Formel1

Teamchef Binotto in der Kritik Das Gesicht der Ferrari-Krise

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Binotto kündigte an, vor dem zweiten Österreich-Rennen, er wolle "jeden Stein umdrehen", um die Ursachen für Ferraris Schwäche zu finden.

(Foto: imago images/HochZwei)

Beim Formel-1-Auftakt in Österreich enttäuscht Ferrari. Charles Leclerc fährt zwar aufs Podium, aber Sebastian Vettel weit hinterher. Statt um die Weltmeisterschaft geht es für Teamchef Mattia Binotto schon nach dem ersten Rennen darum, die Saison noch irgendwie zu retten.

Wegen der markanten runden Brille hatte Mattia Binotto in erfolgreicheren Tagen schnell seinen Spitznamen weg. "Der Harry Potter der Formel 1" sei er, schrieben nicht nur zahlreiche Boulevardblätter. Doch mit der Magie ist es beim Ferrari-Teamchef nicht weit her.

"Wir setzen alles daran, das Auto so schnell wie möglich nach vorne zu bringen, obwohl wir wissen, dass kein Paket ein Zauberstab sein kann", sagte der 50-Jährige am Sonntag nach dem insgesamt unbefriedigenden Auftritt der Roten beim Auftaktrennen in Österreich. Beim Blick in die Ergebnislisten mag man in einigen Jahren zwar sagen: Platz zwei für Charles Leclerc noch vor Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes, das war doch ganz gut. Doch dieses mit einigem Dusel zustande gekommene Resultat spiegelt bei Weitem nicht die Kräfteverhältnisse auf der Strecke wider. "Unter normalen Umständen sind die Plätze fünf bis sieben gerade das, was für uns drin ist. Wir haben jede Menge Arbeit", stellte der zweite Ferrari-Pilot Sebastian Vettel, selbst nur Zehnter, zutreffend fest. Die Gegner heißen derzeit nicht Mercedes und Red Bull, sondern McLaren und Racing Point.

"Wir haben gesehen, dass ein paar Zehntel einen großen Unterschied in der Reihenfolge ausmachen können, also dürfen wir nichts unversucht lassen", warf Binotto ein, der in der Krise eine zunehmend unglückliche Figur macht.

Binotto gewann den Machtkampf

Als Technikchef der Scuderia galt der in Lausanne geborene Ingenieur lange als strategisch denkender Gegenpol zum hochemotionalen Teamchef Maurizio Arrivabene. Vor der vergangenen Saison gewann Binotto den internen Machtkampf und stieg zum Boss auf. Anfangs lief es gut, Binotto moderierte die brisante Fahrerpaarung mit Platzhirsch Vettel und Ehrgeizling Leclerc ordentlich. Der Motor hinterließ wegen der unglaublichen Beschleunigung offene Münder. Im Spätsommer 2019 gewann Ferrari nacheinander in Spa, Monza und Singapur.

Die Konkurrenz geriet in Sorge und bat den Weltverband Fia um eine Klarstellung der Regularien beim Benzindurchlauf - letztlich ein höflicher Ausdruck dafür, dass jemand Betrug wittert. Tatsächlich wurde Ferrari dessen offiziell nicht schuldig, allerdings brachte die Fia im November eine Direktive heraus, in deren Folge die Power Unit der Scuderia mit einem Mal an Stärke verlor.

Binotto begründet dies gebetsmühlenartig mit einem Kompromiss, man habe Motorleistung auf der Geraden für mehr Geschwindigkeit in den Kurven geopfert. Doch näher an Branchenprimus Mercedes herangerückt ist Ferrari seitdem nicht. Im Gegenteil. Binotto, die Tifosi und auch die italienische Presse mussten sich in Spielberg schon bei der Glücksgöttin und bei Leclerc bedanken, dass die Saison zumindest vom Ergebnis nicht mit einer Katastrophe begann.

Ferrari setzt auf Leclerc

"Charles hat gekämpft wie ein Löwe", lobte Binotto seine neue Nummer eins. Der "Corriere dello Sport" schrieb: "Ferrari klammert sich an Leclerc mit Händen und Füßen. Maranello setzt auf den richtigen Piloten, doch ob das Talent des Monegassen reichen wird, um die Mängel des Autos zu kompensieren, ist eine offene Frage." Auf große Unterstützung durch Vettel scheint Binotto spätestens seit der recht stillosen Kommunikation der Trennung vom Deutschen zum Saisonende nicht mehr zu setzen. "Immerhin ist es Sebastian gelungen, wieder in die Punkte zu fahren, aber er hatte mehr als sein Teamkollege mit der Balance des Autos zu kämpfen", sagte Binotto.

Rechtzeitig "vor dem nächsten Rennwochenende wolle er nun "jeden Stein umdrehen und herausfinden, woran das liegt", so der 50-Jährige. Das zweite Rennen steigt ebenfalls auf dem Red-Bull-Ring (Sonntag, 15.10 Uhr/RTL, Sky und im Liveticker bei ntv.de). Und damit besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Auch Binotto kann nicht zaubern.

Quelle: ntv.de, Raphalle Peltier und Marco Heibel, sid