Fußball-WM

Mbappé-Show bleibt ungekrönt Der beste Vize-Weltmeister, den es je gab

Viel hat nicht gefehlt und Frankreich hätte den Titel bei der Fußball-Weltmeisterschaft verteidigt. Und wäre das gelungen, dann wäre das einzig und allein Kylian Mbappé zu verdanken gewesen. Der 23-Jährige zeigt in Katar, warum er die nächste Dekade prägen wird.

Hätte der argentinische Abwehrochse Nicolás Otamendi mit seiner zerrenden Dummheit nicht sekundenlang um Elfmeter gefleht, dieses erst zähe, dann völlig wilde und mitreißende WM-Finale hätte sehr wahrscheinlich ohne Kylian Mbappé als Protagonisten stattgefunden, er wäre bloß ein schneller Schatten gewesen. Bis zur 80. Minute, bis der 23-Jährige den Strafstoß - verursacht an seinem Teamkollegen Randal Kolo Muani -, verwandelt hatte, war dieser ersehnte katarische Superstar-Schlagabtausch schlicht keiner gewesen. Mbappé hatte keinen Zugriff auf das Spiel, während sein Pariser Luxus-Spielgefährte Lionel Messi bereits ein Tor erzielt (1:0, 23. Minute, Elfmeter) und ein paar schöne Momente kreiert hatte.

Doch mit diesem Elfmeter kippte alles. Wie schon im Viertelfinale gegen die Niederlande vergeigte Argentinien ein sicheres Ergebnis (2:0) und ein souveränes Spiel. Und wie schon im Viertelfinale gegen die Niederlande zog das Team vom Messi die Dinge gerade noch einmal glatt. Im Elfmeterschießen triumphierte sich "La Pulga", wie Messi genannt wird, zum größten Genie der Fußballgeschichte.

Mit 4:2 setzte sich Argentinien im Duell durch, 3:3 hatte es nach 120 Minuten und tüchtig viel Nachspielzeit gestanden. Und für dieses 3:3 war einzig Herr Mbappé verantwortlich. Kaum hatte er seiner ausgelaugten und chancenlosen Mannschaft mit dem 1:2 wieder Hoffnung, wieder Leben eingehaucht, hatte er auch schon das 2:2 (81.).

Mbappé lässt Messi mächtig zittern

Wären die Vorräte des Begriffs Wahnsinn im Fußball und bei dieser WM nicht schon nicht längst aufgebraucht, man müsste ihn ein letztes Mal aus irgendwelchen Notreserven heraus klauen. Messi verdaddelte im Mittelfeld den Ball gegen Kingsley Coman, über Adrien Rabiot landete der Ball bei Mbappé, der spielt einen spektakulären Doppelpass mit Marcus Thuram und vollendet schließlich noch spektakulärer. Per rutschendem Seitfallzieher oder etwas Derartigen. Was für eine Szene. Das Finale war gekippt. Argentinien am Boden, der letzte Traum von Messi schien brutal zu platzen. Der Dominator der beiden vergangenen Fußball-Dekaden ernüchtert von seinem wahrscheinlichen Nachfolger, von seinem Teamkollegen bei der katarischen Dependenz in Europas Topfußball.

Doch dieses Spiel hatte nun so richtig Fahrt aufgenommen. Und mit ihm Mbappé. Bis in die letzte Sekunde der Verlängerung hinein dribbelte er sich durch die argentinische Hintermannschaft. Mit ein, zwei, drei, vier Gegnern nahm er es auf, spielte sie schwindelig und scheiterte dann an irgendeinem Körperteil der heftig schwankenden Abwehr. Bis zur 105. Minute war Argentinien geschockt, dann rüttelte Messi sein Team auf, spielte Lautaro Martinez frei, dessen Versuch Dayot Upamecano gerade noch blockte. Vier Minuten später übernahm der GOAT, der Größte aller Zeiten, die Vollendung selbst. Aus kürzester Zeit stocherte er den Ball über die Linie, 3:2.

Das Ultimative schien unausweichlich ...

Längst war dieses Spiel zu dem geworden, was es hatte von Beginn an hatte werden sollen: der Showdown der Giganten aus zwei unterschiedlichen Generationen, der Showdown von Messi und Mbappé. Was für ein Finale - und natürlich hatte Mbappé wieder eine Antwort. Er schloss aus 20 Metern wuchtig ab, blieb aber am weit vom Körper weggestreckten Arm von Gonzalo Montiel hängen - wieder Elfmeter, wieder drin, 3:3 (118.)! Wahn... , ach, denken Sie sich einfach einen anderen Superlativ aus. Das Ultimative schien unausweichlich. Doch da war noch die 123. Minute - Kolo Muani scheitert am sensationell-überragend parierenden Emiliano Martinez, ehe Lautaro Martinez Sekunden später einen Kopfball aus neun Metern frei stehend neben das Tor setzt.

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In diesen Momenten war alles vergessen, was diese WM an Skandalen und falschen Einschätzungen von FIFA-Boss Gianni Infanino umweht und erschüttert hatte. Die pure Essenz des Spiels. Dann das Duell aus elf Metern. Mbappé legte vor, wuchtig. Messi zog nach, lässig. Mehr konnten die Helden nicht tun. Das Schicksal lag auf anderen Füßen - Coman und Aurélien Tchouaméni scheiterten, Paulo Dybala (für das Duell extra eingewechselt), Leandro Paredes und schließlich Pechvogel Montiel trafen. Argentinien war Weltmeister, Messi der König! Das Lebenswerk war vergoldet. Auf den letzten Metern der Karriere, die bald enden wird, enden muss.

Die Argentinier bildeten eine Traube um ihre Legende. Ein Kreis der Tränen, des Glücks. Mbappé dagegen stand im Mittelkreis, allein, der Blick ins Nichts gerichtet. Den Trost der Kollegen ließ er emotionslos an sich abperlen. Ebenso die Glückwünsche von Infantino und all den anderen Offiziellen um den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Ganz allein und etwas verloren schritt er über das große Siegerpodest, den goldenen Schuh in der Hand, um dann für das obligatorische Foto zu posieren. Was hatte er für ein Turnier gespielt? Mit acht Toren ist er Torschützenkönig geworden. Als erster Spieler seit dem Engländer Geoff Hurst im legendären WM-Finale von Wembley 1966 erzielte er drei Treffer in einem Endspiel. Und mit vier Toren in zwei Finals hat er nun so viele erzielt wie kein anderer Fußballer vor ihm. Er hat die Brasilianer Vavá und Pelé getoppt, Paul Breitner und seinen Landsmann Zinedine Zidane. Dabei hätte dieses Spiel fast ohne ihn als Protagonisten stattgefunden, er wäre beinahe bloß ein schneller Schatten gewesen. Aber er wurde der beste Vizeweltmeister, den es je gab.

Quelle: ntv.de

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