Formel1

Täglich "den Arsch aufgerissen" Gaslys Abrechnung mit Red Bull

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Sensationell gewann Pierre Gasly den Monza-Grand-Prix 2020.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Pierre Gasly bekommt 2019 in der Formel 1 eine seltene Möglichkeit: Kurze Zeit nach dem Debüt darf er sein Können in einem Top-Team unter Beweis stellen. Doch die Chance entpuppt sich als Albtraum und erst nach seiner Degradierung zeigt er, was er kann.

So ziemlich alles in der Formel 1 ist eine Frage des Geldes. So steht auch aktuell der Bolide von Toro Rosso, dem inzwischen in Alpha Tauri umbenannten Juniorteam von Red Bull, aus der Saison 2019 zum Verkauf. An sich ist das keine große Sache, ständig werden alte F1-Autos aus irgendwelchen Sammlungen für absurde Summen verscherbelt. Aber der metallic-blaue Toro Rosso STR14 mit seinen roten Streifen ist ein spezielles Auto, denn er erzählt eine besondere Geschichte.

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Gasly und Albon fuhren diesen STR14.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Er war zwar nur eine Saison im Einsatz, wurde aber von gleich zwei Fahrern gesteuert. Die ersten zwölf Rennen saß Alexander Albon hinter dem Lenkrad, damals F1-Debütant. Er bekam den Sitz kurzfristig, weil sich für seinen Vorgänger ein großer Traum erfüllt hatte. Die 2019er-Saison begann Pierre Gasly bei Red Bull. Für den Franzosen bot sich mit der Beförderung die Chance, von der er immer geträumt hatte: In dem Rennstall, mit dem Sebastian Vettel von 2010 bis 2013 auf fast schon unsympathische Weise die Königsklasse des Motorsports dominiert hat, selbst mindestens um Rennsiege mitzufahren. Doch nach knapp sechs Monaten fand er sich degradiert im STR14 wieder, zurückgestuft ins Juniorteam.

Eine emotionale Abrechnung

Denn der Ausflug zu Red Bull entpuppte sich als Albtraum. Erst vor wenigen Tagen rechnete Gasly mit einem Artikel für die "Players' Tribune" knallhart mit seiner Zeit dort ab. "Niemand setzte sich für mich ein", warf er dem Team vor. "Ich habe mir jeden Tag den Arsch aufgerissen", sagte er, "aber bekam nicht das Werkzeug, um erfolgreich zu sein". Red Bull war rigoros darauf fixiert, Max Verstappen zum jüngsten F1-Weltmeister der Geschichte zu machen, mittlerweile ist er aber älter als Vettel bei seinem ersten Titel. Dessen Teampartner spielt meist überhaupt keine Rolle. Auch 2020 erfuhr der schwächelnde Albon wenig Rückendeckung bei teils drastischen Schlagzeilen. Ähnlich, wie Gasly es schon ein Jahr zuvor erging.

Schon bei seinen ersten Testrunden vor der Saison zerlegte Gasly den RB15 gleich zweimal. Beim zweiten Rennen in Bahrain kam er als Achter fast eine Minute nach Teamkollege Verstappen ins Ziel. Von da an fraß ihn die Presse auf, wie er sich nun anderthalb Jahre später zurückerinnert. Das Auto sei nicht perfekt gewesen, vielleicht auch deshalb konnte er seinem Teamkollegen Verstappen nie das Wasser reichen. Seine beste Leistung lieferte Gasly in Großbritannien ab. Mit Platz vier verpasste er in Silverstone knapp das Podium. Doch es blieb das vorerst letzte Erfolgserlebnis.

Während des Sommerurlaubs 2019 endete die Zeit bei Red Bull. Ein kurzer Anruf von Teamberater Dr. Helmut Marko und der unliebsame Zweitfahrer musste seinen Traum beenden. Gasly sollte schon beim Großen Preis von Belgien im Tausch für Albon wieder im Juniorteam Toro Rosso fahren, im nun zum Verkauf stehenden STR14. In seinem sportlichen Tal konnte ihn fürs Erste nur eine Textnachricht wieder aufrichten, schreibt der Franzose. Sein langjähriger Freund Anthoine Hubert sprach ihm Mut zu, als er von der Degradierung Gaslys erfuhr: "Zeig ihnen, dass sie falsch liegen."

Der tragische 31. August 2019

Hubert und Gasly gehörten zusammen mit Esteban Ocon und Charles Leclerc zu einer Gruppe Motorsport-Talente aus Frankreich, die den großen Traum von der Formel 1 hegten. Gemeinsam kletterten sie durch die Nachwuchsserien. Bis auf einen haben sie es alle in die Königsklasse geschafft. Leclerc unterschrieb im vergangenen Jahr einen Langzeitvertrag bei Ferrari, Ocon geht in dieser Saison an der Seite von Fernando Alonso bei Alpine auf Punktejagd. Auch Hubert war auf dem besten Weg nach ganz oben.

Doch ihn ereilte ein tragisches Schicksal. Nachdem der degradierte Gasly in Belgien sein erstes Qualifying im STR14 absolviert hatte, beobachtete er noch den Start der Formel 2. In der zweiten Runde, kurz hinter der legendären und anspruchsvollen Eau Rouge, gab es damals einen furchtbaren Unfall. Der 22-jährige Hubert überlebte den Horror-Crash nicht und verstarb noch am 31. August 2019.

An diesem Tag, schreibt Gasly, habe ein neues Leben für ihn begonnen. Die Degradierung von Red Bull, der Tod seines langjährigen Freundes: Beide Ereignisse führten dazu, dass er reifer und entschlossener wurde. Er wollte allen beweisen, dass sie falsch lagen. Er wandelte seine Trauer in Hingabe um, wie er es beschreibt.

Den Weltmeister im unterlegenden Auto geschlagen

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Und plötzlich begann er, wieder Ergebnisse zu liefern: In den verbleibenden neun Rennen holte er in Brasilien sein erstes Podium in der Formel 1. In dem unterlegenen STR14 bezwang er Weltmeister Lewis Hamilton damals in einem bemerkenswerten Schlusssprint. Die Konstanz, die vorher bei Red Bull fehlte, ist das, was ihn inzwischen auszeichnet. 2020 holt er mehr als doppelt so viele Punkte (75) wie sein Teamkollege Daniil Kvyat (32). Seine wiedergewonnene Stärke wird beim Rennen in Monza belohnt. Dort qualifiziert er sich als Zehnter. Während andere ausfallen (Leclerc, Vettel und Verstappen) oder Fehler machten (Hamilton wurde für unerlaubten Stopp bestraft), ist Gasly da, sieht seine Chance - und holt sensationell seinen ersten Grand-Prix-Sieg, nachdem zuvor 146-mal in Folge Mercedes, Red Bull oder Ferrari als Erste ins Ziel gefahren waren.

Nun, die Chance in der kommenden Saison mit Alpha Tauri, dem Nachfolgeteam von Toro Rosso, um Rennsiege zu fahren, ist äußerst gering - auch wenn Gasly inzwischen deutlich routinierter ist. Der Franzose bleibt dennoch optimistisch. Sein neuer Dienstwagen sei im Vergleich weiter als der aus dem Vorjahr. Der Fokus liegt auf der neuen Saison. Das turbulente erste Kapitel seiner F1-Karriere habe er mit der emotionalen Abrechnung abgeschlossen. Ob der AT02 in 2021 eine ähnlich besondere Geschichte wie der STR14 schreiben kann? Das wird sich noch zeigen.

Quelle: ntv.de

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