Fußball-WM

Sommermärchen, WM-Sieg, Hashtags Der steile Aufstieg und tiefe Fall von DFB-Boss Bierhoff

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Bierhoff führte den DFB erst an die Spitze, dann ins Mittelmaß.

(Foto: IMAGO/Sven Simon)

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Es ging dann doch schneller als erwartet: Oliver Bierhoff ist nicht mehr DFB-Direktor. Der 54-Jährige verabschiedet sich nach 18 Jahren vom DFB und macht den Weg frei für einen Neuanfang, der diesmal vielleicht sogar einer sein könnte. Die Zeit drängt: In 18 Monaten beginnt die EM in Deutschland.

Acht Jahre nach dem größten Triumph des deutschen Fußballs in diesem Jahrtausend liegt der DFB mal wieder am Boden. Alles, was in der Nacht von Rio 2014 glänzte und das deutsche Modell zu einem Vorbild für ganz Europa machte, ist schon lange zerschlagen, zerstört oder zerfallen. "Das ist die Arbeit von zehn Jahren", sagt Oliver Bierhoff nach dem 1:0 im WM-Finale gegen Argentinien. Sein Rücktritt, mit dem er wohl einem Rauswurf zuvorkommt, ist nun das Resultat seiner Arbeit aus den letzten acht Jahren.

Das Wirken des einstigen Weltklassestürmers als DFB-Funktionär lässt sich in vier Phasen unterteilen: den Aufstieg aus den Trümmern des Rumpelfußballs der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, den großen WM-Erfolg von Rio, den darauffolgenden Größenwahn mit dem absoluten Fokus auf das Produkt und den daraus resultierenden #zsmmnbrch, den Zusammenbruch, ab der WM 2018. Die inhaltsleeren Slogans und Hashtags erdrücken den DFB und führen ihn direkt aus der Spitze des Weltfußballs in das Mittelmaß.

Genau dort holt Bierhoff im Jahr 2004 den deutschen Fußball ab. Wie auch 2022 ist 2004 die letzte Korrekturmöglichkeit vor einem Heimturnier. Desaströse Welt- und Europameisterschaften in den Jahren 1998, 2000 und 2004, unterbrochen nur von einer bis heute mysteriösen Teilnahme am WM-Finale 2002, lassen die Vorfreude auf die Heim-WM 2006 auf ein Minimum sinken.

Doch mit seinen Trainern Jürgen Klinsmann und Joachim Löw legt er ab 2004 den Grundstein für das Sommermärchen und den späteren Triumph von Rio. Bierhoff schafft die Rahmenbedingungen für den ersten WM-Titel seit 1990, für den ersten großen internationalen Titel seit 1996. Dann verschiebt sich der Fokus. Der goldene Weltpokal ist der Ausgangspunkt für die entfesselte Kommerzialisierung der Nationalmannschaft, die plötzlich als eine Marke auftreten soll. Sie heißt jetzt "Die Mannschaft".

Weltklasse nur noch in PR

Doch eine Marke macht noch keine Mannschaft. Bierhoff will sich lange nicht eingestehen, dass die Eventisierung der Nationalmannschaft viel zu weit gegangen ist und die Leistungen über Jahre gleich schlecht bleiben. Weltklasse ist die DFB-Elf auf einmal nur noch in Slogans und PR ("Buzzwords" und "Stakeholder" machen vermehrt die Runde) und schon lange nicht mehr auf dem Rasen. Mercedes-Event-Shooting hier, Coca-Cola-Fanzone da. #zsmmn. #lgnd. Erst 2022 wird eine Abschaffung des unbeliebten Titels "Die Mannschaft" ernsthaft in Betracht gezogen.

Alle rein sportlichen Fakten sprechen gegen alle Beteiligten beim DFB seit 2016. Nach dem Aus im Halbfinale kommt die Nationalelf kein einziges Mal mehr über das Achtelfinale bei einem großen Turnier hinaus. Das zweifache Ausscheiden bei den WM-Turnieren 2018 und 2022 in der Vorrunde ist ein trauriger Rekord. Weniger erfolgreich war keine Episode der deutschen Nationalmannschaft nach dem zweiten Weltkrieg.

