Fußball-EM

EM-Achtelfinale im Schnellcheck Müller dient als Sinnbild des Scheiterns

Mit dem Achtelfinal-Aus bei der EM endet die Ära Joachim Löw. Das letzte Spiel des Bundestrainers ist eine Niederlage gegen England, in der Thomas Müller eine tragische Rolle einnimmt. Für die Three Lions ist es dagegen das Ende einer langen Wartezeit.

Wie war die Ausgangslage?

Louis van Gaal sagte es einst vielleicht am schönsten: Tod oder Gladiolen. Achtelfinale der Europameisterschaft, England gegen Deutschland, die Fußball-Kathedrale Wembleystadion. Die Three Lions haben bei einer EM noch kein K.-o.-Duell mit einer DFB-Auswahl gewonnen, 1972 im Viertelfinale und 1996 im Halbfinale gab's jeweils Niederlagen. Beide im alten Wembley übrigens, das 2003 abgerissen wurde. Letzter Torschütze im letzten Spiel: Dietmar Hamann zum 1:0-Sieg in der Qualifikation zur WM 2002.

Für Joachim Löw ist es wie schon beim dramatischen 2:2 gegen Ungarn das potenziell letzte Länderspiel als Bundestrainer. Weil bei Aufeinandertreffen mit England immer das Wort "Elfmeterschießen" fällt, musste auch Löw darüber sprechen. "Kein Trainer wünscht sich das", sagte er und forderte stattdessen, der Viertelfinalist möge doch bitte gerne nach 90, spätestens aber nach 120 Minuten feststehen.

Trainer sind derweil ein gutes Sprichwort, denn nicht nur Löw steht in der Kritik, sondern auch sein Amtskollege Gareth Southgate. Weil die Engländer unfassbares Offensivtalent im Kader haben, aber in der Vorrunde doch nur zwei magere Tore schossen, beide übrigens durch Raheem Sterling, und obwohl die ja für sieben Punkte und den Gruppensieg reichten. "Die Identität ist klar, sie gefällt bloß vielen Fans nicht", schrieb der "Guardian" fast schon als Prophezeiung der vermeintlich wieder zu zaghaften Aufstellung. Phil Foden, Mason Mount, Marcus Rashford und Jadon Sancho sitzen allesamt auf der Bank, das klingt schon nach Verschwendung.

Löw wechselt dreimal im Vergleich zum Fast-Debakel gegen Ungarn, setzt diesmal auf den Herzensmenschen Leon Goretzka ("Im Moment sehr gut drauf, sehr dynamisch"), weil İlkay Gündoğan "ein bisschen Probleme mit Schwindel" hatte. Leroy Sané macht wieder Platz für den genesenen Anführer Thomas Müller und Timo Werner übernimmt die Rolle als Mittelstürmer von Serge Gnabry, der bisher auch kein gutes Turnier erwischt hat. Worüber niemand mehr spricht, wenn die DFB-Elf am Ende die Gladiolen pflückt.

Und wie war's im Stadion, Herr Erdenberger?

45.000 Menschen in einem Fußballstadion, in Zeiten einer weiter grassierenden Pandemie, an einem Ort, den man aus Deutschland kommend nur unter strengen Auflagen bereisen darf und von dem man als Deutscher mit Wohnsitz in Deutschland auch nur unter Einhaltung scharfer Quarantäne-Regeln wieder zurück in die Heimat kommt: Eine komplizierte Gemengelage. Ins Wembley-Stadion durften so 2000 Anhänger des DFB-Teams, die in London oder in der Region um die britische Hauptstadt wohnen. England ist seit Wochen als Virusvariantengebiet eingestuft.

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Ganz schön viel los.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

Die Uefa hat mit leichtem Druck auf die britische Regierung immerhin dafür gesorgt, dass die unterschiedlichen Quarantäneregeln in Europas Staaten nicht der weitestgehend reibungslosen Durchführung ihres Turniers im Wege stehen. Die Fußballer und ihr Tross dürfen dieser Tage weitestgehend unbehelligt durch Europa reisen, auch Journalistinnen und Journalisten profitieren von den zum Turnier erlassenen Sonderregelungen. Wir hätten von diesem Fußballfest von diesem heiligen Ort des Sports aus berichten können, ohne vorher oder hinterher lange in Quarantäne zu müssen, haben uns aber für dieses Achtelfinale dagegen entschieden.

