Fußball-EM

EM-Auftaktpleite im Schnellcheck Dafür ist die DFB-Auswahl nicht gut genug

Frankreich lässt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über weite Strecken die Spielkontrolle. Zumindest dort, wo es nicht gefährlich wird. Die DFB-Elf zeigt zum EM-Auftakt eine ordentliche Leistung, es fehlt aber an den entscheidenden Momenten.

Was ist im Stadion in München passiert?

Die Aufstellung bei der 7:1-Generalprobe gegen Lettland war laut Bundestrainer Joachim Löw "nicht der Fingerzeig für das Spiel gegen Frankreich". Und doch stellt er zum Start in seine vierte und letzte Europameisterschaft eben diese Elf wieder auf. Mit Joshua Kimmich als rechtem Außenläufer (das klingt so schön nach 50er-Jahre-Fußball), weil er da weniger leicht zu ersetzen ist als im zentralen Mittelfeld. Da setzt Löw auf Toni Kroos und İlkay Gündoğan, die zwar nicht die Zerstörer-Qualität von Kimmich besitzen, aber mindestens ebenso viel Spielintelligenz.

Den ersten Schreckmoment in der Arena in Fröttmaning gibt es unmittelbar vor dem Anpfiff, als ein anscheinend protestierender Motorgleitschirmspringer mit schwerem Gerät auf dem Rücken auf dem Rasen landet. Was ungefährlich klingt, hätte auch ganz böse ausgehen können. Denn der Landeanflug ist nicht kontrolliert, endet fast in der Aufhängung der über dem Spielfeld frei beweglichen Spider-Cam und dann glücklicherweise nicht inmitten der Zuschauer:innen. Das Protestmotiv mag edel sein, die Art des Protests von Greenpeace ist Menschenleben gefährdend.

Als die Partie der Gruppe F dann läuft, zeigt Kimmich gleich auf der rechten Bahn seine Zerstörer-Qualität, gewinnt in der Frühphase einen Ball nach dem anderen. "Der Jo ist vergleichbar mit Philipp Lahm, völlig problemlos auf unterschiedlichen Positionen, gleiche Leistung, gleiche Qualität", hatte Löw den 26-Jährigen am Vortag auf eine Stufe mit dem bislang letzten deutschen Weltmeister-Kapitän gehoben. Ein Auftrag an Kimmich, diesem Vergleich gerecht zu werden.

So ist's im Stadion

14.000 Zuschauer, so viele Menschen waren seit dem 8. März 2020 nicht mehr für ein Fußballspiel in einem deutschen Stadion. Damals sahen exakt 21.049 Zuschauer ein gruseliges 1:1 zwischen Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf. Danach beendete die Coronavirus-Pandemie das Stadionerlebnis, wie Fans und Spieler es lieben. Bis heute. Ein bisschen ist es nun zurück, zumindest für die drei EM-Spiele in München. Auch, wenn Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft angesichts arg begrenzten Liedguts nicht mehr zu Hochämtern der Supportkunst werden. Das Spiel ist der Vorgeschmack auf und die Erinnerung an die pure Schönheit eines großen Spiels vor vollen Rängen.

2015458551e947da2f2916e2d44304c2.jpg

25 Prozent der Plätze in München waren belegt.

(Foto: AP)

Dass hier heute 14.000 Zuschauer ins Stadion durften, ist ein Zugeständnis an den Fußball und eine Zumutung für zahlreiche andere Branchen. Die Maskenpflicht, unter der dieser zum Pilotprojekt hochgewidmete Blindflug durch die Endphase der Pandemie nur stattfinden kann, wurde quer durch alle Bereiche des Stadions, von Kurve bis Ehrenplätze, von Umlauf bis Pressetribüne als freiwilliges Zugeständnis interpretiert. Wie schön es wäre, wenn bald nicht mehr darüber gesprochen werden müsste an einem schönen, bedeutsamen Fußballabend.

