Fußball-EM

Qualität statt Wunder Hummels und Müller vertreiben die Magie

Thomas Müller und Mats Hummels werden von den deutschen Fußballfans lange zurückgesehnt. Nun, da der Ernstfall eingetreten ist, ist klar: Die Rückholaktion war natürlich alternativlos. Wunder darf man jedoch nicht erwarten.

Am Ende provozierte die große Nachricht kaum noch mehr als ein zufriedenes Nicken unter allen, die sich für das Schicksal der deutschen Fußball-Nationalmannschaft interessieren: Ja, die Rio-Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels sind bei der Europameisterschaft Teil des DFB-Teams. Zu offensichtlich wurde die Rückkehr der beiden einst Aussortierten zuvor anmoderiert. Aber die Erwartungen an die beiden, sie sind gewaltig. Fast schien es bisweilen, als würde die bloße Nominierung der Spieler alle Probleme lösen, die das DFB-Ensemble seit der desaströsen WM 2018 angehäuft hatte. Gegen Frankreich, zum EM-Auftakt, blieb der erhoffte Effekt aus.

Aus der Verbannung direkt zum Heilsbringer aufzusteigen, das ist vor allem in der Mythologie möglich, populär ist die Idee auch in der Religion. Im Sport sind solcherlei Karrieren immer gern gesehen, meistens ist es aber eher schwierig. Und so musste die Realität auch in die Welt der deutschen Fußball-Fans reinkicken, die bei der Präsentation der Mannschaftsaufstellung die Namen "Hummels" und "Müller" besonders laut brüllten. Ja, Thomas Müller und Mats Hummels machen die Mannschaft besser, sie werden ihr bei diesem Turnier und vielleicht darüber hinaus helfen. Nein, es wird keine wundersame Märchengeschichte geben.

Keine Wunder, aber Qualität

"Die Niederlage schmerzt uns sehr und mich besonders, weil mein Eigentor das Spiel am Ende entschieden hat", schrieb der Innenverteidiger von Borussia Dortmund in der Nacht in einem Beitrag auf Instagram. "Wir haben alles reingeworfen und einen tollen Kampf geliefert. Dass wir spielerisch noch Luft nach oben haben, wissen wir natürlich auch. Aber man hat gesehen, dass wir uns zerreißen wollen bei diesem Turnier, dass wir Euch wieder begeistern und erfolgreich sein wollen." Löw habe ihm "gesagt, dass ich dem Team noch einiges geben kann", erzählte Hummels vor dem Spiel.

"Wir haben gesagt, dass wir alles nochmals auf den Kopf stellen, jeden Stein umdrehen, um die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen und alles dem Erfolg unterzuordnen", hatte Löw bei der virtuellen Kadervorstellung im Mai verkündet. "Einen Umbruch komplett abzubrechen, macht keinen Sinn. Aber man kann ihn mal unterbrechen", betonte er. "Uns haben in einigen Spielen Stabilität und Erfahrung gefehlt. Müller und Hummels haben eine sehr starke Saison gespielt, sie können führen."

Der Dortmunder lieferte mit seiner spielentscheidend missglückten Abwehraktion in der 20. Minute zwar eine klassische "Ausgerechnet"-Geschichte, zeigte den Rest des "brutal intensiven Spiels" aber als Organisator einer defensiven Dreierreihe Klasse. Und natürlich eine Heldengrätsche gegen den grotesk einfach enteilten Kylian Mbappé, die fast alles wieder vergessen machte, nur das Ergebnis nicht.

Dennoch lieferte Hummels, was man erwarten durfte, wenn auch noch nicht das, was sich Fußball-Deutschland erträumt hatte - vielleicht auch in Erinnerung an den Sommer 2014, WM-Viertelfinale gegen Frankreich, Hereingabe, Kopfball Hummels, Tor, Freudentaumel auf dem Weg in die Geschichtsbücher. Die Gegenwart, sie ist mehr Arbeit und Handwerk als Wunder.

