ich werde wahrscheinlich erst einmal umfallen. Keine Ahnung, wer mich dann wieder zur Besinnung bringt. Wahrscheinlich meine Frau. Wichtig ist, dass wir auf den absoluten Erfolgsfall vorbereitet sein werden und unsere Sportart auf ein Niveau heben, wo sie hingehört.

DHB-Vize Bob Hanning sagt, der Verband sei darauf vorbereitet. Stimmen Sie zu?

100 Prozent. Aber es passiert ja auch in anderen Bereichen viel. Wir haben in unserem Fan-Talk einen Influencer, der 1,2 Millionen Follower bei Facebook und 400.000 bei Instagram hat. Von Handball hat der keine Ahnung. Der kam zum ersten Spiel, schaute sich das an, und seitdem dreht der auf der Tribüne regelmäßig durch. Der bringt uns zu einem Publikum, bei dem wir zuvor nicht präsent waren. Oder Kurt Kroemer, der mir gestern sagte: "Kretzsche, das ist doch schon grotesk. Du bist in der 'Zeit', und ich bin in der 'Sportschau'. Da stimmt doch was nicht." Uns gelingt es gegenwärtig, über den Handball-Tellerrand hinausschauen zu können. Das ist sehr professionell und sollte uns garantieren, dass wir eine Nachhaltigkeit erzeugen können.

Mit Stefan Kretzschmar sprach Arnulf Beckmann

Quelle: n-tv.de

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