Dass der Erfolg ausbleibt, spricht auch gegen Bierhoff, dem es nicht gelungen ist, die richtigen Spielertypen zu fördern. Nach dem Titel 2014 setzen er und sein Team vor allem auf die Ausbildung von technischen Systemspielern. Nach dem Rücktritt von Miroslav Klose - und allerspätestens nach der verkorksten WM 2018 - wird aber deutlich, dass Deutschland ein großes Stürmerproblem hat. Der Spielertyp eines "echten Neuners" war nicht vorhanden und ist es immer noch nicht. So muss Niclas Füllkrug, der vor einem Jahr noch in der 2. Liga spielte, in Katar als eine Art Heiland herhalten.

Überhaupt: Eine Zentralisierung der Ausbildung, wie sie etwa in Frankreich der Fall ist, wo haufenweise Top-Talente aus dem Boden sprießen, bietet auch Bierhoffs Großprojekt der 150 Millionen Euro teuren DFB-Akademie nicht. Die Vereine und Verbände in Deutschland spielen nach wie vor, das mag man gut oder schlecht finden, die größte Rolle bei der Ausbildung. Dieses Problem hat Bierhoff, der vom Vollzeit-Manager der A-Nationalmannschaft zum Verantwortlichen aller Auswahlteams umschulte, nie wirklich akzeptieren und lösen können.

Krisen ohne Konsequenzen

Aber auch die Spielweise unter dem Geschäftsführer Bierhoff sorgt seit 2016 für Frust bei den Fans. Berauschende Auftritte wie 2010 oder 2014 gibt es überhaupt nicht mehr. "Wir haben Sympathien verspielt", gesteht der ehemalige Stürmer hier und da. Doch auf ewig gleiche Parolen der Neuausrichtung folgen wenige Handlungen, Bierhoffs Umgang mit den Krisen sorgt immer wieder für Kritik.

Der scheidende Manager hält viel zu lange an Joachim Löw und sich selbst fest. Ein Abschied der ehemaligen Weltmeister-Macher fordern schon nach der Blamage 2018 viele, auch weil beide das Thema Mesut Özil vollkommen unterschätzen und eine Führung der Nationalmannschaft innen wie außen nicht auf die Beine stellen können. Wirklich begriffen, was in Russland rund um das Teams falsch lief, haben Trainer wie Manager wohl nie, wie die WM in Katar nun aufzeigt. Er wolle näher an die Mannschaft ran, sagt Bierhoff nach der WM in Russland, damit zukünftig die Einstellung stimme, doch 2022 ist dieser Punkt noch immer ein Thema.

Die EM 2021 ist eigentlich auch ein Liefertermin für Bierhoff, doch nach dem Aus gegen England im Achtelfinale, hört man wieder bekannte Sätze - und er macht weiter. Auch weil auf seiner Position keine neuen Reize gesetzt werden, fährt der DFB den Kahn bei der WM in Katar erneut in den Sand.

Die Analyse des erneuten WM-Debakels steht an diesem Mittwoch an. Auf der einen Seite werden DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFB-Vize Hans-Joachim Watzke und auf der anderen Seite Bundestrainer Hansi Flick sitzen. Nach ntv.de-Informationen ist es wahrscheinlich, dass der ehemalige Trainer der Bayern die Nationalmannschaft in Richtung Heim-Europameisterschaft 2024 führen wird. Wer auf Bierhoff folgen wird, ist noch unklar.

Mit Bierhoffs Abgang und dem sich anbahnenden Aus der DFL-Chefin Donata Hopfen, die ihren Posten nach nur einem Jahr im Amt abgeben soll, steht der deutsche Fußball im Dezember 2022 vor einschneidenden Veränderungen. Diese müssen nun den rasanten Abstieg des beliebtesten Sports Deutschlands stoppen.

Quelle: ntv.de

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