Thomas Müller hat ab der ersten Trainingseinheit nach seiner Rückkehr in den Schoß der DFB-Familie Gutes bewirkt, dem Rio-Helden wird maßgeblich die Lockerheit und die gute Atmosphäre zugeschrieben, die die Nationalmannschaft durch die unmittelbare Vorbereitung auf die EM begleitete. Der Allesgewinner des FC Bayern lieferte das, was sich alle von ihm erhofften: Gute Laune, eine neue Kommunikationsqualität im eher schweigsamen Ensemble und viel Überzeugung, die Selbstverständlichkeit des bedingungslosen Maximalanspruchs.

Auf dem Platz hatte man sich vom Rio-Helden vor allem mehr Durchschlagskraft in der Offensive versprochen, eine größere Effizienz im Abschluss. Das DFB-Team kreierte lange zu wenige Chancen und die nutzte es dann zu selten. Müller, so die Überzeugung am Ende auch bei Löw, kann Chancen kreieren und nutzen. Gegen Frankreich gelang dem 32-Jährigen indes weder das eine, noch das andere. Müller ging ausdauernd seiner Kernkompetenz, dem Auftun von Räumen, die keiner außer ihm gefährlich zu bespielen versteht, nach. Indes: Er fand sie diesmal nicht. Zu präsent waren die brillanten Organisatoren der französischen Defensive, vor allem der bärenstarke Paul Pogba und der immer starke Abräumer N`Golo Kanté.

Der "Müller-Moment" blieb aus

So rieb sich Müller auf und machte aus einer guten Flanke von Robin Gosens kurz nach dem Führungstreffer der Franzosen bemerkenswert wenig: Sein unbedrängter Kopfball kam nicht mal aufs Tor. Es sind ja genau diese Szenen, in denen Müller den Unterschied machen soll. Den Unterschied zur Vor-Müller-Zeit. Aber es blieb diesmal noch alles beim Alten. Auch deshalb ging ein Spiel verloren, in dem die deutsche Mannschaft nicht schlecht war und einen hochkarätigen Gegner leidenschaftlich und zumeist konzentriert bespielte. "Wir hatten auch die zwei großen Chancen, die du gegen Frankreich nur bekommst", analysierte Flankengeber Gosens hernach. "Die haben wir nicht gemacht. Das ist dann eben sauärgerlich." Der große Müller-Moment, er blieb aus, als es zum ersten Mal wirklich darauf ankam. Aber es warten noch Gelegenheiten von höchster Dringlichkeit.

Nun steigt der Stresspegel natürlich. "Wenn du das erste Spiel verlierst und hast nur drei Gruppenspiele, ist der Druck groß", sprach der starke Toni Kroos das Offensichtliche aus. Mindestens ein Sieg muss her, sonst endet die Ära Löw im Desaster. Der Bundestrainer hatte für sein letztes Turnier das Visionäre gegen den Pragmatismus getauscht, auch deshalb und für genau diese Situationen sind Müller und Hummels jetzt wieder dabei. Erfahrung und Mentalität, Siegermentalität braucht es in den Duellen, da dürfte sich Fußball-Deutschland einig sein.

Und die will auch Löw, er braucht sie. Das Vertrauen in seine "Generation Umbruch" ist ihm auf dem Weg zu diesem Turnier verloren gegangen, gegen Frankreich ging ein großes Spiel, eins in dem es um mehr als um drei wichtige Punkte ging, sondern auch um den Glauben, vielleicht sogar um den Start eines Laufs, auch noch verloren. Ein Wunder wird in diesem Turnier nicht geschehen, aus dem Patienten DFB-Team wurde nicht durch bloßes Handauflegen ein Überflieger. Die Magie des Comebacks ist schon verflogen. Geblieben aber ist die Gewissheit, dass es die Qualität der Mannschaft gesteigert hat. Der Bundestrainer habe ihn am Telefon vor einigen Wochen gefragt, sagte Hummels, ob "ich noch einmal bereit sei, all-in zu gehen". Jetzt ist es so weit.

Quelle: ntv.de

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