Teams und Tore

England: Pickford/FC Everton (27 Jahre/35 Länderspiele) - Walker/Manchester City (31/58), Maguire/Manchester United (28/34), Stones/Manchester City (27/46) - Phillips/Leeds United (25/12), Rice/West Ham United (22/24) ab 88. Henderson/FC Liverpool (31/61) - Trippier/Atletico Madrid (30/30), Shaw/Manchester United (25/13) - Saka/FC Arsenal (19/7) ab 68. Grealish/Aston Villa (25/10), Sterling/Manchester City (26/65) - Kane/Tottenham Hotspur (27/58); Trainer: Southgate
Deutschland: Neuer/Bayern München (35 Jahre/104 Länderspiele) - Ginter/Borussia Mönchengladbach (27/44) ab 87. Can/Borussia Dortmund (27/37), Hummels/Borussia Dortmund (32/76), Rüdiger/FC Chelsea (28/45) - Kimmich/Bayern München (26/59), Goretzka/Bayern München (26/35), Kroos/Real Madrid (31/106), Gosens/Atalanta Bergamo (26/11) ab 88. Sane/Bayern München (25/34) - Havertz/FC Chelsea (22/18), Müller/Bayern München (31/106) ab 90.+2 Musiala/Bayern München (18/5), Werner/FC Chelsea (25/42) ab 68. Gnabry/Bayern München (25/26); Trainer: Löw
Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)
Tore: 1:0 Sterling (75.), 2:0 Kane (86.)
Zuschauer: 45.000 (in London)
Gelbe Karten: Rice, Phillips, Maguire - Ginter (2), Gosens

Der Spielfilm

8. Minute: Gelb? Rot? Notbremse? Leon Goretzka ist zumindest sichtbar erbost, als Declan Rice ihn kurz vor dem Strafraum zu Boden zerrt. Der Weg zum Tor ist nicht mehr weit und auch vergleichsweise frei, als Goretzka fällt. Schiedsrichter Danny Makkelie zieht Gelb, weil Kyle Walker mit dabei ist, die richtige Entscheidung. Der Freistoß landet dann übrigens in der Mauer, Standards liegen der DFB-Elf einfach nicht.

16. Minute: Manuel Neuer hebt ab, weil Raheem Sterling von links ins Zentrum zieht und die erste größere englische Chance heraufbeschwört. Der Schuss aus über 20 Metern ist gefährlich, aber gut erreichbar für Neuer.

33. Minute: Irgendwann ist Timo Werner seit seinem Abschied aus Leipzig das Abschlussglück verloren gegangen, und er findet es auch jetzt nicht wieder. Dabei legt ihm Kai Havertz den Ball mustergültig, wie es dann so gerne heißt, in den Lauf. Mit Tempo geht Werner von links aufs Tor zu, scheitert aber an Keeper Jordan Pickford. Löw hatte vor Anpfiff gesagt, es gebe heute "keine zweite Chance", und dürfte damit Aktionen wie diese gemeint haben.

45+2. Minute: England hat die Queen, Deutschland hat Mats Hummels, den König der Grätsche. Harry Kane muss eigentlich nur noch einschieben, da fliegt ein langes Bein der deutschen Nummer 5 dazwischen und klärt das Leder, das längst aus Kunststoff besteht, zur Seite. Unfassbare Grätsche, schlicht Weltklasse.

Halbzeit. Seitenwechsel ja, Spielerwechsel nein. Ausgeglichen ist hier nicht nur der Spielstand.

48. Minute: Kai Havertz schießt wie jemand, der schon mal ein Champions-League-Finale entschieden hat. Die Flanke von Robin Gosens nimmt er aus 16 Metern direkt, das ist nicht nur torgefährlich, sondern auch technisch wertvoll. Allerdings hält Jordan Pickford in dieser Situation auch wie jemand, der in diesem Turnier noch unbezwungen ist.

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Das wär's gewesen.

