Fußball

Gewalt, Schläge, Spielabbrüche "Brutalisierung" im Amateurfußball erreicht neue Qualität

Schiedsrichter Geoffrey May nach dem Angriff.

Schiedsrichter Geoffrey May nach dem Angriff.

(Foto: privat)

Der Saisonauftakt in der 2. Kreisklasse Hildesheim endet für den Unparteiischen im Krankenhaus. Weil er einen Spieler vom Platz stellt. In der seltsamen Zwischenzeit nach Corona und vor Corona ist auch der Amateurfußball brutaler geworden. Der DFB leitet Gegemaßnahmen ein.

Was für eine brutale Attacke auf einen Schiedsrichter. Ein Spiel in der Kreisklasse 2 im Landkreis Hildesheim endete am vergangenen Wochenende für einen Unparteiischen im Krankenhaus. Er war bei der Partie SG Bettmar/Dinklar gegen Concordia Hildesheim II von einem Gästespieler niedergestreckt worden. Kein Einzelfall im Amateurfußball. Gerade nach der Pandemie. "Die Qualität der Gewalt auf den Sportplätzen hat sich nach Corona verändert", sagt Thaya Vester, Kriminologin an der Universität Tübingen im Gespräch mit ntv.de.

Was ist im Landkreis Hildesheim passiert? Und wie ordnet sich das in das Geschehen auf den Plätzen im deutschen Fußball ein? Geoffrey May ist schon weit über 30 Jahre, als er sich entscheidet, Schiedsrichter zu werden. Seine Tochter hat den Handball gegen den Fußball getauscht. Sie spielt bei einem Verein im Landkreis. Ihr Vater steht an der Seitenlinie und meckert über den Unparteiischen. Das reicht ihm nicht. Er will nicht nur kritisieren und beginnt mit der Schiedsrichter-Ausbildung. Digital, weil gerade Pandemie ist. Doch irgendwann besteht er die Prüfung und der Fußball ist zurück. May, der nie Fußball im Verein gespielt hat, beginnt seine Karriere.

"Ich bin ein leidenschaftlicher Schiedsrichter", erzählt May im Gespräch mit ntv.de. "Ich pfeife alles, was anfällt." Er ist im besten Sinne jemand, der das Ehrenamt ausfüllt. An den Wochenenden steht er auf den Plätzen, assistiert im Seniorenbereich momentan in der Bezirksliga und leitet Spiele bis hoch zur Kreisklasse 2. May wird nie in einem großen Stadion ein Spiel leiten, aber in den unteren Klassen dafür sorgen, dass der Spielbetrieb laufen kann.

Polizei nimmt Ermittlungen auf

So auch an diesem Sonntag bei der SG Bettmar/Dinklar. Die erwarten die zweite Mannschaft von Concordia Hildesheim zum Meisterschaftsauftakt. May wird das Spiel leiten. Und immer wieder die Spieler ermahnen. "Es gab kleinere Fouls, kleine Meckereien, nichts Außergewöhnliches", sagt er. Ein Spieler der Gästemannschaft tut sich besonders hervor. May ermahnt ihn, verwarnt ihn, legt ihm dann eine Auswechslung nahe. Doch der Spieler reagiert nicht.

"Irgendwann musste ich Gelb-Rot ziehen. Da wollte er mir erst eine Kopfnuss geben, die konnte ich abwehren, doch danach habe ich nur noch einen stechenden Schmerz gespürt", erzählt May. "Ich bin dann irgendwann zu Boden gesunken. Ein Rettungswagen wurde gerufen, die Polizei auch." Das Spiel wird abgebrochen.

Die Polizeiinspektion Hildesheim erklärt gegenüber ntv.de nüchtern: "Der Schiedsrichter wurde nach verbalen Streitigkeiten nach einer Gelb-Roten-Karte von dem Spieler mit der Faust niedergestreckt worden." Gegen den Täter werde nun wegen Körperverletzung ermittelt.

Die Auslöser der Gewalt

"Das ist ein sehr typisches Bild. Spieler, gegen die persönliche Strafen ausgesprochen werden, eskalieren. Wir sehen das immer wieder", sagt die Kriminologin Thaya Vester, die bis zum letzten DFB-Bundestag Mitglied der Projektgruppe "Gegen Gewalt gegen Schiedsrichter" war und die zu Gewaltvorkommnissen im Amateurfußball forscht. Davon gibt es auf den ersten Blick gar nicht so viele.

Nur bei etwa 0,5 Prozent aller Spiele notieren die Schiedsrichter später sogenannte Störungen auf dem Online-Spielberichtsbogen. Dort werden "Gewalthandlungen" wie Tätlichkeiten oder Bedrohungen sowie "Diskriminierungen" erfasst. Darunter fallen Äußerungen, die die Würde der betreffenden Person verletzen, menschenverachtende Gesten und diskriminierende Handlungen. Unsachliche Äußerungen und normale Beleidigungen fallen nicht darunter. Nicht alles aber wird gemeldet, nicht jedes Spiel online erfasst. Aber grundsätzlich, sagt Vester, sind die Vorkommnisse in den letzten Jahren konstant geblieben.

Für die jüngste Saison hat der DFB noch keine Daten vorgestellt. "Wir haben noch keine finalen Zahlen, aber es zeichnet sich ab, dass die Spielabbrüche massiv zugenommen haben." Das habe eine neue Qualität erreicht. Rund 0,05 Prozent aller erfassten Spiele werden abgebrochen. Bei über einer Million Spielen im DFB pro Saison kommt dort einiges zusammen. Die Zahl der Spielabbrüche wird für die Saison 2021/2022 wohl nur knapp nicht vierstellig sein.

Vester kann nicht genau sagen, warum die Gewalt derart zugenommen hat. Sie will nicht spekulieren. Spricht jedoch auch von einer möglichen "Brutalisierung" der Spiele nach Corona. Sie zieht die zahlreichen großen und kleinen Krisen dieser seltsamen Zwischenzeit für diese neue Brutalität heran. Möglicherweise könnte die der Auslöser sein.

May will nicht aufgeben

May muss diese Brutalität am eigenen Körper miterleben. Die Untersuchungen im Krankenhaus zeigen eine Nasenwandfraktur, sein linkes Auge ist geschwollen, schmerzt beim Öffnen. May, der als Fotograf für eine Lokalzeitung arbeitet, hofft, dass es keine bleibenden Schäden am Auge gibt. Bislang sieht es danach aus. Der Spieler hat sich noch nicht bei ihm entschuldigt. "Das will ich auch gar nicht. Wer so brutal ist und auf dem Fußballplatz jemanden niederstreckt, hat dort nichts zu suchen", sagt er.

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Der DFB bemüht sich unterdessen, die Situation zu kontrollieren. Seit 2019 gibt es in allen Landesverbänden Anlaufstellen für Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Neuerdings gibt es ein Pilotprojekt: Deeskalationstraining für Unparteiische. Die ersten Reaktionen seien sehr gut, ist zu hören.

Geoffrey May wird auf den Platz zurückkehren. Dem Täter droht eine Anklage. Sein Verein hat ihn rausgeschmissen. Der Schiedsrichter-Obmann des Kreises sagt in der "Hildesheimer Allgemeine Zeitung": "Eine solche Brutalität mit diesen Folgen habe ich während meiner 30 Jahre als Schiedsrichter und Obmann bislang nicht erlebt."

Quelle: ntv.de

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