Teams und Tore

Frankreich: Lloris/Tottenham (34 Jahre/126 Länderspiele) - Pavard/FC Bayern (25/36), Varane/Real Madrid (28/76), Kimpembe/Paris St. Germain (25/18), Hernandez/FC Bayern (25/27) - Pogba/Manchester United (28/81), Kante/Chelsea (30/47), Rabiot/Juventus Turin (26/16) ab 90.+4 Dembélé/FC Barcelona (24/25) - Benzema/Real Madrid (33/84) ab 88. Tolisso/FC Bayern (26/26), Griezmann/FC Barcelona (30/92), Mbappé/Paris St. Germain (22/45); Trainer: Deschamps
Deutschland: Neuer/FC Bayern (35/101) - Ginter/Mönchengladbach (27/41) ab 87. Can/Dortmund (27/35), Hummels/Dortmund (32/73), Rüdiger/Chelsea (28/42) - Kimmich/FC Bayern (26/56), Gündoğan/Manchester City (30/47), Kroos/Real Madrid (31/103), Gosens/Bergamo (26/8) ab 88. Volland/Monaco (28/11) - Havertz/Chelsea (22/15) ab 74. Sane/FC Bayern (25/31), Müller/FC Bayern (31/103), Gnabry/FC Bayern (25/23) ab 74. Werner/Chelsea (25/40); Trainer: Löw
Schiedsrichter: Carlos del Cerro Grande (Spanien)
Tor: 1:0 Hummels (20., Eigentor)
Zuschauer: 14.000
Gelbe Karte: Kimmich

Der Spielfilm

20. Minute, TOOOOR FÜR FRANKREICH: Bei der WM 2014 köpfte Mats Hummels die DFB-Elf gegen Frankreich ins Halbfinale, bei der EM 2021 trifft wieder - diesmal aber für Frankreich. Herausragender Chippass von Paul Pogba hinter die deutsche Abwehr, von links bringt Lucas Hernández den Ball in die Mitte. Da steht Mbappé, aber Hummels ist vor ihm zur Stelle. Leider so mit dem Schienbein, dass die Equipe Tricolore zum Jubeln abdreht. Erstes Turnier-Eigentor übrigens seit 1978, damals traf Berti Vogts zum zwischenzeitlichen 1:1 beim 2:3 gegen Österreich, der "Schmach von Cordoba".

38. Minute: Die bisher beste Chance für die Heimmannschaft. Robin Gosens flankt von links, Serge Gnabry leitet weiter und plötzlich steht Gündoğan völlig frei am Fünfmeterraum. Scheint davon jedoch so überrascht, dass er rechts am Tor vorbeischiebt. Hätte schon der Ausgleich sein dürfen.

45. Minute: Das sieht ... sehr merkwürdig aus. Antonio Rüdiger steht hinter Paul Pogba. Plötzlich schreit Pogba auf. Und in der Wiederholung wirkt es, als versuche Rüdiger, Pogba in den Rücken zu beißen. Ja doch, wirklich.

957bb1e1b09e96afbc49600d4426167b.jpg

Was war das zwischen Rüdiger und Pogba?

(Foto: Pool via REUTERS)

Halbzeit: In der Anfangsviertelstunde ist die Mannschaft von Joachim Löw überlegen, dann wird Frankreich stärker und geht umgehend in Führung. Die Ansätze im Spielaufbau sind da, leider bleibt es bei Ansätzen und Aufbau. Auch der Weltmeister dominiert das Spiel nicht, hat aber eben den einen, bisher entscheidenden, Fehler erzwungen.

54. Minute: Das muss der Ausgleich sein. Wieder flankt Gosens von links, Gnabry mit Platz und dem Abschluss. Doch sein Aufsetzer fällt erst wieder runter, nachdem er die Torlatte überquert hat.

59. Minute: Wahnsinn, dass Benjamin Pavard weiterspielt. Denn die Szene sieht richtig böse aus. Gosens versucht am Fünfmetereck, in eine Flanke zu springen, trifft dabei aber Pavard mit dem Knie am Kopf. Der Franzose geht sofort zu Boden und scheint sich erst nicht zu regen. Muss dann behandelt und durchgecheckt werden. Und spielt dann eben weiter. Höchst fragwürdig, wie locker der Fußball immer noch mit solchen Kopftreffern umgeht.