(Foto: AP)

75. Minute, TOOOOR FÜR ENGLAND: Es heißt bei späten Toren ja gerne, sie hätten sich angedeutet, bei diesem ist es nicht so. Sterling leitet selbst mit einem Dribbling in die Mitte ein, Kane legt ab zu Jack Grealish, der links Luke Shaw findet. Und der spielt in die Mitte, wo Sterling vollendet, der damit alle drei Turniertore Englands erzielt hat. Angedeutet hatte es sich nicht, unverdient ist es jedoch angesichts der Ausgeglichenheit dieses Duells auch nicht.

81. Minute: Das MUSS der Ausgleich sein, das MUSS das erste EM-Tor des Thomas Müller sein. Havertz fängt einen Pass im englischen Aufbau ab, schickt Müller auf die Reise, der frei auf Pickford zuläuft. Sein Abschluss überwindet den Keeper, streicht jedoch auch knapp am Pfosten vorbei.

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Die Entscheidung.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

86. Minute, TOOOOR FÜR ENGLAND: Die Kreisklassen-Weisheit lautet, wenn du sie vorne nicht machst, kassierst du sie hinten. Gilt auch für die EM 2021, denn Müllers Scheitern bestrafen die Three Lions. Der eingewechselte Serge Gnabry verliert den Ball, Shaw macht Tempo, steckt nach links zu Grealish, der flankt. Zu Harry Kane, der völlig freisteht und aus sechs Metern natürlich keine Mühe hat, mit einem Kopfball das Spiel zu entscheiden.

90+4. Minute: Abpfiff. Erstmals seit dem Finale der WM 1966 gewinnt England ein K.-o.-Spiel gegen eine Auswahl des DFB. In erster Linie, weil sie ihre wenigen Chancen eben nutzt.

Unseren Spielbericht finden Sie hier.

Was ist jetzt mit Joachim Löw?

Das war es also, das letzte Länderspiel der Ära Löw. Seinen Abschied nach der EM hatte er angekündigt, und mit dem Ende der EM für die deutsche Nationalmannschaft endet dann auch die 15-jährige Amtszeit Löws, der der 2006 nach zwei Jahren als Co-Trainer zum Chef aufgestiegen war. Mit Hansi Flick steht der Nachfolger schon fest, der als Assistent gemeinsam mit Löw 2014 die WM gewann und nun mit der Empfehlung von eineinhalb Saisons beim FC Bayern antritt, den er in 19 Monaten zu 7 Titeln führte. Dass Löw nach dem Abpfiff wortlos in die Kabine verschwand, ist in erster Linie nicht enttäuschend, er ist ja keine Rechenschaft schuldig. Sondern vor allem menschlich in einem Moment, der einen Abschied bedeutet.

Und wie ist das mit der Todesgruppe F?

Die ist erledigt, und zwar in dem Sinn, dass sie die erste ist, aus der für alle vier Mannschaften das Turnier beendet ist. Für Ungarn schon nach der Gruppenphase, für Portugal (0:1 gegen Belgien), Frankreich (6:7 n.E. gegen die Schweiz) und nun Deutschland nach dem Achtelfinale. Seit 2014 haben sie alle großen Titel - Deutschland die WM 2014, Portugal die EM 2016 und Frankreich die WM 2018 - gewonnen, entsprechend groß waren die Erwartungen. Wer sich hier durchsetzt, ist Turnierfavorit, hieß es auch in unserer Vorschau. Eine Prognose, die von der Realität brutal widerlegt wurde.

Aber es lag nicht nur an Thomas Müller, oder?

Fußball ist ja auch ein Spiel mit der Symbolik und die vergebene Großchance zum Ausgleich durch Thomas Müller fasste in einer Szene zusammen, woran die DFB-Elf gescheitert ist. "Es ist wichtig, dass man solche Chancen nutzt", sagte der nun also tatsächlich scheidende Bundestrainer nach seinem letzten Länderspiel in der ARD. Und es war eben DIE Gelegenheit zum Tor, eine aus der Kategorie "Hundertprozentige", eine, die ein Weltklassemann wie Müller sie für gewöhnlich nutzt. Tat er aber nicht und es passte zum glücklosen Auftritt Müllers, dessen Einfluss als Lautsprecher und Antreiber bei Geisterspielen so herausragend erkennbar war und heute vor 45.000 Heimfans so gering schien wie lange nicht mehr. Die Erwartungen an den Rückkehrer waren riesig, wahrscheinlich viel zu groß, und gegen England konnte er sie dann nicht mehr erfüllen. Es lag aber natürlich nicht nur an Müller, schon allein, weil sich ein so komplexes Spiel nicht auf eine einzige Szene reduzieren lässt.