66. Minute, doch kein Tor für Frankreich: Mbappé tanzt im Strafraum die deutsche Abwehr aus dem Gleichgewicht, schlenzt dann von halblinks an den rechten Pfosten, der Ball springt ins Netz. Ein Weltklasse-Tor, dem jedoch aufgrund einer Abseitsposition die Anerkennung verweigert wird.

78. Minute: Weltklasse auf beiden Seiten. Erst Mbappé, der Hummels übersprintet und scheinbar frei vor Neuer steht. Bis Hummels eine Weltgrätsche auspackt und dem französischen Stürmer den Ball vom Fuß nimmt. Herausragender Angriff, noch bessere Verteidigung. Und nach der Zeitlupe: Klassischer "Muss nicht, kann aber"-Elfmeter.

945a50ea01459c59326e81fe1a7e85e0.jpg

Kein Tor.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

85. Minute, wieder kein Tor für Frankreich: Mbappé zu schnell für die deutsche Defensive, aber auch fürs Zuspiel von Pogba. Ein paar Zentimeter steht der Stürmer zu weit vorne, weshalb sein Lauf in den Strafraum, sein Querpass auf Karim Benzema und dessen Tor nicht die Entscheidung bringen, sondern einen indirekten Freistoß für die DFB-Elf.

90+9. Minute: Abpfiff.

Unseren ausführlichen Spielbericht gibt's hier.

Der taktische Blick von Constantin Eckner

Für die erste Partie bei dieser Europameisterschaft setzte Bundestrainer Joachim Löw auf das taktische System, das schon in der Vorbereitung zum Einsatz kam. Die Deutschen spielten also in einem 3-4-3, mit dem sie gerade im Spielfeldzentrum die Franzosen unter Kontrolle halten wollten. Toni Kroos und İlkay Gündoğan lieferten im Mittelfeld auch eine vor allem defensiv sehr solide Partie ab und erfüllten den Matchplan Löws. Der Nachteil des taktischen Systems war allerdings die mangelnde Präsenz auf den Flügeln. Dort waren Robin Gosens links und Joshua Kimmich rechts teilweise auf sich gestellt und wurden mehrfach von Frankreichs Außenverteidigern überrumpelt.

Eine weitere taktische Entscheidung des Bundestrainers, die sich als nachteilig entpuppte, betraf die Rolle von Matthias Ginter. Der Halbverteidiger orientierte sich stark am französischen Superstürmer Kylian Mbappé. Aufgrund dieser Manndeckung wurde er vom umtriebigen Franzosen mehrfach aus der Abwehr herausgezogen - so auch im Vorlauf des Siegtreffers von Frankreich in der 20. Minute.

Positiv hervorzuheben bleibt die Spielkontrolle, die Deutschland in einigen Phasen der Partie entwickeln konnte. Der Ball lief dann sicher durch die Reihen und Spielgestalter wie Mats Hummels und Toni Kroos konnten entsprechend Akzente setzen. Das genügte vielleicht nicht gegen den amtierenden Weltmeister, kann aber mit Blick auf die nächsten Partien Hoffnung machen.

Was fehlte dem deutschen Spiel?

Präsenz im offensiven Zentrum. Das gehörte voll und ganz N'Golo Kanté, Paul Pogba und Adrien Rabiot, deutsche Ballkontakte in der so oft so entscheidenden Zone vor dem gegnerischen Strafraum fehlten fast vollständig. Thomas Müller, dort sonst gerne präsent mit Steckpässen und Ablagen, fand dort keine bespielbaren Räume. Beim FC Bayern hat er dort außerdem Robert Lewandowski an seiner Seite, der neben seiner Extraklasse im Abschluss auch als Anspielstation funktioniert und Bälle festmacht, wie es im Fußballjargon so schön heißt.

aa3f759d637b784c94062d51615576a9.jpg

Spät eingewechselt: Kevin Volland.

(Foto: dpa)

Diese Anspielstation aber fehlt dem DFB-Team, nicht nur in der Startelf, sondern vielleicht sogar im Kader insgesamt. Kevin Volland kam (zu) spät ins Spiel, um andeuten zu können, ob ihm diese Rolle liegt. Nach bisherigen Erkenntnissen aber fehlt der deutschen Nationalmannschaft ein Zielspieler im Zentrum. Gerade gegen tiefstehende Mannschaften wie Frankreich, die die DFB-Elf zum Spiel über die Flügel und zu wenig erfolgsversprechenden Flanken zu drängen versuchen.