Und wie geht's jetzt weiter?

Für England mit der Reise nach Rom, wo nach vier Spielen im heimischen Wembley das Viertelfinale ansteht. Für Deutschland mit dem Neuanfang, den viele schon nach der WM 2018 gefordert hatten, den Löw mit der dann wieder zurückgenommenen Aussortierung von Mats Hummels und Thomas Müller selbst unterbrochen hat. Die Ausrichtung obliegt nun aber nicht mehr Löw, sondern Hansi Flick, dem bis zum Beginn der WM 2022 allerdings gerade einmal 17 Monate blieben. Und der auch gar nicht zwingend alles umwerfen muss. Denn ein Neuanfang ist es schon allein deshalb, weil mit Löw eine der prägenden Figuren der (deutschen) Fußballgeschichte abtritt.

Was war denn taktisch auffällig, Herr Eckner?

Beide Trainer standen vor diesem Aufeinandertreffen enorm unter Druck, weil ihre taktische Arbeit im jeweiligen Land von vielen Seiten in Frage gestellt wurde. Gareth Southgate entschied sich für eine Umstellung. Der 50-Jährige änderte die Formation von einem 4-2-3-1 in ein 3-4-3 - er brachte also einen zusätzlichen Verteidiger und opferte dafür einen Offensivspieler. Joachim Löw nahm derweil keine Änderungen an der taktischen Formation vor, stellte aber mit der Hereinnahme von Goretzka und Werner zweimal personell um.

Zu Beginn funktionierte das deutsche Pressing und vor allem das Gegenpressing über Kroos und Goretzka hervorragend. Mit der Zeit wurden die Deutschen aber immer weiter nach hinten gedrückt, was unter anderem mit der höheren Position der beiden englischen Flügelverteidiger sowie von Mittelfeldspieler Phillips zu tun hatte. In diesen Phasen stand die DFB-Elf in einem 5-3-2 und hatte nur wenige Möglichkeiten, Konterangriffe zu kreieren.

In der zweiten Halbzeit wollte Löws Mannschaft den Spielrhythmus niedrig halten. Doch dieser Plan ging nicht auf, denn als England über Grealish und Sterling mehr Dynamik auf den Flügeln entwickeln konnte, war das DFB-Team nahezu machtlos. Einmal in Rückstand, konnten die deutschen Spieler natürlich nicht einfach den Schalter umlegen und plötzlich die Offensivräume mühelos bespielen. Löws Herangehensweise war riskant und sie ging nicht auf.

Herr Feuerherdt, wie war der Schiedsrichter?

Der Niederländer Danny Makkelie war dem Spiel ein sicherer und konsequenter Leiter, der zudem ein gutes Gespür für das richtige Strafmaß hatte. Zweimal hätten die deutschen Spieler gerne eine Rote Karte wegen einer "Notbremse" für einen Engländer gesehen, doch bei den Fouls von Rice an Goretzka (8.) und von Maguire an Kimmich (77.) hätte jeweils noch ein englischer Verteidiger den Abschluss verhindern können. Deshalb wurden keine offensichtlichen Torchancen verhindert, und es gab somit in beiden Situationen zu Recht nur die Gelbe Karte.

Auch die Verwarnung gegen Phillips kurz vor der Pause war gerade noch vertretbar, weil der Engländer im Kampf um den Ball nur mit den hinteren Stollen kurz über das Sprunggelenk von Kroos rutschte und seinem Gegner keinen Volltreffer mit der offenen Sohle verpasste. Gute Kooperation mit seinen Assistenten, die bei beiden englischen Toren sofort erkannten, dass kein Abseits vorliegt, und nicht den VAR benötigten. Makkelie überzeugte darüber hinaus durch seine starke Präsenz und seine souveräne Ausstrahlung. Hielt die intensive Partie sehr gut im Fluss und lag in allen spielrelevanten Situationen richtig.

Der Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de

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