Wie war der Schiedsrichter?

Die mit Abstand schwächste Leistung eines Unparteiischen bei dieser EM hat unser Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" festgestellt. Der spanische Referee Carlos del Cerro Grande hatte große Mühe mit der Spielleitung und machte sich das Leben vor allem durch eine inkonsistente und unberechenbare Linie bei der Zweikampfbewertung sowie bei der Kartenverteilung selbst schwer.

Mal zu kleinlich wie bei der frühen Gelben Karte für Kimmich in der 6. Minute, hier hätte eine Ermahnung gewiss genügt. Mal zu großzügig wie beim rüden Anspringen von Gosens gegen Pavard nach knapp einer Stunde, das zwingend eine Verwarnung nach sich hätte ziehen müssen. Als Kimpembe gegen Müller den Fuß drüber hielt, gab es den fälligen Freistoß nicht, und in der 40. Minute pfiff der Schiedsrichter nicht das klare Halten von Hernandez, sondern den anschließenden Fußtreffer von Kimmich. Bei der Grätsche von Hummels gegen Mbappé nach 78 Minuten im deutschen Strafraum weiterspielen zu lassen, war dagegen in Ordnung: Der Fußkontakt von Hummels gegen Mbappé war geringfügig, danach spielte der deutsche Innenverteidiger klar den Ball.

Rüdiger hatte Glück, dass der Video-Assistent seinen angedeuteten Biss gegen Pogba kurz vor der Pause entweder nicht bemerkt hatte oder nicht für so eindeutig rotwürdig hielt, dass eine Review-Empfehlung unumgänglich war. Insgesamt ohne wirkliche Akzeptanz, keine gute Ausstrahlung, bekam die Proteste nur schwer eingefangen. Fiel gegenüber den bisher gezeigten Leistungen der Unparteiischen deutlich ab.

Was sagen die Beteiligten?

Bundestrainer Joachim Löw: "Es war ein brutal intensives Spiel. Wir haben alles in die Waagschale geworfen, haben gefightet bis zum Schluss. Ein Eigentor hat das Spiel entschieden. Wir wussten, dass Frankreich extrem gut kontert. Da konnten wir nicht alles unterbinden. Aber kämpferisch kann ich der Mannschaft nichts vorwerfen, wir haben alles reingehauen. Was uns gefehlt hat, war die Durchschlagskraft im letzten Drittel."

Löw zum Eigentor: "Da kann man ihm keinen Vorwurf machen. Das ist Pech. Der Ball von außen kommt scharf. Vielleicht hätten wir den Einwurf früher verteidigen können. Aber für Mats war es schwer, den Ball zu klären."

Toni Kroos: "Wir haben in meinen Augen ein gutes Spiel gemacht, wir hatten gute Chancen, nicht weniger als die Franzosen. Ein unglückliches Tor hat das Spiel entschieden. Wir haben vieles sehr gut kontrolliert, ich habe sehr wenige französische Konter gesehen. Was uns gefehlt hat, war ein Tor. Wenn du das erste Spiel verlierst und hast nur drei Gruppenspiele, ist der Druck groß."

Joshua Kimmich: "Das 1:0 hat ihnen brutal in die Karten gespielt. Wir wollten nicht zu früh auflösen, haben es aber versäumt, komplett ins Risiko zu gehen und noch mehr auf das 1:1 zu drücken. Wir wollten trotz des 0:1 kein Harakiri spielen. Gegen Portugal müssen wir gewinnen."

Didier Deschamps: "Ein großes Spiel gegen eine starke deutsche Mannschaft. Ich wusste, wir würden bereit sein. Es war ein großes Gefecht. Mit dem zweiten Tor wären wir auf der sicheren Seite gewesen. Aber wir haben auch nicht so viel gelitten in der zweiten Halbzeit. Das hätte auch ein Halbfinale oder Finale sein können. Die drei Punkte sind sehr wichtig."

Der Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.